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Keckeis und der zähe Fluss der Armeereform

Christophe Keckeis: "Auslandeinsätze sind ein klarer Auftrag der Verfassung."

(Reuters)

Friedenssichernde Einsätze in ausländischen Krisengebieten stossen zunehmend auf Kritik aus dem rechten Lager. Dass die Soldaten die Waffe mit nach Hause nehmen können, ist der Linken ein Dorn im Auge.

Die Waffe im Haus sei eine Vertrauensfrage, sagt Armeechef Christophe Keckeis im swissinfo-Interview. In diesen Tagen sorgte zudem ein Buch über Keckeis für innenpolitischen Wirbel.

swissinfo: Sie stehen im Scheinwerferlicht und verkörpern Werte wie Disziplin und Entschlossenheit. Gibt es auch Zweifel in Ihrem professionellen Leben?

Christophe Keckeis: Verschiedene Themen in meinem Beruf sind hoch komplex. Das löst schon gewisse Zweifel aus, aber es kann nicht sein, dass man auf Stufe Chef der Armee diese Zweifel nicht beantwortet.

Ich muss sehr kopflastig entscheiden. Selbstverständlich habe ich auch viele Emotionen und weiche Faktoren, die mitspielen, aber wenn es um Entscheide geht, wird das sachlich und sorgfältig angegangen und gelöst.

swissinfo: Was macht Ihnen mehr zu schaffen, linke Armee-Kritiker oder Attacken von nostalgischen Offizieren und rechten Patrioten?

C.K.: Beides nehme ich sehr ernst. Beides ist Teil unserer gelebten Demokratie. Mit der rechten Seite habe ich mehr Mühe, die richtigen Argumente zu finden, denn diese Kritik ist völlig neu.

Früher war das linke Denken gegen die Armee einfach zu beantworten. Das war ideologisch immer sehr klar. Die Linke war – mit Nuancen - fundamental immer gegen die Armee.

Heute haben sich die Armeen so massiv verändert, dass auch die nostalgische, die rechte Seite, immer mehr Mühe hat. Das macht mir persönlich immer mehr Sorgen.

swissinfo: Wenn Sie laut darüber nachdenken, Soldaten in ein Krisengebiet zu entsenden, kommt der patriotische Protest postwendend. Haben Sie punkto internationaler Friedenssicherung überhaupt noch Spielraum?

C.K.: Ich bin überzeugt, dass wir diesen Spielraum haben, aber er ist schwer zu erarbeiten. Auslandeinsätze sind ein klarer Auftrag der Verfassung. Die UNO zählt auf uns, die Begehren kommen, der Trend ist ganz klar steigend.

Aber ich stelle fest, dass die Grundeinstellung der Schweizer hier den Takt noch nicht gefunden hat. Ich glaube, es braucht noch zwei oder drei Generationen, bis wir auf diesem Trend marschieren können. Wir haben eine so robuste Tradition in dieser Armee, dass wir da noch jahrelang Überzeugungsarbeit machen müssen.

Es ist eine typisch schweizerische Story. Aber den Handlungsspielraum haben wir, und wir werden schlussendlich in zwanzig Jahren dort sein, wo die andern heute schon sind.

swissinfo: Waffe zu Hause. Munition zu Hause: Das ist schweizerische Tradition. Kürzlich hat das Parlament beschlossen: die Munition gehört ins Zeughaus. Wie gehen Sie damit um?

C.K.: Das ist ein sehr aktuelles und schwieriges Thema. Wir müssen akzeptieren, dass das Schweizer Parlament den Soldaten die Taschenmunition einziehen will. Es gilt das Primat der Politik, und wir sind jetzt daran, den Entscheid umzusetzen.

Wenn es dann um die Waffe geht, wird es sehr, sehr schwierig. Ich erhalte enorm viele Feedbacks von Soldaten. Die haben das Gefühl, dass man ihnen mit der Waffe auch das Vertrauen weg nimmt. Das ist das Fatale.

Heute spürt der Soldat ein grosses Vertrauen, das man ihm mit der Waffe und der dazu gehörenden Ausbildung gibt. Wenn es soweit kommen sollte, dass die Soldaten die Waffe im Zeughaus abgeben müssten, dann hätten wir dramatische Probleme.

Dann würden wahrscheinlich manche Bürger nicht mehr mitmachen und sagen: "Da soll man mich definitiv in Ruhe lassen."

Es erstaunt mich, wie sich die ganze politische Welt um das Thema gekümmert hat. Sachlich ist das Einziehen der Taschenmunition für eine Milizarmee ja kein Thema. Es geht um eine ganz intime Dimension, um das Grundvertrauen in einen Milizsoldaten.

swissinfo: Wo ist der Feind?

C.K.: Weltweite Bedrohung Nummer Eins ist leider der Terrorismus. Die Schweiz ist, wie alle andern Staaten der westlichen Welt, exponiert. Dann geht es um organisierte Kriminalität und Massenvernichtungs-Waffen, die bei uns auch zirkulieren.

Eine militärische Aggression gegen die Schweiz hat heute eine sehr tiefe Wahrscheinlichkeit. Hier müssen wir in der Quantität reduzieren, in der Qualität jedoch hoch bleiben, damit wir bei den anderen Aufträgen das entsprechende Gewicht platzieren können.

swissinfo: Terroranschläge sind eindeutig weniger vorhersehbar als ein kriegerischer Angriff. Reicht denn eine Milizarmee gegen diese Bedrohung?

C.K.: Auch mit einer Milizarmee ist es möglich, gute Antworten zu geben. Die wichtigsten Aufträge im Zusammenhang mit Terrorismus sind ja sichern und bewachen. In der Luft und am Boden.

Wir haben Teile der Armee – allerdings berufliche – für die tägliche Wahrung der Lufthoheit eingesetzt. Am Boden brauchen wir jeden Tag Hunderte von Soldaten, um Botschaften und Konsulate zu schützen, weil das die Polizei nicht mehr machen kann.

Ein neues Produkt der reformierten Armee sind die Durchdiener. Das sind Hunderte von Soldaten, die bei einem Terroranschlag innert Stunden mit der richtigen Leistung am richtigen Ort sein können.

swissinfo: In wenigen Wochen treten Sie ab. Wie stellt sich Soldat Keckeis sein Leben ohne Uniform vor?

C.K.: Ich bin noch so stark engagiert, dass ich leider zu wenig Zeit finde, um mir das vorzustellen, aber ich werde sicher auch diese Kurve kriegen.

Meine Frau ist daran, Reisen zu organisieren, damit wir all das nachholen können, was in den letzten 42 Jahren zu kurz gekommen ist.

Ich habe mich vor Jahren aus der Liste der Kampfpiloten streichen lassen und kompensiere seither meine Flugleidenschaft als Motor- und Segelfluglehrer. Nach meiner Pensionierung werde ich wieder mehr fliegen und Nachwuchs ausbilden.

Schliesslich werde ich auch all die Mandate, die jetzt kommen, prüfen und einige auswählen, die meiner Persönlichkeit und meiner Ethik entsprechen.

swissinfo: Ein Buch über Sie, insbesondere dessen Finanzierung, hat in diesen Tagen Staub aufgewirbelt. Bundesrat Schmid hat entschieden, dass das Buch privat zu finanzieren sei und dass keine Steuergelder verwendet werden dürfen. – Ihre Reaktion?

C.K.: Das Buch ist noch nicht im Handel, erst wenige haben es gelesen. Bevor überhaupt über Inhalte gesprochen wurde, war bereits die Finanzierung ein negatives Thema.

Es ist ja nicht nur ein Buch über mich, sondern auch über die neue Schweizer Armee und deshalb planten die Herausgeber, das Buch bis auf Stufe Major hinunter abzugeben. Wir werden den Entscheid von Bundesrat Schmid umsetzen und den Steuerzahler nicht belasten.

swissinfo-Interview: Andreas Keiser

Wirbel um ein Buch

Gedacht ist es als Festschrift für den am 1. Januar 2008 abtretenden Chef der Armee. Das Buch "Christophe Keckeis - Die Zukunft der Schweizer Armee".

Herausgeber sind Philippe Zahno, Kommunikationschef der Armee und der Journalist Anton Schaller.

Nach der Veröffentlichung am 16. November kritisierten Parlamentarier die Tatsache, dass Rüstungsfirmen als Sponsoren an der Finanzierung beteiligt waren sowie die Absicht der Armee, 5000 Exemplare an Offiziere und Mitarbeitende der Bundesverwaltung zu verteilen.

Die dafür vorgesehenen 100'000 Franken Steuergelder beschäftigten auch die Schweizer Öffentlichkeit.

Am Mittwoch hat Verteidigungsminister Samuel Schmid entschieden, dass für die Festschrift keine öffentlichen Gelder verwendet werden dürfen.

Auf die Verteilung des Buches wird nun verzichtet.

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Christophe Keckeis

1945 in Neuenburg geboren, seit 1. Januar 2003 Generalstabschef, seit 2004 Chef der Schweizer Armee.

1976: Abschluss des Studiums der politischen Wissenschaften an der Uni Lausanne.

Seit 1968 Berufsmilitärpilot, absolvierte Keckeis eine Militärkarriere in der Luftwaffe.

Von 1985-1992 Testpilot für ein neues Kampflugzeug.

Am 1. Januar 2008 geht Christophe Keckeis in Pension.

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Armee-Tage 2007

Vom 20. bis 25. November stellt sich die Schweizer Armee in Lugano zum ersten Mal in einer Stadt der Öffentlichkeit vor.

Die letzten Armeetage fanden 1998 in Frauenfeld statt.

Seither hat das Schweizer Volk im Mai 2003 das Reformprojekt Armee XXI gutgeheissen.

Neben einer Verkleinerung der Truppenstärke und vermehrter Zusammenarbeit mit ausländischen Partnern, beinhaltet die Arme XXI auch eine Verlagerung von der Verteidigungsarmee auf die drei Säulen Friedensförderung, Existenzsicherung sowie Raumsicherung und Verteidigung.

Mit einem weiteren Reformpaket soll die Armee vermehrt subsidiäre Sicherungs-Einsätze leisten und infanterielastiger werden. Die Panzertruppen sollen reduziert werden.

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