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Max Frisch "analysierte alles, was er sah"

Max Frisch, undatierte Aufnahme, um 1958.

(Keystone)

Vor 100 Jahren wurde Max Frisch geboren, einer der bekanntesten und umstrittensten Schweizer Autoren. Peter von Matt, Präsident der Max Frisch Stiftung, über Frischs Bedeutung, dessen Gründe zur Heimatkritik und warum er ohne Frauen nicht leben konnte.

Dieses Jahr, 100 Jahre nach seiner Geburt und 20 Jahre nach seinem Tod, widerfährt Max Frisch viel Aufmerksamkeit. Diese hätte den Autor stolz gemacht, auch wenn er es nicht gezeigt hätte, sagt von Matt, der Frisch persönlich gekannt hat, gegenüber swissinfo.ch.

Der emeritierte Professor für deutsche Literatur leitete bis vor kurzem die Publikation von Fragmenten eines erst vor kurzem entdeckten Frisch-Tagebuchs. Der Autor von Homo Faber und Stiller wollte offenbar nicht, dass diese Fragmente publiziert würden.

swissinfo.ch: Was für ein Typ Mensch war Max Frisch?

Peter von Matt: Er war ein ernsthafter Mensch. Einer, der alles, was er sah, analysierte. Man hatte immer das Gefühl, geprüft zu werden, wenn man ihm gegenüber stand.

Aber er war auch sehr freundlich, ihm gefielen Witze, und er liebte gutes Essen und Trinken. Er war kein Riese, kein Mann, vor dem man Angst haben musste. Aber in meiner Einschätzung herrschte immer eine gewisse Distanz zwischen ihm und anderen.

swissinfo.ch: Er gilt als Gigant der Schweizer Literatur. Was für ein Platz gebührt ihm in der Welt-Literatur?

P.v.M.: Es ist sehr schwierig, die Bedeutung eines Schriftstellers für die ganze Welt zu beurteilen. Er wurde und wird immer noch in zahlreiche Sprachen übersetzt. In den Vereinigten Staaten wird er nicht mit Autoren wie Philipp Roth oder Ernest Hemingway gleichgesetzt, aber in Europa gehörte er immer in diese Klasse.

swissinfo.ch: Aber Frisch hat viel Zeit in den USA verbracht...

P.v.M.: Er war traumatisiert durch die Zeit des Zweiten Weltkriegs, die er in der Schweiz verbracht hat. Er fühlte sich dort wie hinter einer Mauer. Gleich nach dem Ende des Krieges reiste er durch Europa und schrieb darüber in seinem ersten "Tagebuch von 1946-49". Es handelt sich dabei einerseits um grosse Literatur, ist aber auch ein Dokument der europäischen Geschichte.

Das Reisen zog sich durch sein ganzes weitere Leben. Er blieb immer nur eine gewisse Zeit in der Schweiz. Dann musste er wieder raus. Und eine seiner wichtigsten Destinationen waren die USA, speziell New York.

Nach einem halben Jahr kehrte er jedoch in der Regel wieder in die Schweiz zurück, oder nach Paris, Berlin oder Rom. Frisch pflegte einen nomadischen Lebensstil, aber die Schweiz hat er nie vergessen.

Zudem hatte er keine einfache Beziehung zu seinem Heimatland. Im Grunde aber liebte er die Schweiz, vor allem Zürich.

swissinfo.ch: Er war seiner Heimat gegenüber recht kritisch eingestellt.

P.v.M.: Er war sehr kritisch, weil er sein Land liebte und wollte, dass es sich selbst erneuerte, sich veränderte. Für ihn war das Leben ein Prozess endlosen Wandels. Und sobald er Dinge sah, die sich nicht veränderten, griff er an. Er attackierte alle Wände und kämpfte manchmal gegen Mauern, wo gar keine waren.

Die Zeit des Kalten Krieges war für ihn nicht einfach. Er griff beide politischen Fronten an, und er war beider Zielscheibe.

Frisch wurde auch heftig von einem grossen Teil des politischen Establishments angegriffen, man nannte ihn einen Kommunisten. Aber er war für junge Menschen und solche, die gern in einer modernen Welt leben wollten, eine sehr wichtige Figur.

swissinfo.ch: War Max Frischs Tagebuch sein schriftstellerischer Durchbruch?

P.v.M.: Das erste Tagebuch machte ihn in Deutschland sehr bekannt. Er war der erste ausländische Autor, der Deutschland ohne Wertung beschrieb.

Als Schriftsteller brillierte er vor allem 1954 mit "Stiller". Mit diesem Werk gehörte er zur Klasse eines Albert Camus in Frankreich, William Faulkner in Amerika und Graham Greene in Grossbritannien. Er zählte damit zur Crème de la Crème der europäischen Schriftsteller.

swissinfo.ch: Es wird oft gesagt, dass sich die Suche nach Identität wie ein Roter Faden durch sein Werk ziehe. Sehen Sie das auch so?

P.v.M.: Identität ist das meist gebrauchte Wort in Verbindung mit Max Frisch. Aber ich finde, dies ist nicht die Hauptsache. Eigentlich ist es die Freiheit des Subjekts.

Frisch wusste immer, wer er war. Er hatte nie eine Identitätskrise, aber er hatte Angst, von der Gesellschaft definiert zu werden. Sein Problem war das Individuum und die Kraft der anderen, die das Individuum zu definieren versuchten.

swissinfo.ch: Hatte Frisch nicht auch ein recht buntes Privatleben?

P.v.M.: Ja, bunt ist wahrscheinlich das richtige Wort. Er war ein Mann, der nicht ohne Frauen leben konnte. Manchmal waren es auch mehr als eine Frau zur selben Zeit. Er hatte vier oder fünf sehr wichtige, langdauernde Beziehungen und auch eine ganze Reihe von Affären.

Dies hängt auch damit zusammen, worüber wir vorher gesprochen haben. Auch in der Liebe hatte er das Gefühl, er müsse dann und wann neu starten. Das ist nicht die beste Voraussetzung für eine dauerhafte Beziehung. Aus diesem Grund erlebte er auch ein paar Katastrophen.

Die bekannteste war die Beziehung mit der österreichischen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann. Er lebte mehrere Jahre mit ihr zusammen, und das Verhältnis endete sehr schmerzhaft.

swissinfo.ch: Sie haben kürzlich Entwürfe zu Frischs drittem Tagebuch veröffentlicht. Weshalb?

P.v.M.: Er schrieb zwei Tagebücher und begann Anfang der 1980er-Jahre mit einem dritten. Aber dann stoppte der Schreibprozess. Als wir diese Fragmente gefunden haben, die meines Erachtens sehr wichtig und teilweise hervorragend geschrieben sind, fand ich es nötig, sie zu drucken.

Es ist ein Erfolg, auch wenn es Leute gibt, die das nicht wollten, weil Frisch dies selbst nicht hätte publizieren wollen.

Meiner Meinung nach ist das nicht richtig. Ein Autor von seiner Bedeutung ist Gegenstand des öffentlichen Interesses. Deshalb drucken wir die Dinge, die interessant und mit seiner Arbeit, seinem Leben und Denken verbunden sind.

Frisch-Werke

Von Matt empfiehlt: "Die beste Einführung ist Homo Faber (1957) und dann die umfangreichere, schwierigere Novelle Stiller (1954). Der Mensch erscheint im Holozän (1979 ist ein Spätwerk und ein sehr eindrückliches Märchen."

Schauspiele: Die bekanntesten sind Andorra (1961) und Biedermann und die Brandstifter (1958).

Tagebücher: Tagebuch 1946 -1949 und Tagebuch 1966-1971. Fragmente für ein drittes Tagebuch wurden 2009 im Max Frisch-Archiv in Zürich gefunden. Diese wurden 2010 als Entwürfe für ein drittes Tagebuch veröffentlicht.

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Max Frisch

Geboren 15. Mai 1911

1930: Beginn eines Germanistik-Studiums an der Uni Zürich
1932: Tod des Vaters. Frisch arbeitet mehr journalistisch, um das Überleben für sich und seine Mutter zu gewährleisten.
1933: Sportreporter für die NZZ an Hockey-WM in Prag, Reisen durch Ost- und Südosteuropa.
1934: Erster Roman: "Jürg Reinhart. Eine sommerliche Schicksalsfahrt".
1936: Beginn Architekturstudium, mitfinanziert von Freund Werner Coninx.
1939: Beginn Zweiter Weltkrieg. Frisch leistet aktiven Dienst als Kanonier.
1940: "Blätter aus dem Brotsack", Tagebuch eines Soldaten.
1942: Heirat mit Trudy von Meyenburg
1943: Geburt von Tochter Ursula.
1944: Sohn Hans Peter geboren.
1945: "Nun singen sie wieder" als erstes Frisch-Stück am Schauspielhaus Zürich uraufgeführt.
1949: Geburt von Tochter Charlotte.
1950: "Tagebuch 1946–1949".
1951/52: Amerika Stipendium, USA-Aufenthalt.
1954: "Stiller". Trennung von der Familie.
1957: "Homo Faber".
1958: "Biedermann und die Brandstifter".
1960-1965: Rom mit Ingeborg Bachmann.
1964: "Mein Name sei Gantenbein",
1968: Heirat mit Marianne Oellers.
1972: "Tagebuch 1966–1971".
1974: "Dienstbüchlein".
1975: "Montauk. Eine Erzählung".
1978: "Triptychon. Drei szenische Bilder".
1979: "Der Mensch erscheint im Holozän", Scheidung von Oellers.
1982: "Blaubart. Eine Erzählung".
1986: Rede an Solothurner Literaturtagen: "Am Ende der Aufklärung steht das Goldene Kalb".
1989: Vor Volksabstimmung über Abschaffung der Schweizer Armee: "Schweiz ohne Armee? Ein Palaver".
1990: Krebsdiagnose. Fichenaffäre: Frisch wurde 40 Jahre lang bespitzelt.
1991: 4. April: Max Frisch stirbt in Zürich..

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(Übertragung aus dem Englischen: Etienne Strebel), swissinfo.ch


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