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Kinos gegen vorzeitigen DVD-Verkauf

Kinobetreiber befürchten leere Sitze. Bild: fsc-ent.co.jp

Kinobetreiber und Filmverleiher werfen DVD-Vermietern und Händlern vor, sie verkauften importierte DVDs von Filmen, die in den Kino noch am Laufen seien.

Die Kinobranche droht mit Präzedenzklagen vor Gericht, um dem Gesetz Nachdruck zu verschaffen.

Laut der Kinovereinigung ProCinema, dem Verband der Schweizer Kinobetreiber und Filmvertreiber, sind die Billetverkäufe im vergangenen Jahr um 22 Mio. auf insgesamt 240 Mio. Franken gesunken. In Kinoeintritten sind es 2,5 Mio. weniger als 2002, als noch 19 Mio. Eintritte registriert worden waren.

Roger Chevallaz, Partner der Berner Rechtsberatungsfirma Reflecta, vertritt als Anwalt die Interessen dieser Branche. Er macht geltend, dass ein guter Teil dieses Einbruchs auf vorzeitig verkaufte Filmscheiben zurückzuführen sei. Schuld sei demnach das Gewerbe, das DVDs vermietet oder verkauft (Videotheken und Händler).

"Die Anzahl der importierten DVDs ist in den letzten zwei bis drei Jahren dramatisch gewachsen", sagt Chevallaz gegenüber swissinfo.

In der Westschweiz ist das Problem am grössten

Gemäss Chevallaz ist das Problem in der Romandie am grössten, weil dort die DVD-Läden Filmscheiben offerieren, die aus Kanada importiert sind. Auf denen kann man Englisch oder Französisch als Sprache wählen.

Kanada wird von den USA schnell beliefert, aber im französischsprachigen Teil des Landes dürfen nur synchronisierte Filme verkauft werden. Davon profitiert die Romandie.

In der Deutschschweiz hingegen geht es beim Import um nur englisch gesprochene Filme. Diese sind ohne deutsche Version, weil auch Deutschland als europäisches Land später beliefert wird. Englisch gesprochene Filme sind in der Deutschschweiz nur etwas für Filmliebhaber.

"20% Umsatzverlust"

Laut Chevallaz hätten anonyme Tests gezeigt, dass eine ganze Anzahl von DVD-Händlern routinemässig Scheiben von solchen Filmen verkaufen, die parallel dazu noch in den Kinos laufen.

"Wir schätzen, dass bis 20% der Billetverkauf-Umsätze wegen solcher DVD-Einfuhren verloren gehen", sagt der Branchen-Vertreter.

Gemäss dem neuen Gesetz, das seit April in Kraft ist, dürfen importierte DVDs von Filmen, die in der Schweiz angesagt sind, nicht verkauft werden, bevor und während sie noch in den Kinos gezeigt werden.

Bis April war das Gesetz noch schärfer formuliert. Parallelimporte von DVDs waren grundsätzlich verboten. Doch ausser den grossen Ladenketten hielt sich kaum ein Händler an diese Vorschrift.

Interpretierbarer Gesetzestext?

Der heutige Gesetzestext sei interpretierbar, meint hingegen Pascal Junod. Er verbiete den Verkauf von DVDs nicht eindeutig bis zum Zeitpunkt, zu dem der entsprechende Film in den Kinos angesetzt würde.

Der Genfer Anwalt vertritt die Westschweizer Videotheken und DVD-Händler. "Hingegen ist das Gesetz klar, was den Zeitpunkt angeht, bevor die Filme in die Kinos kommen. Filme, die für Aufführungen in Schweizer Kinos geplant sind, dürfen noch nicht verliehen oder verkauft werden."

Unklarer werde das Gesetz, wenn der Film einmal in den Kinos angelaufen sei, so Junod. "Wir glauben, dass uns dann niemand mehr abhalten kann, die Filme zu vermieten oder zu verkaufen."

Präzedenzfall vor Gericht angedroht

Die Kinobetreiber und Filmverleiher insistieren hingegen, dass das Gesetz auf ihrer Seite ist. Sie haben einen Präzedenzfall vor Gericht angedroht, falls die Händler und Videotheken weiterhin Scheiben von solchen Filmen bereits verkaufen, die gleichzeitig noch im Kino laufen.

"Jeder, der sich über das Gesetz hinwegsetzt", so Chevallaz, "riskiert eine Busse bis zu 100'000 Franken oder bis drei Jahre Gefängnis."

Kinos machen ihr Geld mit den grossen Hollywood-Streifen

Dazu kommt, dass das neue Kinogesetz die Kinobesitzer zu einer "kulturellen und sprachlichen" Angebotsvielfalt verpflichtet. Diese Vielfalt könne nicht mehr garantiert werden, so Chevallaz, wenn die Kinos ihr Vorrecht verlieren, Kassenschlager exklusiv zu zeigen, bevor sie anderswo gekauft werden können.

"Die Kinounternehmen machen ihre grosses Geld mit den grossen Hollywood-Streifen", sagt Chevallaz. "Wenn sie diese Umsatzanteile verlieren, werden sie auch nicht mehr imstande sein, kleinere Filme zu zeigen, die keinen Profit abwerfen."

Kinobetreiber möchten die bisherige Verwertungskette aufrecht erhalten: Ein Film soll zuerst an der Kinokasse Geld einspielen, danach im DVD-Handel und am Bezahlfernsehen, bis er dann im übrigen TV zu sehen ist.

Junod hingegen glaubt, dass die Kinounternehmen nicht im Interesse der Konsumenten handeln. Man könne nur wenig davon profitieren, wenn man die Händler und Vermieter dazu zwingt, importierte DVDs nicht sofort zu verkaufen.

Marktkontrolle oder Angebotsvielfalt

"Die grossen Filmverteiler wollen den Markt kontrollieren", sagt der Vertreter der Händler und Verleiher. "Doch die Konsumentinnen und Konsumenten werden nicht warten, bis die Filme in den Kinos gezeigt werden."

Laut Junod kann der Verbraucher einfach bei einem Online-Händler wie amazon.com seine Scheibe bestellen und einen Film aus den USA privat einführen, lange bevor derselbe Film in der Schweiz in den Kinos zu sehen ist.

swissinfo, Ramsey Zarifeh
(Übertragung aus dem Englischen: Alexander Künzle)

Fakten

Verkaufte Kino-Billette 2003: 16,5 Mio. (Eintritte)
Verkaufte Kino-Billette 2002: 19 Mio.

Billet-Einnahmen 2003: 240 Mio. Franken
Billet-Einnahmen 2002: 262 Mio.

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