Navigation

"Man hat eine ganze Generation verdorben"

"Dieses Bewahren, das ist Selbsterhaltung durch Selbstmord" - Peter Sloterdijk zum Zustand der Politik in der Krise. RDB/Markus Senn Fine Art Photography

Er gilt als Philosoph, dessen Bücher auch für Laien lesbar sind, und provoziert seit 30 Jahren mit exzentrischen Positionen Kontroversen: Der Deutsche Peter Sloterdijk. In Lausanne erhielt er den Europäischen Essay-Preis Charles Veillon.

Dieser Inhalt wurde am 04. März 2009 - 13:46 publiziert

Die Jury zeichnete das Gesamtwerk aus und insbesondere aber den Essay "Zorn und Zeit", der – wie die meisten Werke Sloterdijks - auch auf Französisch erschienen ist.

swissinfo: Zählen Sie die Preise und Auszeichnungen überhaupt noch?

Peter Sloterdijk: Es liegt in der Natur meiner Schriftstellerei, dass diese eher eine Position am Rande innehatte. Das hat sich auch im Verhalten zahlreicher Jurys niedergeschlagen, die mich in den vergangenen Jahrzehnten systematisch übergangen haben.

Aber es sieht so aus, als ob ich jetzt vom Rand in die Mitte gerückt sei. Es gab seit den 1960er-Jahren in ganz Europa eine starke kulturelle Mitte, die durch eine Art von linksliberalem Kartell bestimmt worden ist.

Gegenüber diesem Milieu war ich der Aussenseiter. Ich habe eine andere Tonart von Alternativität in die Kultur eingeführt, weil ich mir mit meinem ersten Buch erlaubt habe, genau diesen morosen, diktatorisch-depressiven Zeitgeist zu attackieren.

Es sieht so aus, dass während der langen Zeit der "Belle Epoque", vor deren Trümmern wir heute stehen, sich der Zeitgeist tatsächlich verändert und sich der grosse Block der linksliberalen Mitte weitgehend aufgelöst hat. Es gibt inzwischen eine überwiegend ratlose Gesellschaft. Die Karten werden neu gemischt.

swissinfo: Ist Ihre These, wonach wir von einem humanistisch-nationalistischen auf einen ökologisch-globalen Welthorizont umformatiert werden, noch gültig?

P.S.: Wir erleben eine weltweite, neoprotektionistische Krise. Die einzelnen Überlebenseinheiten werden auf sich zurückgeworfen. Alles, was man bereits erreicht hatte an Einsicht, dass Überleben ein gemeinsames Projekt ist, wird angehalten.

Die Cliquen, die im Augenblick an der Macht sind, versuchen in der Krise mit protektionistischen Mitteln Machterhaltung zu betreiben.

Das ist das Schlimmste, das einer Gesellschaft überhaupt passieren kann. Die Cliquenpolitik, die sonst im progressiven Hauptstrom verschwindet, wird jetzt dominierend und löst eine globale Regression aus. Das ist die intellektuelle Gefahrenseite der Krise.

swissinfo: Haben denn die Politiker überhaupt andere Möglichkeiten zu reagieren?

P.S.: Das weiss man nicht. Es ist ja niemand da, der das Gegenteil probiert. Das Gegenteil wäre auf jeden Fall eine Austerität, also eine Politik, welche die Krise ihre Arbeit tun lässt.

Zumindest in der Medizin ist es die Aufgabe einer Krise, dass sie die bösen Mikroben abkocht und den Körper in eine Entscheidungsschlacht schickt, aus der er als Sieger oder Verlierer hervorgeht

Unser so genanntes Krisenmanagement besteht ja darin, dass man das Platzen einer Blase durch die Ankündigung einer noch grösseren Inflation zu stoppen versucht. Das ist eine selbstmörderische Politik, das kann man zum jetzigen Zeitpunkt schon mit Sicherheit sagen.

Es gibt kein echtes globales politisches Milieu mit einer globalen politischen Vernunft, trotz diesen Gipfeln, die jetzt überall zusammenkommen. Dieses Bewahren, das ist Selbsterhaltung durch Selbstmord.

swissinfo: Ist es denn wenigstens positiv, dass der Staat – wenn auch umständehalber – wieder mehr im Zentrum steht?

P.S.: Es ist ein neues Bewusstsein darüber da, dass der Staat eben nicht nur der Dumme August des Marktes ist, sondern in vielfacher Hinsicht eine nicht entbehrliche Grösse.

Was wir zuletzt hatten, war ja kein organisches Wachstum mehr. Das waren krebsartige Ausblühungen. Man hat eine ganze Generation verdorben, indem man sie sich an den Glauben hat gewöhnen lassen, es genüge, ein bisschen zu spekulieren, um riesige Vermögen zu machen.

Dieser für die ganze europäische Neuzeit grundlegende Traum vom leistungslosen Einkommen wurde zum ersten Mal zum Traum einer ganzen Generation und nicht nur von ein paar utopischen Marginalen. Das ist ein Zustand, über den man noch lange wird reden müssen.

swissinfo: Sie sind Rektor der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, Professor und schreiben jährlich mindestens ein Buch. Geschieht das aus einem Spieltrieb heraus?

P.S.: Ein Schriftsteller ist ein Mensch mit einem starken inneren Dialog. Literatur ist innere Mehrsprachigkeit. Es ist kein Trieb und es treibt mich nichts, sondern ich bin in einem anhaltenden Gespräch mit mehreren inneren Teilnehmern.

Das ist ein Fluss. Wenn der Fluss fliesst, kann man ihn stauen. Die einzelnen Staustufen sind die Bücher.

swissinfo: Schreibstau kennen Sie nicht?

PS.: Wenn man heterogene Themen hat, die einem aus der Umwelt zugerufen werden und die einen zuerst innerlich nichts angehen, dann muss man sich zwingen.

Das passiert mir manchmal, nämlich dann, wenn ich leichtsinnig genug bin, um eine Einladung zu einer Konferenz anzunehmen, weil ich am Anfang glaube, das Thema sei ein Teil meiner inneren Monologe, und nachher feststelle, dass das gar nicht stimmt. Da muss man zuerst etwas aufbauen.

Das ist eine andere Position, das ist nicht die schriftstellerische oder die philosophische Position. Da muss man nichts aufbauen.

swissinfo-Interview, Andreas Keiser, Lausanne

Peter Sloterdijk

Geboren: 1947 in Karslruhe.

1968-74: Studium der Philosophie, Germanistik und Geschichte in München.

1975: Promotion in Hamburg mit einer Studie zur Philosophie und Geschichte moderner autobiographischer Literatur.

Seit 1980: freier Schritsteller.

Seit 1992: Professor für Philosophie und Medien-Theorie an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe.

Seit 2001: Rektor der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe.

Seit 2002: Leiter der Sendung "Im Glashaus - Das Philosophische Quartett", mit Rüdiger Safranski, im ZDF.

End of insertion

Charles Veillon Preis

Der Waadtländer Industrielle Charles Veillon lebte von 1900 bis 1971.

Der europäische Essay-Preis "Charles Veillon" existiert seit 1975 und ist mit 30'000 Franken dotiert.

Er wird an Werke verliehen, die "ein Zeugnis unserer Zeit oder eine fruchtbare Kritik der zeitgenössischen Gesellschaften, ihres Lebensstils und ihrer Ideologien verkörpern".

Die Preisverleihung fand am 2. März 2009 an der Universität Lausanne statt.

End of insertion

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Webseite importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@swissinfo.ch

Diesen Artikel teilen

Diskutieren Sie mit!

Mit einem SWI-Account erhalten Sie die Möglichkeit, Kommentare auf unserer Webseite sowie in der SWI plus App zu erfassen.

Login oder registrieren Sie sich hier.