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Knochenanalyse: Römer Rind statt Schweizer Kuh

Knochen aus der Abfallgrube von Augusta Raurica: Material für Recherche.

(SNF)

Die 'heilige' Schweizer Kuh könnte, welch Sakrileg, nicht alpin-einheimischen Ursprungs, sondern aus dem Alten Rom importiert sein.

Die Uni Basel hat sich der Frage angenommen. Tausende von Knochen aus Fundstellen wurden schon untersucht. Abgeschlossen ist das Projekt noch nicht.

Während der Römerzeit waren die Hausrinder in Helvetien, der heutigen Schweiz, anscheinend wesentlich grösser gebaut als in der vorhergehenden keltischen oder der anschliessenden frühmittelalterlichen Periode.

Eine Studie über die Ursprünge des Schweizer Rinds vom Institut für Prähistorische und Naturwissenschaftliche Archeologie der Universität Basel soll Auskunft geben. Sie wird vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützt.

Die Forschenden suchen nach den Gründen dieser Grössenunterschiede. Es stellt sich die Frage, ob auch der Stammbaum des heutigen Rindviehs bis in die Antike zurückreicht.

Stadtrand als Fundort: Fleisch für die Armen

Die Forscher haben dabei die Knochen verglichen, die von vier verschiedenen Fundorten stammen: Von der Römerstadt Augusta Raurica (Augst im Kanton Baselland), von zwei keltischen Grabstätten in der Nähe von Basel und einer frühmittelalterlichen Siedlung bei Schleitheim.

In Augusta Raurica zeigt bereits der Standort, wo die Knochen gefunden wurden, einen interessanten Umstand auf. Im Gegensatz zu heute scheint das Rind damals vor allem zur Ernährung der armen Volksschichten gedient zu haben.

Die Knochen in dieser Römerstadt wurden vorwiegend am Stadtrand gefunden, dort wo der "Plebs" wohnte. Die Abfallgruben der reichen Leute enthielten vor allem Knochenstücke von Schweinen, Hühnern, Hammeln und Wildtieren.

"Das Rind wurde vor allem für den Transport genutzt, und für die Milchwirtschaft", erklärt der Archäozoologe Jörg Schibler von der Uni Basel. "Die Arbeitstiere blieben jahrelang am Karren angespannt und wurden als alte Tiere geschlachtet. Ihr Fleisch war dementsprechend nicht von bester Qualität."

Deshalb sei es vor allem von Leuten gekauft worden, die wenig Kaufkraft besassen.

Besseres Futter oder Einfuhr anderer Rassen?

Die Forscher haben insgesamt 5826 Rinderknochen ausgemessen, die aus verschiedenen Fundstätten stammen. Diese Messungen lassen Rückschlüsse zu auf die Grösse und Statur der Tiere.

Die Resultate besagen, dass während der römischen Epoche das Rindvieh die durchschnittliche Widerristhöhe (Schulter-Genickhöhe) 115 Zentimeter bei den Kühen und von 130 Zentimeter bei den Stieren betrug.

Vergleicht man die Schulterhöhe der Tiere aus Augusta Raurica (15 vor bis 400 nach Christus) mit jener der Tiere aus den keltischen Siedlungen (150 bis 20 vor Christus), zeigt sich, dass die römischen Tiere grösser waren.

Das römische Vieh war auch höher gebaut als in der nachfolgenden Epoche des Frühmittelalters von 600 bis 700 nach Christus. Die Unterschiede sind zwar statistisch nachgewiesen, aber es fehlt eine Erklärung.

Gegenwärtig stehen zwei Behauptungen zur Auswahl. "Zu Römerzeiten war vielleicht die Ernährung besser", vermutet Jörg Schibler. "Es existieren römische Inschriften, die besagen, dass gute einsetzbares Arbeitsvieh auch anständig gefüttert werden muss."

Die andere Hypothese stützt sich auf die Einfuhr anderer Tierrassen. Es sei denkbar, dass die Römer aus Italien im Vergleich zu den einheimischen Tieren grösser gebautes Vieh mitgebracht hatten.

Genetische Analysen

Die Import-Hypothese könnte mittels genetischen Analysen gestützt werden. "Dazu müsste die genetische Gruppe des keltischen, römischen und frühmittelalterlichen Rinds definiert werden," sagt Schibler. "Falls sich hier Unterschiede ergäben, würde dies die Importhypothese stützen."

Doch dazu braucht es noch eine Weile. Die Importhypothese kann nur dann nachgewiesen werden, wenn die Stichprobe für die Analysen einige hundert Knochenteile umfasst.

Denn es braucht einen Tag Arbeit, um die DNA aus einem einzigen Knochen zu isolieren, und eine ganze Woche, um die Sequenz zu erhalten. Die Resultate führen ausserdem nur in der Hälfte der Fälle zu einem Erfolg.

Das Institut braucht deshalb noch einige Zeit, um seine Forschungsarbeit abzuschliessen. Auch Geld ist vonnöten, ohne Nationalfonds geht es nicht.

"Wir möchten dieses Projekt verlängern", sagt Schibler, "doch das hängt vom Nationalfonds ab. Falls er zusagt, könnten wir in drei Jahren weiterarbeiten." Schibler möchte nicht nur bis zum Frühmittelalter forschen.

"Wir analysieren die Daten auch im Hochmittelalter und für die heutigen Tier-Rassen", sagt er. "Damit hätten wir die Evolution aller Rinderrassen in der Schweiz."

swissinfo, Olivier Pauchard
(Übertragung aus dem Französischen: Alexander Künzle)

Fakten

Seit 200 Jahren wurden einige hundert tausend Knochenteile in der Römerstadt Augusta Raurica in der Nähe von Augst bei Basel gefunden.

Es handelt sich meistens um ausgekochte und in Abfallgruben entsorgte Knochen.

Mehr als 300'000 sind bereits wissenschaftlich untersucht.

43% dieses Knochenmaterials stammt von Rinderarten.

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In Kürze

Die Domestizierung des Rinds war erstmals im Nahen Osten im 8. Jahrtausend vor Christus praktiziert worden.

In der Schweiz werden die ältesten Reste von haustiermässig gehaltenen Rindern auf das 5. Jahrtausend vor Christus datiert (im Wallis).

Die Analyse des genetischen Materials allen Rindviehs auf dieser Welt lässt den Schluss zu, dass alle Rassen auf die nahöstliche zurückzuführen ist.

Die Vorfahren der heutigen Kühe sind die Auerochsen (Bos primigenius). Diese Art soll 1627 in Polen ausgestorben sein, doch bleiben Ort und Daten kontrovers.

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