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"Indebito" am Filmfestival Locarno "Wir sind alle Griechen"

Von , Locarno


 Vinicio Capossela in Locarno während des Konzerts nach der Premiere des Dokumentarfilms "Indebito".

Vinicio Capossela in Locarno während des Konzerts nach der Premiere des Dokumentarfilms "Indebito".

Mitten in der griechischen Wirtschafts- und Identitätskrise gibt es Leute, die mit Musik und Tradition den Entwicklungen trotzen. Der am Filmfestival in Locarno als Weltpremiere gezeigte Film "Indebito" von Andrea Segre und Vinicio Caposella gibt den Musikern des Rebetiko eine kräftige und einfühlsame Stimme.

Die Filmkamera zeigt Ruinen von Häusern am Meer, herumstreunende Hunde, Graffitis auf Mauern: "Wir leiden!" oder "Wir sind wie Zombies". Aus der Ferne sind die Stimmen von Reportern zu hören, die über die Wahlen von 2012 berichten.

So beginnt die Reise von Vinicio Capossela und Andrea Segre durch die symbolischen Orte einer Krise in einem hoch verschuldeten Land. Dazwischen die Klänge von Rebetiko, diesem griechisch-elegischen Blues-Rhythmus mit fast hypnotischer Wirkung. Lieder, die seit einem Jahrhundert von Liebe, Aufbegehren, Exil und Hoffnung erzählen.

"Wie häufig haben wir gehört: Wir sind nicht Griechenland. In Wirklichkeit müsste man sagen: Wir sind alle Griechen. Denn dieses Land, das am Abgrund steht, ist die Wiege unserer Kultur und der Spiegel dessen, was an anderen Orten passiert", meint der italienische Liedermacher Vinicio Caposella.

"In den letzten Jahren ist Griechenland zum Symbol der Krise geworden, die ganz Europa erfasst hat. Eine Wirtschafts-, Finanz-, Politik-, und vor allem Identitätskrise. Orientierungslosigkeit ist die Folge. Daher kam ich auf die Idee, hinter die Oberfläche zu schauen; und diejenigen zu treffen, die dieser Krise zu trotzen versuchen. Und dies mit Musik. Rebetiko stammt vom Türkischen Rebet, das heisst Rebellen." 

Vinicio Capossela

Der italienische Liedermacher, Poet und Schriftsteller Vinicio Capossela (47) hat 1990 mit dem Album "All’una e trentacinque circa" (Etwa um 13.30 Uhr) debütiert. Er hat seither eine Reihe von CDs publiziert.

Werke wie "Ovunque proteggi", "Da Solo" oder "Marinai, Profeti e Balene" wurden auch als Theaterstücke inszeniert. 2004 veröffentlichte er im Verlag Feltrinelli "Non si muore tutte le mattine" (Man stirbt nicht jeden Morgen).

Die jüngsten Werke widmete er Griechenland und der Musik Rebetiko. Entstanden sind die CD "Rebetiko Gimnastas", der Dokumentarfilm "Indebito" zusammen mit Regisseur Andrea Segre sowie das Buch "Tefteri, taccuino dei conti sospeso".

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Wie ein Flaneur, um einen Ausdruck von Baudelaire zu verwenden, hat sich der italienische Liedermacher Vinicio Capossela auf eine Reise in die Tavernen von Athen und Thessaloniki gemacht. Er ist unterwegs mit einer Baglamas, einem Mini-Saiteninstrument, das die Rebetes im Gefängnis versteckten. Und mit einem Notizbuch namens Tefteri. Es sind Hefte, in denen die Kaufleute ihre Ausgaben, aber auch die Schulden der Kunden aufschrieben. Schulden und Kredit: Nehmen und Geben.

Aus der Griechenlandreise Caposselas entstanden schliesslich ein Buch, eine CD und ein Dokumentarfilm. Der junge italienische Regisseur Andrea Segre hat die musikalische Reise verewigt. Der Film "Indebito" (in der Schuld) wurde soeben am Filmfestival von Locarno als Weltpremiere gezeigt.

Dabei ist nicht Vinicio Capossela der Protagonist des Films, sondern die Musik Rebetiko, die Stimme ihrer Interpreten, die Aussagen der Musiker über ihre Musik und das Land. Es sind Zeugnisse, die aufzeigen, dass diese Musik einen Schwebezustand zwischen Orient und Westeuropa markiert. Es geht um Armut und Angst vor Arbeitslosigkeit oder um die Unterwerfung des Menschen an die eisernen Regeln der Marktwirtschaft.

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Die Rebellion von heute, die Musik von gestern

Wir treffen Vinicio Capossela gleich nach dem Live-Konzert, das er nach der Premiere von "Indebito" im Palazzetto Fevi von Locarno gegeben hat. Der italienische Liedermacher trug unter anderem das Stück Misirlou vor, das im Film "Pulp Fiction" von Tarantino weltweit bekannt wurde. Capossela – Hut, langer Bart, melancholischer Blick, dünne Krawatte und ein über die Schultern geworfenes Jackett. Er lächelt und nimmt sich Zeit zum Gespräch.

"Der Taverne kommt im Film eine besondere Symbolik zu. Sie versinnbildlicht eine Barrikade, die vor der Aussenwelt schützt. Hier können die Leute ohne Angst sagen: "Ohne mich. Hier zeigen sich die Menschen ganz grundlegend ohne Blösse: sie essen, singen und trinken. Wir wollten diese Momente der Wahrheit festhalten, diese verzweifelte Suche nach einer verlorenen Identität, die sich durch den Rebetiko wiederfinden lässt", erzählt Capossela.

Rebetiko ist als Musikstil in der Krise von Izmir (Smyrna) entstanden, einem kriegerischen Konflikt zwischen der Türkei und Griechenland von 1919 bis 1922. Tausende von Griechen mussten schliesslich ins Exil gehen. Die Musik ist Ausdruck ihrer Verzweiflung. „Fast hundert Jahre nach diesen historischen Ereignissen wird diese Musik auch heute noch von jungen Menschen gespielt und gesungen. Sie hat zur Identitätsbildung des modernen Griechenlands beigetragen. Und sie hilft, die eigene Vergangenheit und die Gegenwart zu verstehen."

Im Dokumentarfilm begibt sich Vinicio Caposella auf die Suche nach diesen Wurzeln. Er horcht an seinem Instrument Baglamas, er schaut in verlassene Häuser, er schreitet durch nächtlich leere Gassen, in denen das entfernte Dröhnen von Techno-Musik zu vernehmen ist. "Es geht nicht um eine Form der Nostalgie oder eine ausgrenzende Identität, wie in anderen Ländern. Diese Musik schafft ein Zugehörigkeitsgefühl“, so Caposella.

Andrea Segre

Der Filmemacher Andrea Segre (37) stammt aus Dolo bei Venedig. Er startete seine Karriere mit einer Reihe von TV-Dokumentarfilmen, etwa über Berlin nach dem Fall der Mauer. Seit 2001 dreht er Autorenfilme, beispielsweise über die italienische Beteiligung an Apollo 11.

Segre hat Soziologie und Kommunikation studiert und sich in seinen Filmen viel mit Migrationsfragen in Europa beschäftigt. 2010 entstand sein erster Langspielfilm "Io sono Li".

Im August 2013 präsentierte er am 66. Filmfestival Locarno sein jüngstes Werk, den Dokumentarfilm "Indebito" über Griechenland, der in Zusammenarbeit mit dem italienischen Liedermacher und Schriftsteller Vinicio Capossela entstand.

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Schuld gegenüber Griechenland

"Indebito". Ohne Bewilligung. Das war Rebetiko während der Diktatur. Und für die Musiker von heute ist die Bedeutung geblieben. Sie hat dem Film auch den Titel verliehen. Dabei handelt es sich um ein Wortspiel, wie Andrea Segre erklärt. "Es geht um die Erkenntnis, dass wir gegenüber Griechenland in der Schuld stehen. In Bezug auf eine Perspektive. Wir schulden diesem Land, dem wir so viel Geschichte und Kultur verdanken, etwas. Letztlich schulden wir uns selbst etwas."

"Durch diesen Film wollte ich der Identitätskrise in Europa nachspüren. Wir haben kein Geld mehr für Konsum oder zum 'Kauf von Glück'. Wie fühlen uns verloren. Unsere Kultur wurde der Gleichschaltung als Konsumenten und dem Streben nach Reichtum geopfert. Und im Gegensatz zu den Griechen haben wir häufig keine Tradition mehr, auf die wir zurückgreifen können. Die jungen Leute in Italien finden nicht einmal mehr eine Sprache der Rebellion. Sie wirken angesichts der Krise wie entwaffnet", sagt Segre.

Doch für Capossela und Segre ist Rebetiko nicht einfach eine Musik der Rebellion und der Anarchie. Sie erkennen in ihr auch ein Zeichen der Hoffnung, die eigenen Wurzeln wiederzuentdecken, sowie eine Art von grenzüberscheitendem Hilferuf. Mistakidis, einer der Protagonisten des Films, sagt: "Das wahre politische Handeln liegt heute nicht darin, Rebetiko zu spielen, sondern Rebetiko zu hören."


(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob), swissinfo.ch


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