Karin Wenger: "Ich beobachte gerne, wie sich das Leben der Menschen entwickelt"

Karin Wenger interviewt in Indonesien eine Frau. Karin Wenger

In der Schweiz verfügen nur wenige Medien über ein eigenes Korrespondentennetz im Ausland. Wer sind diese Menschen, die im Ausland leben, um ihren Landsleuten von der Welt zu erzählen? Wie ist ihre Beziehung zur Schweiz als Journalistinnen und Journalisten? SWI swissinfo.ch stellt fünf Korrespondenten und Korrespondentinnen vor. Heute: Thailand.

Dieser Inhalt wurde am 20. Juli 2020 - 11:00 publiziert

Karin Wenger ist 41 Jahre alt. Seit fast 20 Jahren – fast die Hälfte ihres Lebens – lebt sie nicht mehr in der Schweiz. Von Zufällen zu Gelegenheiten, von Reisen zu Begegnungen, ist das Ausland zu ihrer Heimat geworden. Gegenwärtig ist sie Korrespondentin für Radio SRF in Südostasien und hat ihre Basis in Bangkok, Thailand.

Das Büro von Karin Wenger und ihrem Hund Raja (König) in ihrer Wohnung in Bangkok. Sie hat auch eine Katze namens Mr. Spock. Karin Wenger

Eine Reihe von Zufällen

Nach dem Studium der Politik- und Medienwissenschaften und Journalismus an den Universitäten Fribourg und Limerick (Irland) absolvierte die gebürtige Bassersdorferin (Kanton Zürich) ein Praktikum bei der NZZ (Neue Zürcher Zeitung). Wir schreiben das Jahr 2003. Während dieses Praktikums wird sie für eine Reportage nach Palästina geschickt. Das wird den Beginn ihrer Karriere im Ausland markieren.

Während sie ihren Artikel schreibt, stellt sie die Komplexität der Situation fest. Sie begreift, wenn sie "sie wirklich verstehen will", wird sie "viel mehr Zeit darauf verwenden müssen". In diesem Sinne bat sie darum, ihr letztes Studienjahr an der Universität Birzeit in der Nähe von Ramallah (Westjordanland) verbringen zu können. Nach ihrer Rückkehr schrieb sie ein Buch und reiste dann wieder ab, diesmal nach Syrien. Sie steht in regelmässigem Kontakt mit Radio SRF, das ihr offiziell eine Stelle als Korrespondentin in Bern anbietet.

"Ich wollte sehr gerne fürs Radio arbeiten, aber nicht in Bern. Ich wollte in die Welt hinaus. Also boten sie mir den Job in Indien an." Von der Hauptstadt Delhi aus deckt Karin Wenger ein riesiges Gebiet ab, das sich von Afghanistan bis zu den Malediven erstreckt.

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Ein unstillbarer Durst

"Ich wusste nichts über Indien oder Südasien, aber ich finde nichts faszinierender, als in ein unbekanntes Land zu kommen und es ein paar Jahre später 'Heimat' nennen zu können." Dennoch sind die Anfänge schwierig.

Die Megalopolis Neu-Delhi ist anspruchsvoll. Die Temperatur liegt im Sommer zwischen 40 und 50 Grad und die Verschmutzung ist im Winter so hoch, dass es fast unmöglich ist, sich ins Freie zu wagen. "Im ersten Jahr habe ich mir jede erdenkliche Tropenkrankheit eingefangen, auch das Dengue-Fieber", erinnert sich Wenger. Dann begann sie, sich mit Yoga und Meditation zu beschäftigen, um "einen gesunden Geist in einem gesunden Körper" zu haben. Als Frau ist der Alltag nicht immer einfach. "Ich musste immer vorsichtig sein, wie ich mich kleidete, und wurde immer angegafft."

Karin Wenger bei einer Reportage in Afghanistan. Karin Wenger

Doch weder Schwierigkeiten noch Gefahren können ihren Wunsch nach Wissen und Begegnungen untergraben. "Ich hatte Zugang zu Orten, wo Zivilisten nie hingehen, ich habe bewaffnete Konflikte und Naturkatastrophen erlebt... Ich war viele Male in Afghanistan und Pakistan." In Afghanistan ist sie immer in Alarmbereitschaft, denn "man weiss nie, wann die nächste Bombe hochgeht", sagt sie, ohne mit der Wimper zu zucken. Bei mehreren Gelegenheiten gerät sie durch ihr kritisches Denken in Schwierigkeiten, wie in Sri Lanka, wo sie auf der Pressekonferenz des Präsidentschaftskandidaten eine heikle Frage stellt. "Am gleichen Abend noch erhielt ich in meinem Hotel einen Ausweisungsbefehl."

"Indien war eine echte Lernerfahrung, sowohl beruflich als auch persönlich", so Wenger. Aber 2016, nach sechseinhalb Jahren in Neu-Delhi, ist die Neugierde wieder da, und sie will sich weiterentwickeln. Die Stelle der Korrespondentin für Südostasien ist gerade ausgeschrieben worden, aber da "es üblich ist, vor der Abreise eine Weile in die Schweiz zurückzukehren", bewirbt sich Wenger nicht. Zu ihrer grossen Überraschung bieten ihr jedoch ihre Vorgesetzten die Stelle an, und sie nimmt sie sofort an.

Wir laden Sie gerne zum 2. virtuellen SWI-Gespräch ein! Alle Details finden Sie am Schluss dieses Artikels.

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Nicht so ruhig, wie es aussieht

"Nach dem Nahen Osten und Südasien dachte ich, ich käme in eine friedliche Region. Nun, ich habe mich geirrt!" Auch wenn das Leben in Bangkok einfacher ist, entdeckt die Journalistin, dass Südostasien weit entfernt ist von dem Garten Eden, das Touristen zu sehen bekommen. "In den vergangenen vier Jahren habe ich die Erosion demokratischer Strukturen miterlebt, besonders auf den Philippinen mit Rodrigo Duterte, in Kambodscha, wo die gesamte politische Opposition ausgelöscht wurde, und in Burma mit der Rohingya-Tragödie." Deshalb legt sie Wert darauf, diese der breiten Öffentlichkeit unbekannten Aspekte aufzuzeigen.

"Hier kann die kritische und objektive Berichterstattung über Ereignisse kompliziert sein." In Thailand zum Beispiel sehen alle Korrespondenten davon ab, auch nur eine einzige Zeile über den König zu schreiben, aus Angst vor einer Gefängnisstrafe wegen Majestätsbeleidung. In Vietnam wollte Wenger über einen ökologischen Skandal (Schwermetallverschmutzung) berichten. Mit Hilfe des Bischofs war es ihr gelungen, betroffene Familien zu treffen. Als sie abreiste, warteten Regierungsbeamte am Flughafen auf sie, um sie über ihre Abschiebung zu informieren. "Zwei Jahre lang habe ich kein Visum mehr für dieses Land bekommen."

Wenger ist jedoch bewusst, dass die Situation für einheimische Journalisten und Journalistinnen viel schwieriger ist und dass es "Aufgabe der Auslandskorrespondenten ist, über Themen zu berichten, welche die Einheimischen aus Angst vor Repressalien nicht abdecken können".

Deshalb reist sie viel, auch wenn die damit verbundenen Verwaltungsverfahren manchmal entmutigend sein können.

Karin Wenger in Papua Neuguinea. Karin Wenger

Humanistisch im Herzen

Karin Wenger brachte Sprachkenntnisse von ihren vielen Reisen mit. Neben Schweizerdeutsch, Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch spricht sie Arabisch ("aber ich habe das meiste vergessen", sagt sie bescheiden), Hindi ("genug, um im Alltag zurechtzukommen") und Thai. Sie findet Thailändisch wegen der Intonation am schwierigsten von allen Fremdsprachen. "Je nach Intonation kann dasselbe Wort eine völlig andere Bedeutung haben."

Vor allem aber hat Karin Wenger von ihren vielen Reisen wunderbare Begegnungen und eine echte Liebe zu Kulturen und Menschen mitgebracht. Von Afghanistan behält sie nicht nur Erinnerungen vom Krieg, sie spricht von einem faszinierenden Land, in dem "die Menschen gastfreundlich sind wie nirgendwo sonst". Sie beschreibt Indonesien als ein "unglaublich schönes Land, das aus Dschungel und Meer besteht". Sie beschreibt Papua-Neuguinea als "eine andere Welt, mit ihren Stammesstrukturen, Clans und einem völligen Mangel an Diplomatie unter den Einwohnern".

Sie blieb mit vielen ihrer Interviewpartner in Kontakt. "Ich beobachte gerne, wie sich ihr Leben entwickelt." Zurzeit bereitet sie ein Porträtbuch vor, das die Geschichte ihrer wichtigsten Begegnungen erzählt.

Die Journalistin ist nicht naiv. Da sie die letzten 15 Jahre in Megastädten gelebt hat, schätzt sie die Sauberkeit und die geringe Bevölkerungsdichte, die sie bei ihren Besuchen in der Schweiz vorfindet. Sie ist auch mit der "tiefen Bedeutung der Demokratie" vertraut. Sie weiss aber auch, dass "Länder wie die Schweiz auf Kosten anderer Länder leben". Sie versteht nun, "zu welchem Preis unser Reichtum und Wohlstand existiert".

Um die Arbeit von Karin Wenger zu verfolgen, klicken Sie hier.

Das Buch: Checkpoint Huwara, Israelische Elitesoldaten und palästinensische Widerstandskämpfer brechen das Schweigen


Einladung zum virtuellen Gespräch: Wie ist die Schweiz Teil Ihrer Identität im Ausland?

Am 1. August feiert die Schweiz ihren Geburtstag. Zu diesem Anlass möchten wir mit Ihnen darüber diskutieren, was es bedeutet, Schweizerin oder Schweizer im Ausland zu sein. Wie wird die Schweiz in Ihrem Aufenthaltsland wahrgenommen? Wie geben Sie Ihre Schweizer Identität Ihren Kindern weiter? Karin Wenger, Radiokorrespondentin von SRF in Südost-Asien und langjährige Auslandschweizerin, diskutiert am 29. Juli um 15 Uhr (MEZ) mit uns über diese und weitere Fragen.

Melden Sie sich hier an! 😊

Gerne dürfen Sie uns Ihre Fragen oder Ideen auch im Vorfeld senden: emilie.ridard@swissinfo.ch.

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Thailand: besondere Beziehungen

Im Jahr 2019 lebten 9551 Schweizer Staatsangehörige dauerhaft in Thailand. Es ist das asiatische Land, das die meisten Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer anzieht. Die Zahl der in Thailand lebenden Schweizerinnen und Schweizer hat sich in den letzten 20 Jahren mehr als vervierfacht.
Starke historische und wirtschaftliche Bindungen verbinden die beiden Länder. Die ersten Kontakte gehen auf das 17. Jahrhundert zurück. Die Schweiz eröffnete 1932 ein Honorarkonsulat in Bangkok, gefolgt von einer Botschaft im Jahr 1949.
Thailand ist nach Singapur der wichtigste Handelspartner der Schweiz in Südostasien.

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Interview mit Schülerinnen im Süden Thailands. Karin Wenger
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