KMU: Das Rückgrat der Wirtschaft

Kabelverarbeitung in einem Thuner Betrieb. swissinfo C Helmle

Obschon sie 99,7% aller Unternehmen ausmachen, gingen die kleinen und mittleren Betriebe (KMU) lange Zeit bei den Behörden vergessen.

Dieser Inhalt wurde am 04. Februar 2005 - 14:25 publiziert

Ihre Dachorganisation, der Gewerbeverband, fordert steuerliche und administrative Erleichterungen, um neue Herausforderungen anzupacken.

Das Image der Schweizer Wirtschaft wird in erster Linie von prestigiösen Grossunternehmen wie Nestlé, Novartis, Roche, ABB oder UBS geprägt. Deren Namen und Marken kennt man inzwischen in jedem Winkel der Welt.

Doch das wahre Rückgrat der Schweizer Wirtschaft besteht aus den gewerblichen Betrieben, den KMU. Damit gemeint sind Unternehmen mit weniger als 250 Beschäftigten. Diese KMU machen zahlenmässig rund 99,7% aller Betriebe im Land aus. Sie beschäftigen rund zwei Drittel der aktiven Bevölkerung.

Sie sind bis in den hintersten Winkel des Landes anzutreffen und garantieren die Produktion und Feinverteilung von Gütern und Dienstleistungen für die gesamte Bevölkerung.

Vernachlässigte Rolle

Trotz seines wirtschaftlichen Gesamtgewichts wurde das Gewerbe lange Zeit von den Behörden vernachlässigt. Deren Interesse galt vielmehr den Grossunternehmen.

Während der Rezession der 90er-Jahre, als die Anzahl der Firmen-Konkurse in die Höhe schoss, schien sich der Bund des Problems bewusst zu werden und begann, Programme für kleine und mittlere Unternehmen zu fördern.

Um diese zu koordinieren, hob das Volkswirtschafts-Departement 1998 die so genannte Task Force KMU aus der Taufe. Die Bezeichnung soll dabei den Willen zum schnellen Eingreifen unterstreichen, zeigt aber gleichzeitig den zeitlichen Verzug auf.

"Die fundamentale Rolle des Gewerbes für die Wirtschaft wurde in der Schweiz erst spät erkannt, wie in anderen Ländern übrigens auch", sagt Christian Weber, Task Force-Verantwortlicher. "Sogar die OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, begann sich erst vor rund einem Jahrzehnt für die KMU zu interessieren."

Laut Weber ist der Grund dieses Versäumnisses in erster Linie auf die Politik zurück zu führen. "Zwar ist das Gewerbe gut im Parlament vertreten. Nur verteidigen ihre Vertreter in erster Linie die Anliegen ihrer spezifischen Branche."

Fast schon unerträgliche administrative Belastung

So gesehen stellen Bund und Staat für die kleinen und mittleren Betriebe eher ein Hindernis als eine Hilfe dar. Beispielsweise müssen sie im Durchschnitt 55 Stunden im Monat für administrativen Aufwand einkalkulieren, von der Lohnerfassung über Sozialversicherung bis Steuern und ähnlichem.

Gerade für kleinere Betriebe ist diese Belastung beinahe schon unerträglich. Sie müssen sich deshalb vermehrt an teure Experten wenden, um mit dem Amtsschimmel fertig zu werden.

Indem sich die Task Force KMU der Informations-Technologie bedient, wird die Vereinfachung von Amtsprozeduren versucht. Beispielsweise mittels elektronischen Web-Schaltern, wo für die KMU zugeschnittene Informationen und Transaktionen zu finden sind.

Erwartete Fiskalreform und Föderalismus

"Obschon der Bund in den letzten Jahren Fortschritte gemacht hat, stellt die administrative Belastung immer noch eine unserer Hauptsorgen dar", sagt Pierre Triponez, Direktor des Gewerbeverbands (SGV), der Dachorganisation der KMU.

"Verglichen mit anderen europäischen Ländern sind Bund und Staat in der Schweiz zwar nicht übermässig verbürokratisiert", sagt Triponez. "Doch das typisch schweizerische Problem besteht darin, dass die Verwaltungspraktiken auch von Kantonen und Gemeinden abhängen. Und hier gibt es noch viel zu tun."

Ein weiteres wichtiges Anliegen des SGV ist die endlose Reform der Unternehmens-Besteuerung, die nicht vor 2008 bis 2010 in Kraft treten wird – im besten Fall.

"Auch besteuerungsmässig kann sich die Schweiz im europäischen Vergleich zeigen", sagt der SGV-Direktor. "Doch seit einigen Jahren fallen wir zurück, und bald dürften wir uns vergleichsweise im Hintertreffen befinden."

Für längere Öffnungszeiten und Elektrizitätsmarkt

Was die übrigen prioritären Dossiers des Gewerbeverbands betrifft, so setzt sich der SGV im laufenden Jahr ein für die Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten, für die Öffnung im Elektrizitätsmarkt und gegen die Einführung einer CO2-Steuer.

Die Gewerbe-Vertreter unterstützen auch die beiden europapolitischen Vorlagen, die dem Stimmvolk dieses Jahr vorgelegt werden: Das zweite Paket der bilateralen Verträge mit Brüssel und die Erweiterung der Personenfreizügigkeit auf die zehn neuen EU-Länder.

Obschon der Gewerbeverband innerhalb seiner Gefolgschaft zahlreiche Kleinunternehmer hat, die den Positionen der antieuropäischen Rechten nahe stehen, manifestiert er einen klaren Geist der Öffnung – und dies nicht nur gegenüber Europa.

Denn sogar die Globalisierung, die anscheinend vor allem den multinationalen Grossunternehmen zu Gute kommt, kann Pierre Triponez nicht erschrecken: "Die KMU sind sehr flexibel und verfügen über eine grosse Anpassungs-Fähigkeit, um den Anforderungen des dritten Milleniums gerecht zu werden."

Immer mehr KMU

Ausserdem, so Triponez, nehme die Zahl der kleinen Unternehmen überall zu, sogar in den Vereinigten Staaten.

Diese Entwicklung bestätigt auch Christian Weber: "Gerade die neuen Instrumente einer globalisierten Gesellschaft öffnen den KMU neue Perspektiven. So erlaubt es das Internet heute auch den kleinen Firmen, in fernen Ländern Präsenz zu markieren und verkaufen zu können."

swissinfo, Armando Mombelli
(Übertragung aus dem Italienischen: Alexander Künzle)

In Kürze

1879 gegründet, umfasst der Schweizerische Gewerbeverband (SGV) heute 210 Branchen-Verbände.

Der SGV vertritt die KMU in politischen und wirtschaftlichen Belangen. Besonders was die Rahmenbedingungen für die Entwicklung der kleinen und mittleren Betriebe betrifft.

Die Task Force KMU des Staatssekretariats für Wirtschaft (seco) wurde 1998 gegründet.

Sie bemüht sich, die Aktivitäten und Informationen des Bundes für die KMU zu koordinieren.

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Fakten

Als so genannte KMU werden Betriebe bezeichnet, die weniger als 250 Mitarbeitende beschäftigen.
In der Schweiz existieren 307'000 Unternehmen aller Art und Grösse.
Davon fallen 99,7% unter die Kategorie KMU.
Die KMU beschäftigen 66,8% der arbeitenden Bevölkerung.
87,9% aller KMU beschäftigen weniger als zehn Mitarbeitende.

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