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Lukas Bärfuss "Die Zeit ist nicht mehr auf unserer Seite"



Lukas Bärfuss im Gespräch mit einem Studierenden.

Lukas Bärfuss im Gespräch mit einem Studierenden.

Der Schweizer Autor Lukas Bärfuss wurde vor einiger Zeit mit dem Berliner Literaturpreis 2013 geehrt und als Gastprofessor an die Freie Universität berufen. In seiner Antrittsvorlesung sprach er über die Krise unserer Gesellschaft.

Bärfuss lebt als freier Schriftsteller, Dramaturg und Autor in Zürich. Für seine Werke hat er zahlreiche Preise erhalten.

swissinfo.ch: Wenn man sich die Reihe von Preisen anschaut, die Sie bekommen haben, könnte man fragen: Der Berliner Literaturpreis ist eine Auszeichnung unter vielen oder ist er etwas Besonderes?

Lukas Bärfuss: Der Preis ist etwas ganz Besonderes! Gerade mir als Schweizer bedeutet der Literaturpreis der Stadt Berlin sehr viel. Auch wegen des Namensgebers natürlich: die Heiner-Müller-Professur. Heiner Müller ist immer noch eine Referenz für mich.

Lukas Bärfuss

Lukas Bärfuss wurde 1971 in Thun geboren und lebt als freier Schriftsteller, Dramaturg und Autor von Prosatexten, Hörspielen und Theatertexten in Zürich.

Seine Stücke werden auf den großen Bühnen in Deutschland und der Schweiz aufgeführt und auf der ganzen Welt gespielt.

Für seine Werke hat Bärfuss zahlreiche Preise erhalten.

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swissinfo.ch: Auch, weil damit eine Gastprofessur an der Freien Universität Berlin verbunden ist?

L.B.: Ja, sicher. Universitär bin ich zwar einigermassen unbeleckt, aber es ist toll, mit den jungen Schreibenden über die eigene Poetik reden zu können.

swissinfo.ch: In einem Radiointerview, das Sie vor einigen Jahren gemeinsam mit Peter von Matt gegeben haben, haben Sie gesagt, Schriftsteller trügen keine gesellschaftliche Verantwortung. Schriftsteller sollten gut schreiben, sonst nichts. Ist Ihr Ziel also, den Studierenden beizubrigen, gut zu schreiben?

L.B.: Gut schreiben ist natürlich ein sehr weiter Begriff. Grundsätzlich ist das zwar die Hauptaufgabe eines Schriftstellers, aber die Frage ist, was gut ist. Es gibt kein Richtig und kein Falsch in der Kunst.

Was es gibt, ist Genauigkeit und Disziplin, Strenge und Mut. Geduld, Ambition und Kunstwille sind wichtig. Wie der Text dann von den Lesenden beurteilt wird, ist eigentlich kaum vorauszusehen.

swissinfo.ch: Werden Sie mit den Studierenden der Frage nachgehen, die Sie in Ihrer Antrittsvorlesung aufgeworfen haben: die Frage nach der Funktion der Dichtung in der heutigen Zeit?

L.B.: Ja. Die Frage nach dem Platz der eigenen Dichtung und dem gesellschaftlichen Raum ist  wichtig. Was ich in dem Gespräch mit Peter von Matt gesagt habe, bedeutet überhaupt nicht, dass Dichter sich nicht um die Zeitgenossen kümmern sollten. Die Frage, an wen wir unsere Texte richten, wer das Gegenüber ist, erscheint mir sehr wichtig. Gerade weil Literatur ja eine Aufforderung zum Gespräch ist, zum Austausch und zur Auseinandersetzung. Und die Vorstellung des gesellschaftlichen Raumes, in dem das passieren soll, ist sicher eine wesentliche Frage.

swissinfo.ch: Sie sagen, unsere westliche Gesellschaft habe den Bezug zur Zeit verloren. Dabei ist Zeit heute ein großes Thema. Wir machen Zeitmanagement-Kurse, leben, um Termine abzuarbeiten, sind dank moderner Kommunikationsmittel immer verfügbar und erhalten alle Informationen, die wir wollen, ständig und in Echtzeit. Gleichzeitig nehmen Symptome der Überforderung wie der sogenannte Burn Out zu. Ist all das Ausdruck dessen, dass wir mit Zeit nicht mehr umgehen können?

L.B.: Zeitmanagement gibt es nicht. Man kann die Zeit nicht managen, sie ist unbeeinflussbar. Die Versuche, die Sie aufgezählt haben, irgendeine Handhabe zu finden, zeugen ja von Hilflosigkeit.

In meiner Antrittsvorlesung meinte ich, dass die Zeit, vor allem die künftige Zeit, in der bürgerlichen Gesellschaft bislang immer auf unserer Seite war: "Das Beste kommt noch." Man legt Geld an, um den Zins arbeiten zu lassen. Man glaubt daran, dass die zukünftigen Generationen einen Fortschritt erleben werden. Das ist nicht mehr der Fall. Die Zeit ist nicht mehr auf unserer Seite, nicht mehr unsere Verbündete.

Der Kapitalismus hat nur funktioniert mit der Idee des ewigen Fortschritts und des ewigen Wachstums, und daran glauben wir nicht mehr. Gleichzeitig funktionieren wir in unserem Alltag immer noch nach den Regeln des Kapitalismus – der Optimierung und des Versprechens des ewigen Fortschrittes.

Der Burn Out hat, so ist mein Gefühl, etwas zu tun mit dem Auseinanderdriften der Wirklichkeit und dem Bewusstsein über diese Wirklichkeit. Das geht nicht mehr richtig zusammen.

swissinfo.ch: Wie gehen Sie denn mit Zeit um?

L.B.: Das ist eine sehr gute Frage! Das hat natürlich sehr viel mit dem Akt des Schreibens zu tun. Schreiben ist eine Möglichkeit der Kontemplation, der Versenkung im Augenblick. So wie auch das Theater. Und das scheint mir schon eines der grössten Glücksversprechen zu sein.

Sonst, in meinem Alltag unterscheide ich mich wahrscheinlich nicht von anderen Menschen. Auch ich bin mehr als gewünscht gestresst, muss immer wieder verschiedene Dinge gleichzeitig erledigen, was mir nicht gelingt. Auch mir scheint, dass ich immer zu wenig Zeit habe. Ich bin da also sicher ganz Kind unserer Zeit.

swissinfo.ch: Sie sagen, dass wir die Augen vor den großen Problemen unserer Zeit – wie Ressourcenknappheit, Klimawandel, Armut und Hunger – verschliessen, um im Alltag überhaupt weitermachen zu können. Was könnte man denn sonst tun?

L.B.: Ich bin kein Fan davon, zu all den Rezeptbüchern und Rezeptsendungen, die überall dargebracht werden, noch ein zusätzliches Rezept zu geben. Ich finde, es liegt in der  Verantwortung eines jeden einzelnen, seine Erkenntnisse in seinem Leben auch tatsächlich umzusetzen.

In vielen Büchern und Zeitungen ist gerade eine neue Bescheidenheit angesagt. Man soll sich beschränken und bescheiden in seiner Lebensauswahl. Ich finde aber wichtig: dass man besteht auf seinem Anspruch, glücklich zu sein und ein gelungenes Leben zu führen.

swissinfo: Unseren Kindern werde es nicht besser gehen als uns, sagen Sie und fragen, wie lange wir unser Gesellschaftssystem noch aufrecht erhalten können, da es in sich nicht mehr stimmig ist. Sie fragen das sich, aber auch die Zuhörer: junge Menschen, die am Anfang Ihres Erwachsenenlebens stehen. Warum?

L.B.: Der Riss, der durch unser System geht, ist einfach offensichtlich. Die Krise, von der immer gesprochen wird, ist vor allem auch eine moralische, ethische, lebensanschauliche. Und die jungen Menschen spüren das natürlich umso mehr.

Noch in meiner Jugend galt: Wenn Du Dich nur genügend anstrengst, eine gute Ausbildung machst und möglichst viel lernst, hast Du Deinen Platz in der Gesellschaft  sicher. Das ist heute nicht mehr so. Es ist nicht so, dass nur ich den jungen Menschen diese Frage stelle. Sie stellen sie sich nämlich alle selbst. Ich hoffe, dass sie das nicht in ihrem Enthusiasmus bremst.

swissinfo.ch

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