Kein Artikel zuviel über Anna Politkowskaja

Anna Politkowskaja im Film von Eric Bergkraut. Eric Bergkraut

Sie suchte die Wahrheit über den Terror in Tschetschenien und verlor dabei ihr Leben. Der Schweizer Eric Bergkraut hat über die 2006 ermordete, russische Journalistin einen Film gemacht.

Dieser Inhalt wurde am 03. Februar 2008 - 10:05 publiziert

"Ein Artikel zuviel - der Mord an Anna Politkowskaja" ist die Annäherung an eine starke Frau auf ihrer unbeirrbaren Mission. Er wird am 18. Februar am Schweizer Fernsehen gezeigt.

swissinfo: Wissen Sie heute Näheres, wer Anna Politkowskaja ermordet hat und wer die Auftraggeber waren?

Eric Bergkraut: Interessant ist die Frage, wer hinter dem Mord steht, weniger, wer ihn ausgeführt hat - offensichtlich ein klassischer Auftragskiller.

Ich kenne die Auftraggeber nicht. Ich habe Anlass anzunehmen, dass die Personen, welche die Untersuchung geführt haben, diese kennen. Aus irgendwelchen Gründen ist es ihnen nicht möglich, sie zu nennen.

swissinfo: Nach ein einviertel Jahren ist der Hintergrund der Tat noch nicht geklärt. Was sagt das über Russland?

E.B.: Ich versuche in meinem Film, Besserwisserei zu vermeiden. Aber offensichtlich findet in Russland ein Roll back statt, personifiziert durch den ehemaligen KGB-Mann Putin.

Die Geheimdienste haben viel Macht zurück gewonnen. Ein Blick auf die Medienlandschaft bestätigt dies. Es gibt nach wie vor mutige Journalisten, welche die Wahrheit schreiben. Aber viele mussten emigrieren.

swissinfo: Weshalb musste Anna Politkowskaja sterben?

E.B.: Ich glaube, dass sie dem Land zu viele schlechte Nachrichten überbracht hatte. Man hat die Botin umgebracht, stellvertretend für die Nachrichten, die sie überbrachte.

swissinfo: Was war sie für ein Mensch?

E.B.: Ich habe Anna viermal getroffen, wir waren nicht befreundet. Ich habe sie erlebt als einen sehr differenzierten Menschen. Ich hatte den Eindruck, dass sie sehr gewissenhaft und streng war. Sie konnte auch sehr zornig werden und darin ungerecht.

Ich habe sie immer als sehr vorsichtige und sehr feine Person empfunden. Ich glaube nicht, dass ich mich für eine 'Politmaschine' interessiert hätte. Mich interessierten die Gegensätze der sehr kultivierten, sehr schönen, feinen und eleganten Frau, die einen solchen Mut entwickelt und sich so kompromisslos auf die Suche nach der Wahrheit macht.

Ich bin überzeugt, dass sie aufgrund ihrer rigorosen Ansprüche an die Wahrheit und an moralische Grundsätze, die sie sich selbst und an die Gesellschaft stellte, auch in unserer Gesellschaft in der Opposition gestanden wäre.

swissinfo: War sie eine Frau aus einer anderen Zeit?

E.B.: Ja, aufgrund dieser unglaublichen Ernsthaftigkeit und Wahrheitssuche. Auch im Gestus, dem Schwachen helfen zu müssen, hat sie etwas Unzeitgemässes. Ebenso in ihrer Interpretation des Journalistenberufes, der sich stark in Richtung Dienstleistung entwickelt, nicht nur in Russland. Es gibt auch bei uns eine starke Tendenz, die besagt, dass Journalismus eigentlich Dienstleistung sei.

Russland kennt keine Bürgergesellschaft wie die Schweiz. Das ist wichtig, um zu verstehen, was passiert. Die Russen haben Jahrzehnte unter Regimes gelebt und nicht erlebt, dass der Staat sie respektiert. Diesbezüglich hatte Anna eine sehr westliche Auffassung.

swissinfo: Weshalb machten Sie den Film?

E.B.: Ich hätte mich dazu nicht legitimiert gefühlt, wenn ich nicht aus meinem früheren Film "Coca – die Taube von Tschetschenien", in dem Anna auch schon aufgetreten ist, rund vier Stunden Filmmaterial gehabt hätte. Diese authentische Quelle bildet die Achse des Films.

Der Film beruht weiter auf Gesprächen nach dem Motto: "Zeig mir deine Freunde – und auch Feinde, und ich sag dir, wer du bist". Die Protagonistin zeigt sich in der Spiegelung ihrer Umgebung.

Ich habe keine detektivische Enquete geführt, das wäre lebensgefährlich gewesen. Es hätte keinen Erfolg gebracht, und es ist nicht meine Art, Filme zu machen.

Es ist gefährlich, einen Film über einen Menschen zu machen, der nicht mehr da ist, weil er sich nicht wehren kann. Meine Annäherung an die tote Protagonistin ist von Vorsicht geprägt. Ich versuche, in der Haltung des Fragestellers zu bleiben, auch wenn die Dinge klar benannt werden, und ein erschreckendes Sittenbild entsteht.

Ich nähere mich differenziert einer Realität an, ohne am Schluss schwammig zu sein. Das ist eine Art politischer Film, der auch menschliche Züge hat.

swissinfo: Haben Sie die Hoffnung, dass der Film in Russland zu sehen sein wird?

E.B.: "Coca" lief in rund 30 Ländern, nicht aber in Russland. Er zirkuliert jetzt aber immerhin auf DVD und im Internet.

Im neuen Film treten auch russische Offizielle auf, auch wenn ich gerne mehr gehabt hätte. Wir haben versucht, Präsident Putin zu interviewen. 2004 hatte ich immerhin seinen damaligen Justizminister vor der Kamera. Er sagte mit geschwellter Brust, dass Putin total kontrolliere, was in Tschetschenien passiere. Das ist desaströs, weil dort derart Schlimmes passiert ist.

Der damalige Justizminister ist übrigens heute der Generalstaatsanwalt, der den Mord an Anna Politkowskaja untersuchen soll.

swissinfo: Ist Ihr Film auch ein Zeichen gegen das Vergessen, was in Tschetschenien geschah und immer noch geschieht?

E.B.: Der Mensch will nicht zu sehr zurück schauen, das ist kein russisches oder tschetschenisches Phänomen. Man muss aber in seine Vergangenheit blicken, um die Gegenwart und Zukunft bestehen zu können. Das gilt für einen Staat wie für ein privates Individuum.

swissinfo, Renat Künzi, Zürich

Anna Politkowskaja

Die russische Journalistin wurde bekannt durch ihre Recherchen über den Krieg in Tschetschenien.

Sie befasste sich insbesondere mit russischen Gräueltaten gegen die Zivilbevölkerung (Mord, Entführung, Folter) und Korruption.

Sie wurde als "Nestbeschmutzerin" mehrfach mit dem Tod bedroht.

Im Oktober 2006 wurde die 48-Jährige im Lift ihrer Moskauer Wohnung ermordet.

Obwohl westliche Medien die rasche Aufklärung des Mordes forderten, sind die Auftraggeber bis heute nicht bekannt.

Hinweise deuten auf das Umfeld des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow.

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"Ein Artikel zuviel"

Eric Bergkraut ist nicht nur Regisseur, sondern auch Produzent des Films.

Das garantiert ihm die gestalterisch-künstlerische Freiheit.

Der Dokfilm wird am 18. Februar am Schweizer Fernsehen ausgestrahlt.

Am 20. Februar ist er auf 3sat und ARD (Kurzfassung) zu sehen.

In der englischen Version für die Kino-Auswertung in den USA wird der Off-Kommentar von der politisch engagierten Schauspielerin Susan Sarandon gesprochen.

Die Vorpremiere findet am 10./11. Februar am Festival Cinema for Peace in Berlin statt.

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Eric Bergkraut

1957 in Paris geboren, seit 1961 in der Schweiz.

Filmemacher, Produzent, Journalist; ausgebildeter Schauspieler.

Bekanntester Film: "Coca, die Taube aus Tschetschenien" (Porträt der tschetschenischen Menschenrechtlerin Sainap Gaschajewa, 2005).

Bergkraut erhielt dafür zahlreiche Preise, u.a. den 1. International Human Rights Film Award Berlin 2007 und den Ehrenpreis für Menschenrechte des Marler Fernsehpreises 2007.

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