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Keine Spur von Chaos

Die Stimmenzähler in Aktion.

(Keystone)

Eine spannende und historische Wahl erlebte das Bundeshaus. Christoph Blocher und Hans-Rudolf Merz sind die neuen Bundesräte. In dieser Kombination für viele Beobachter überraschend.

Trotz der Drohungen und Befürchtungen im Vorfeld der Wahlen ist aber ein Chaos im Parlament ausgeblieben.

Der frühe Morgen beginnt gesittet. In Bern lässt nichts auf den Showdown schliessen, der in wenigen Stunden im Bundeshaus über die Bühne gehen wird. Brav reihen sich die Wartenden in zwei Reihen vor dem Bundeshaus ein, um durch das neue Sicherheits-System eingelassen zu werden. Schon vor sieben Uhr herrscht nüchterne Flughafen-Atmosphäre.

In der Eingangshalle warten bereits Kamerateams und Radiojournalisten auf "ihre" Abgeordneten. Erste Interviews, letzte Einschätzungen und erste Enttäuschungen. "Jetzt ist uns Beerli im Lift davon gefahren", klagt ein Kameramann.

Alles möglich

Gegen acht Uhr füllt sich die halbrunde Wandelhalle um den Nationalratssaal. "Wagst Du eine Prognose", fragt ein Journalist schalkhaft einen Kollegen. Der grinst nur. Heute ist alles möglich.

Eine Kamera zeigt die Bundesrätinnen und Bundesräte, die sich setzen, um der Abschiedsrede von Kaspar Villiger beizuwohnen. Joseph Deiss, der nach Ruth Metzler zur Wiederwahl antritt, wirkt betont entspannt.

Dann ertönt die Glocke, die Sitzung ist eröffnet. Nationalratspräsident Max Binder von der Schweizerischen Volkspartei erinnert an die "Kräfteverhältnisse" und ermahnt, die Wahlen mit der nötigen Gelassenheit anzugehen.

Die Meinungen sind gemacht

Doch die Meinungen sind längst gemacht. Einigen Parlamentarierinnen und Parlamentariern sieht man die Disziplinierung der vergangenen Tage regelrecht an. Sie wirken gehemmt. In der Wandelhalle fällt das Wort "Daumenschraube".

Nach knapp vierzig Minuten Fraktionsansprachen ist es soweit: Die eigentliche Wiederwahl beginnt. Die Wahlzettel bringen etwas Farbe in den Raum. Rosa für Moritz Leuenberger, gelb für Pascal Couchepin, blau für Ruth Metzler und so weiter.

Rosa und Gelb werden problemlos wiedergewählt. Bei Blau startet die SVP wie erwartet ihren ersten Angriff auf die Zauberformel. Im ersten Wahlgang herrscht Gleichstand. Im zweiten liegt Christoph Blocher zwei Stimmen vor Ruth Metzler. Als kurz nach halb elf schon im dritten Wahlgang ein Resultat vorliegt, geht ein Raunen durch die Wandelhalle.

Erste Überraschung

"Gewählt ist mit 121 Stimmen: Herr Nationalrat Christoph Blocher." Dann geht plötzlich alles sehr schnell. Kamerateams rennen durcheinander, Radiojournalisten rapportieren in ihre Mikrofone, die Sicherheitsleute wirken nervöser.

Mit ernster Mine nimmt der neue Bundesrat die Wahl an und setzt gleich ein erstes Zeichen. Er wünscht sich keine Wahlfeier im Kanton Zürich. Damit könne er gleich aktiv mithelfen, wenn es darum gehe, weniger Geld auszugeben.

Die nächsten drei Wahlen sind wiederum reine Formsache. Metzler erhält zwar bei der Wahl von Joseph Deiss noch 96 Stimmen, doch mit einer ergreifenden Rede zieht sie sich aus dem weiteren Rennen zurück: "Sie haben entschieden." Sie sei nicht verbittert. Es gebe für sie "ein Leben nach dem Bundesrat".

Das Parlament verabschiedet Metzler mit einer Standing Ovation. Kommentar einer Zuschauerin: "So verlogen. Erst wird sie abgewählt, dann beklatscht."

Der einen Leid, des anderen Freude. Blocher wird derweil bereits ausgiebig gefeiert. "Jetzt musst du dich schön machen", raunt ihm ein Kollege zu, bevor er kurz in der Toilette verschwindet.

Zweite Überraschung

Nach der Wiederwahl von Micheline Calmy-Rey bittet die grüne Fraktionspräsidentin Cécile Bühlmann das Parlament eindringlich, die Frauen nicht zu vergessen. Für Aussenstehende scheint klar, dass jetzt in einem helvetischen Kompromiss die Freisinnige Bernerin Christine Beerli gewählt wird.

Doch wieder eine Überraschung. Schon im ersten Wahlgang kommt Beerli nur auf 83 Stimmen. Da reichen ihr auch die 96 Stimmen im zweiten nicht, weil Parteikollege Hans-Rudolf Merz mit 127 Stimmen bereits das absolute Mehr übertroffen hat. Nun ist nur noch eine Frau in der Regierung.

Für viele ein Schock. Erstmals geht der Anteil Frauen in der Landesregierung zurück. Die 39-jährige Metzler wird später von einem "schwarzen Tag für die Frauen und die jüngeren Generationen" sprechen.

Mit dieser Meinung ist sie nicht alleine. Um halb eins, nach dem Ende der Wahlen, startete ein unbewilligter Demonstrationszug von ungefähr 500 Leuten durch die Berner Altstadt. In Zürich zählte die Stadtpolizei gar 1000 Menschen, und in Genf versammelten sich laut Polizei etwa 200 Demonstrierende.

Sie zogen zum Sitz der SVP und skandierten dort Parolen gegen Blocher. In Bern und anderswo wurde am Mittwoch nicht nur gefeiert.

swissinfo, Christian Raaflaub


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