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Die Schweiz im Auge des Zyklons

Zur Zeit Hitler-Deutschlands war das Zürcher Schauspielhaus ein Hort des Widerstands gegen die Nazi-Herrschaft. RDB

Das Schauspielhaus Zürich war in den 1940er-Jahren ein Hort des Widerstands gegen Nazi-Deutschland. Im neuen Roman "La Tempête des heures" der Schweizer Autorin Anne Cuneo spielen das Theater und sein Ensemble von damals die Hauptrolle.

Dieser Inhalt wurde am 18. März 2013 - 14:53 publiziert
Ghania Adamo, swissinfo.ch

Frühling 1940: Hitler hat dem deutschen Reich Polen und Österreich einverleibt, nun steht die Eroberung der skandinavischen Länder bevor. Auf der "Warteliste" stehen auch Belgien und Holland, vor allem aber Frankreich. Die Schweiz zittert, denn eine Frage ist allgegenwärtig: Würde es der Diktator wagen, deren Neutralität zu verletzen und auch die Schweiz zu besetzen?

Wie eine dunkle Wolke hängt diese Frage insbesondere auch über dem Schicksal der Theaterleute am Schauspielhaus Zürich. Dieses wurde für zahlreiche Intellektuelle aus ganz Europa, die vor den Nazis in die Schweiz geflüchtet waren, zu einem Hafen der politischen und künstlerischen Freiheit. Zu jener Zeit waren die Bühnen in der Deutschschweiz die einzigen im ganzen deutschsprachigen Raum, die sich nicht dem Diktat Berlins unterstellten.

RDB

"Gerade das Schauspielhaus Zürich hielt die Flamme der Kultur Deutschlands und der Welt hoch, ohne sich einschüchtern zu lassen", sagt Anne Cuneo. Deshalb widmet die aus Italien stammende Schweizer Schriftstellerin ihren neuen Roman "La Tempête des heures" der Zürcher Kulturinstitution.

Die Autorin forschte dazu in mehreren Archiven und befragte zahlreiche Personen, die während des Zweiten Weltkrieges in der Schweiz Zuflucht suchten. "La Tempête des heures", zu Deutsch etwa "Der Sturm der Stunden", sei deshalb eher eine "historische Abhandlung", sagt Cuneo. Das Buch beleuchte eine schmerzliche Vergangenheit, mit der sich die Schweiz während langer Zeit äusserst schwer getan habe. "Erst in den letzten 20 Jahren, insbesondere mit dem Bergier-Bericht, hat sie mit der Aufarbeitung begonnen", so Cuneo.

Sie stamme nicht aus der Schweiz, hebt die in Zürich lebende Autorin hervor. "Aber als ich die Geschichte dieses Landes studierte, wurde mir aber rasch klar, dass es bedauerlicherweise eine Vermischung der Bevölkerung mit der Regierung gab. Ein Teil des Bundesrates zeigte sich Hitler gefällig, aus Furcht vor Vergeltungsmassnahmen." 

Dort die Regierung, hier das Volk

Diese Vermischung aufzulösen, ist ein Ziel ihres Buches. Cuneo zeigt eine gespaltene Schweiz: jene der hohen Politiker, die sich vor den Juden fürchten, und jene der mutigen und grosszügigen Bevölkerung. Zu dieser gehören auch die Schauspielerinnen und Schauspieler, Regisseure, Bühnentechniker und –bildner des Schauspielhauses Zürich.

Viele stammten aus Deutschland, wo sie als Juden oder Kommunisten oder beides zusammen von den Schergen Hitlers verfolgt wurden, etwa Wolfgang Langhoff, Therese Giehse, Teo Otto oder Leopold Lindtberg. Sie alle werden im Roman wieder lebendig. Fiktiv ist einzig die Figur der Erzählerin Ella.

Die 20-jährige Jüdin war aus Warschau geflüchtet, nachdem dort ihre Eltern verschwunden waren. Am Schauspielhaus findet sie ein neues Zuhause und lernt von den grossen Schauspielern, die Goethes Faust proben, das Bühnenhandwerk.

Ellas Blick auf die Schweiz ist eine Aussensicht, dominiert einerseits von der Furcht, jederzeit aufgegriffen und ausgewiesen zu werden, und andererseits der beruhigenden Kameradschaft und Hilfsbereitschaft ihrer Kollegen und Vorgesetzten.

Anne Cuneo/neuer Roman

"La Tempête des heures", Editions Campiche, 295 Seiten (Franz).

Biografie

Geboren am 6. September 1936 in Paris, Autorin, Dramatikerin, Regisseurin.

Studium in Lausanne, arbeitet als Journalistin.

Ab 1973 Arbeit für Film und Fernsehen sowie für Schweizer Radio International, dem Vorläufer von swissinfo.ch.

Gibt Literaturkurse. Längere Reisen durch Europa.

Vielfältiges literarisches Schaffen (Autobiografie, Dokumentarisches, Theaterstücke, Lyrik).

Anne Cuneo wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Schillerpreis.

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Mephisto/Hitler

Die Faust-Proben kommen im Rhythmus von Hitlers Eroberung Europas voran. Nichts kann den Führer aufhalten, wie es scheint. Nichts hält auch die Leute auf der Bühne des Schauspielhauses als spirituelle Widerstandskämpfer gegen die Nazi-Ideologie auf. Mit Faust II findet dieser Widerstand seinen symbolischen Ausdruck. Mephisto, Goethes Figur des Teufels bietet sich geradezu an, um Hitler zu dämonisieren.

Die symbolische Überdeckung der Figuren entging Deutschland nicht. Berlin war ausser sich darüber, den Dichterfürsten Goethe im Dienst antinazistischer Propaganda zu sehen.

Die Schweizer Armeeführung markierte dagegen Standhaftigkeit, indem sie dem Zürcher Schauspielhaus ausdrücklich den Befehl erteilte, die Premiere von Faust II zu geben. Mit diesem Befehl markierte General Guisan, der in Cuneos Buch als "der General" auftritt, das Territorium und machte so dem deutschen Nachbarn klar, dass die Schweiz auf ihrem Boden frei sei.

Die Premiere vom 18. Mai 1940 wurde zum realen Triumph und zur eigentlichen Geburtsstunde des Zürcher Schauspielhauses. "Bis 1933 war es eine unbekannte Provinzbühne gewesen", sagt Cuneo. "Erst die berühmten Schauspieler, überzeugt von ihrer Rolle als Widerständler gegen Nazideutschland, haben dem Haus seine internationale Aura verliehen."

Unbeugsam

Hat das Schauspielhaus damit die Kultur der Schweiz geprägt? "Ja, aber nicht allein", antwortet die Autorin. In den 1940er-Jahren sei auch das Schweizer Kino prägend gewesen. "Es gab damals eine Filmproduktion, die sehr gut organisiert war. Gilberte de Courgenay etwa, der Film von Franz Schnyder von 1941, ist heute eine Ikone des Schweizer Kulturerbes."

Die Bevölkerung ist laut Cuneo grossmehrheitlich der künstlerischen Elite gefolgt. Die angriffigen satirischen Zürcher Cabarets wie das Cornichon oder der Rote Turm waren stets gut besetzt. "Das Publikum war sich bewusst, was auf dem Spiel steht", sagt Cuneo. "Goebbels erklärte, 'man muss den Geist ändern!' 'Nicht den unsrigen', haben ihm die Schweizer geantwortet."

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