Kein elitärer Kulturexport

Die Schweizerschule in Mexiko City. (Bild:Colegio Suizo) swissinfo.ch

Die Schweizerschulen im Ausland sind attraktiv und geniessen einen guten Ruf. Dies zeigen die Beispiele aus Mexiko und Sizilien.

Dieser Inhalt wurde am 12. Juli 2003 - 17:25 publiziert

Die Schule in Mexiko City gehört zu den grössten, die in Catania zu den kleinsten. Eine Plattform für kulturelle Begegnungen sind beide.

Alljährlich treffen sich Schulleiter und Präsidenten von Schweizerschulen im Ausland sowie Vertreterinnen und Vertreter der Patronatskantone zu einer Tagung in der Schweiz.

Einmal mehr nahmen auch Loretta Brodbeck und Ambros Hollenstein teil. Loretta Brodbeck ist seit 1998 Schulleiterin der kleinen Schweizerschule in Catania, Sizilien. Brodbeck ist selbst in Sizilien aufgewachsen und hat dort die Schweizerschule besucht.

Ambros Hollenstein ist Ökonom und leitet seit drei Jahren die Schweizerschulen in Mexiko. swissinfo hat die beiden in Basel getroffen.

swissinfo: Wie muss man sich Ihre Schule vorstellen?

Loretta Brodbeck: Unsere Schule liegt mitten im Zentrum der verkehrschaotischen Stadt. Es ist die einzige deutschsprachige Schule in ganz Süditalien. Wir haben 63 Kinder vom Kindergartenalter bis hin zur Sekundarschulstufe II. Gut ein Drittel sind Schweizer Kinder. Es ist die einzige bilinguale Schule in Catania. Das soziale Klima ist sehr gut: Die Grossen kümmern sich auch um die Kleinen und umgekehrt haben die Kleinen in den Älteren ein Vorbild.

Ambros Hollenstein: Die Schweizerschule Mexiko verteilt sich auf zwei Standorte. An der Hauptschule in Mexiko City, die mitten im Verkehr und Fluglärm liegt, werden rund 600 Schüler im Kindergarten, in der Sekundarschule und im Gymnasium unterrichtet. Die Zweigschule in Guernavaca besuchen 220 Schülerinnen und Schüler.

Wie unterscheidet sich Ihre Schule von den lokalen Schulen im Gastland?

L.B.: Die Eltern wissen, dass wir nie streiken, dass seriös gearbeitet wird und keine Lektionen ausfallen. Weil wir kleine Klassen haben, können wir individuell unterrichten. Fast alle Kinder sind italienischer Muttersprache, auch die Schweizer.

A.H.: Erstens sind wir mehrsprachig: wir unterrichten von Anfang an in Deutsch, später kommen Englisch und Französisch dazu. In gewissen Fächern wird in Spanisch gelehrt. Zweitens werden neben der mexikanischen Kultur auch schweizerische Tugenden und Werte wie Zuverlässigkeit und Beharrlichkeit vermittelt. Drittens liegt unser akademisches Niveau weit über jenem vergleichbarer Schulen in Mexiko.

Wie wird der Bezug zur Schweiz gepflegt?

L.B.: Wir pflegen Traditionen, zum Beispiel in der Vorweihnachtszeit mit Adventskalender und "Samichlaus".

A.H.: Da der Anteil an Schweizer Kindern lediglich bei 20 Prozent liegt, lägen wir etwas quer, wenn wir die schweizerischen Traditionen zu stark pflegten. Uns ist es eher ein Anliegen, Schweizer Werte zu vermitteln. Was wir anbieten, ist ein hochwertiges Schweizer Export-Produkt: Bildung.

An welchem Schulsystem orientieren Sie sich, angesichts der föderalistischen Systeme in der Schweiz?

L.B.: Wir unterrichten prinzipiell nach dem Lehrplan und den Richtlinien unseres Patronatskantons Zürich – allerdings mit italienischem Temperament. Wir können natürlich nicht alles erfüllen, da wir ein Doppelprogramm führen. Während das italienische System sehr kopflastig ist, wird bei uns das Praktische gelebt. Unsere grosse Aufgabe ist es, die beiden Konzepte zu vereinen.

A.H.: Wir richten unsere Programme auf das eigene Profil der Schule und die Bedürfnisse unserer international ausgerichteten Kundschaft aus. Wir erfüllen formell die Vorgaben des mexikanischen Bildungsministeriums. Da unsere Absolventen später studieren werden, sei das in der Schweiz oder anderswo, braucht es ein flexibles, offenes Programm, das kritisches Denken vor Fakten-Wissen stellt.

Gibt es an Ihrer Schule eine Kluft zwischen den Nationalitäten, sei das im Lehrerkollegium oder unter den Schülern?

L.B.: In Catania haben wir nur Lehrer aus der Schweiz oder Italien. Schon bei der Auswahl achten wir darauf, dass die Lehrer bereit sind, interdisziplinär zusammenzuarbeiten. Ab und zu kann es anfänglich zu kleinen Unstimmigkeiten kommen, was es wohl auch in einem rein schweizerischen oder italienischen Team geben würde.

A.H.: Der Lehrkörper setzt sich zusammen aus deutschschweizerischen, welschen, mexikanischen, deutschen, englischen und kanadischen Lehrkräften. Somit dürfen wir von einem multikulturellen Team im positiven Sinn sprechen. Es ist eine riesige Chance, mit einem multinationalen Kollegium zu arbeiten.

Sind die Schweizerschulen im Ausland Schulen für die Betuchten, für die Reichen?

L.B.: Für die Schweizerschule in Catania trifft das sicher nicht zu. Unser Schulgeld halten wir wegen der dortigen Wirtschaftslage sehr tief. Unsere Schüler stammen aus der guten Mittelschicht, was bedeutet, dass beide Elternteile berufstätig sind.

A.H.: 96% aller mexikanischen Kinder besuchen Staatsschulen, weil sie keinen Peso übrig hätten, um private Bildung zu bezahlen. Wir sprechen also die oberste Mittelschicht und Oberschicht an. Das reichste Prozent meiden wir aber bewusst: Einschreibegesuche von Spitzensportlern, Filmstars, Grossindustriellen oder Spitzenpolitikern werden abgelehnt. Einerseits aus Sicherheitsgründen, andererseits, weil diese Leute sich gewohnt sind, alles kaufen zu können. Schulerfolge sind aber nicht käuflich.

Kennen Sie an Ihrer Schule Gewalt- und Drogenprobleme?

L.B.: Wir hatten noch nie Probleme mit Drogen oder Kriminalität. Wahrscheinlich weil unsere Schule klein und daher überblickbar ist. Würde ein Oberstufenschüler etwas anrichten, wüsste das innert Kürze das ganze Schulareal.

A.H.: Unsere Schule ist gegen Aussen geschlossen und überwacht. In Fragen von Drogen, Gewalt und Rassismus gilt eine Politik der Nulltoleranz. Wenn ein Schüler in der Schule Drogen konsumiert oder damit handelt, wird er unmittelbar von der Schule ausgeschlossen. Auch Gewalt kommt selten vor. Wenn ein Kind ein anderes "verhaut", wird es bestraft und für einige Tage ausgeschlossen.

Die Schweizerschulen kämpfen mit finanziellen Problemen . Braucht es Ihre Schule überhaupt noch?

L.B.: Ich bin überzeugt, dass es uns braucht. Unsere Schulen zeigen eine Qualität, die normalerweise keine Schule im Gastland bieten kann. Wir sind eine Visitenkarte der Schweiz, haben wir doch täglich mit Nicht-Schweizern zu tun. Auch die "Pässli-Schweizer" - solche die einen Schweizer Pass haben, aber noch nie in der Schweiz waren – erhalten durch unsere Schule einen Bezug zur Schweiz.

A.H.: Die Schweiz würde ohne Schweizerschulen im Ausland überleben, das Ausland wohl auch. Die Frage stellt sich, ob diese Millionen aus der Sicht der Schweiz eine nutzvolle Investition sind. Da wir über Jahre hinweg positive Schweizer Präsenz manifestieren und Schweizer Kindern die Fortführung ihrer Studien in der Schweiz erleichtern, denke ich, das müsste der Schweiz 16 oder 20 Mio. Franken wert sein.

swissinfo-Interview: Gaby Ochsenbein

Fakten

Insgesamt gibt es 17 vom Bund anerkannte Schweizerschulen im Ausland, in 10 Ländern, auf 4 Kontinenten.

6000 Schülerinnen und Schüler besuchen diese Schulen, davon sind 1800 Schweizer Kinder.

Die Auslandschweizer-Schulen werden vom Bund zur Zeit mit 18,4 Mio. Franken unterstützt. Ab 2007 müssen sie mit 16,5 Mio. auskommen.

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In Kürze

Die Schule in Catania, Sizilien, wird nächstes Jahr 100 Jahre alt.

Sie wird von 63 Schülern besucht, davon rund ein Drittel Schweizer. 9 Lehrer sind dort tätig.

Ein Schweizer Kind bezahlt für den Kindergarten, inkl. Essen und Schulmaterial, 1440 Franken pro Jahr, ein Ausländerkind 2300.

Die Schulen in Mexiko City und Guernavaca wurden 1965 gegründet. Mexiko City hat rund 600 Schüler, Guernavaca 220. 20% der Schüler sind Schweizer, 50% Mexikaner, 20% Deutschstämmige.

Von den 70 Lehrkräften sind 40% Schweizer. Die übrigen sind aus Deutschland, Mexiko, England, Kanada.

Ein Kindergarten-Schüler bezahlt jährlich 3000 Franken, ein Gymnasiast 10'000.

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