Kommentare der Schweizer Zeitungen

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Die Schweizer Medien versuchen in ihren Kommentaren das Unfassbare auszudrücken. Vorsichtig bleiben sie mit Schuldzuweisungen.

Dieser Inhalt wurde am 12. September 2001 - 07:55 publiziert

Die Schweizer Zeitungen am Mittwoch gleichen Sonderausgaben zu den schrecklichen Ereignissen in den USA.

"Schock und Sprachlosigkeit sind denkbar schlechte Voraussetzungen, um einen Kommentar zur gestrigen Katastrophe in den Vereinigten Staaten abzugeben. Trotzdem ein Versuch."

Schreibt die SOLOTHURNER ZEITUNG.

"Eigentlich wäre Stille angesagt angesichts des Blutbades unschuldiger Menschen. Stille ... und Aufbegehren, silence et révolte...",

schreibt LA LIBERTE aus Freiburg. Und noch ein Wort findet sich im Kommentar: le cerveau fou. Das kranke Gehirn. Es scheine keine Möglichkeit mehr ausgeschlossen - zur Zeit - für kranke Gehirne etwas zu tun, was die USA destabilisieren könnte, schreibt LA LIBERTE.

Normale Schweizer Zeitungsmenschen versuchten also, über kranke Hirne zu schreiben:

"Guerre contre les USA - Krieg gegen die USA",

titelt die TRIBUNE DE GENEVE und überall das Bild dieses Flugzeuges, das immer wieder in diesen Wolkenkratzer kracht. So, wie wir es unzählige Male am Bildschirm sehen mussten.

"All diese Tausende von unschuldigen Menschen, die ihr Leben lassen mussten. Menschen wie Sie und ich ... es ist unfassbar, es gibt dafür eigentlich keine Worte."

So die BERNER ZEITUNG, welche von der Welt unter Schock schreibt. "Fassungslos" auch das Hauptwort im BIELER TAGBLATT:

"Kein Katastrophenfilm vermochte bisher ein Szenario auszumalen, wie es in den USA Realität geworden ist."

Aber, es war kein Film. Es war "beispielloser Terror gegen die Supermacht USA", wie die BASLER ZEITUNG es nennt und weiter schreibt:

"Mit beispiellosem Zynismus wurden die Kamikaze-Angriffe zeitlich gestaffelt, so geflogen, dass der ungeheuerliche Vorgang live bei CNN und andern Fernsehstationen verfolgt werden konnte."

"Barbarische Terrorangriffe gegen Nervenzentren der USA", titelt die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG und fragt sich unter dem Titel "Wahnsinn ist Methode", was die Urheber der beispiellosen Terrorwelle denn erreichen wollten.

"Offenbar wollten die Terroristen mit ihren koordinierten Zerstörungs-Aktionen gegen die Symbole der amerikanischen Macht ... nicht zuletzt die grundsätzliche Verletzlichkeit der westlichen Konsum- und Hightech-Gesellschaft für Täter demonstrieren, die vor keiner Niedertracht zurückschrecken."

Das mache Angst und man sei hilflos in der Angst, schreibt die BERNER ZEITUNG, und auch der WALLISER BOTE drückt diese Angst aus:

"Wer immer die Urheber der Terrorwelle sind, es gibt allen Grund sich zu fürchten."

Denn, so die Zeitung aus dem Wallis, letztlich sei jede tolerante und offene Gesellschaft anfällig gegenüber fanatischen Fundamentalisten.

"Schutzlos" sei man, schreibt das OLTENER TAGBLATT:

"Was die Bürgerinnen und Bürger der Vereinigten Staaten jetzt fühlen und zu verkraften haben, übertrifft den Schock von Pearl Harbour bei weitem."

Entsprechend schwieriger werde es für die amtierende Regierung, auf den infamen Überfall zu reagieren.

Reagieren auf einen Überfall, der von wem ausgeführt wurde? - Die Schweizer Zeitungen sind vorsichtig mit Schuldzuweisungen. Die NEUE LUZERNER ZEITUNG:

"Noch bauen die Analysen auf Spekulationen auf. Wenn es aber eine politische Dimension gibt, so steht fest: Am Dienstag wurden nicht nur die USA getroffen, sondern die Industriegesellschaften der gesamten Welt."

Vom "Krieg gegen unbekannt", schreibt der Berner BUND. Und auch er greift den von vielen Zeitungen gemachten Vergleich mit Pearl Harbour auf. Doch, findet der BUND (wie die anderen Zeitungen auch), dass Amerika damals wusste, gegen wen es sich zu wehren hatte:

"Wahrscheinlich ist auch jetzt einiges bekannt über die Angreifer. Aber es gibt keine Festung, die ohne Bedenken als Ziel eines Gegenschlages gewählt werden dürfte. Dort, wo man die Feinde vermutet, sind keine Paläste, nur Hütten und Zelte."

Der BLICK bringt es deshalb auf den Punkt:

"Krieg gegen Amerika. Das trifft uns alle!",

meint der BLICK und fährt fort:

"Seit gestern sind wir alle Amerikaner. Du und ich. Wir wollen nicht ins Mittelalter zurück. Wir wollen leben, nicht sterben."

Braucht es, um zu leben, Krieg? Der TAGES ANZEIGER bereitet seine Leserinnen und Leser - bereitet uns - auf diese Möglichkeit vor: auf den Krieg der Zivilisationen:

"Der "Krieg der Zivilisationen" ist seit gestern wieder eine Option geworden. Wer immer hinter dem feigen Terroranschlag steht, er hat der Welt bewiesen, dass ihm jedes Mittel recht ist, diesen Krieg loszutreten."

Könnte man ihn verhindern? Der TAGES ANZEIGER:

"Der Westen und vor allem die USA können diesen Krieg verhindern: wenn sie sich auf die Werte ihrer humanistischen Zivilisation besinnen."

Urs Maurer

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