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Schriftsteller und Abenteurer Die Schweizer Nacheiferer von Blaise Cendrars

Ella Maillart (1903-1997), Schweizer Schriftstellerin und Abenteurerin.

Ella Maillart (1903-1997), Schweizer Schriftstellerin und Abenteurerin.

(RDB)

Charles-Alexandre Cingria, Nicolas Bouvier, Anne-Marie Schwarzenbach, Ella Maillart, Hugo Lötscher, … Die Schweizer Literatur kennt eine Reihe weiterer Reiseschriftsteller, die im Kielwasser von Blaise Cendrars tätig waren. Von Generation zu Generation folgen die Autoren dem Fernweh, um über ihre eigene Menschlichkeit zu sprechen.

"Die Reise ist ein Mittel, nicht ein Ziel. Es ist ein Werkzeug für Empathie, eine Schulung der Betrachtung, eine gute Lehre der Verarmung. Reisen gleicht oft einem Rollenspiel: Es bietet den Luxus, das Leben jeden Morgen neu zu beginnen. Ausserdem hat es mehr Intensität, mehr Weite, mehr Erschütterungen. Nach der Heimkehr ist man nicht mehr sich selber." Das sagt Blaise Hofmann, ein 35-jähriger Waadtländer und Träger des Nicolas-Bouvier-Preises 2009.

"Cingria und Cendrars waren sehr befreundet. Bouvier sagte, dass er den beiden viel schulde. Heute sagt die junge Aude Seigne, dass sie sich von Nicolas Bouvier genährt habe. Wie zufällig versteht sie sich sehr gut mit Blaise Hofmann. Für mich besteht der gemeinsame Punkt unter diesen Leuten, die von einander lesen, darin, dass sie auf der Reise ein starkes Gefühl, auf der Welt zu sein, ein Bewusstsein der Welt suchen", sagt Caroline Coutau, Direktorin des Verlags Zoé.

"In der Schweiz gibt es die grossen Abenteurer, aber auch die Spaziergänger, die Wanderer, die Autoren von Bekenntnissen und sogar jene, die in den Büchern im Zimmer umherreisen: Sie lassen sich alle in die gleiche Logik einreihen. Bouvier, Cingria, Pestelli, Anne-Marie Schwarzenbach, eher Journalistin als Schriftstellerin, Ella Maillart, eher Abenteurerin als Schriftstellerin, aber auch Robert Walser, der ein Wanderer war", so Coutau.

"Cendrars war ein Globetrotter aber auch Reisender des Innern. Aber das sind sie alle mehr oder weniger. Sie erzählen von sich, ohne unbedingt narzisstisch zu sein, vielleicht um besser über ihre eigene Menschlichkeit zu sprechen. Deshalb interessieren wir uns für sie und lesen ihre Werke."

Zur Literatur konvertierte Söldner

Die Deutschschweizer haben damit angefangen. Laut Peter Utz, deutscher Literaturprofessor an der Universität Lausanne, beginnt die Tradition in der Zeit des Söldnerwesens: "Viele Schweizer waren ausgewiesene Nomaden, die zu aufmerksamen Zuschauern wurden; so genau, dass die Expatriierung in eine Art literarische Verbindung mündete, vor allem nach der Heimkehr, die oft die Rolle eines Katalysators spielte."

Der erste der "zur Literatur konvertierten Söldner", Ulrich Bräker (Der arme Mann im Toggenburg, 1856), war nach seiner Rückkehr aus Berlin Schriftsteller geworden, nachdem er in der preussischen Armee von Friedrich II. gedient hatte.

"Seine Berichte zeigen eine besondere Betrachtungsweise, jene eines Fremden, die eine Diskrepanz mit dieser Schweiz zeichnet, die er wieder antrifft, ohne sie wirklich wiederzuerkennen. Die Betrachtung des Heimkehrers wird kritisch in dem Sinn, als er Schwierigkeiten bekundet, sich in einem Leben und einer Gesellschaft zurechtzufinden, die nicht seine sind", sagt Peter Utz.

Im Rahmen der Neutralität

"Alle diese Leute haben sich in eine Position des genauen Beobachters begeben, viel mehr als eine aktive Rolle der Fiktion zu spielen", sagt Caroline Coutau. "Im Hintergrund bleiben, den Details Beachtung schenken und sich dabei auf eine grosse Schamhaftigkeit und Diskretion zurückziehen, das ist vielleicht etwas sehr Schweizerisches."

"Die von vielen dieser Schriftsteller bezeugte Diskretion", ergänzt Peter Utz, "ergab sich vielleicht aus der Haltung des Zuschauers, die aus der offiziellen Doktrin der neutralen Schweiz seit 1914 und des Diskurses der 'intellektuellen Neutralität' resultierte, die von Carl Spitteler verteidigt" und ihm 1919 den Nobelpreis der Literatur beschert hatte.

Doppelte Zugehörigkeit

Berlin ist für Deutschschweizer Schriftsteller ein fruchtbarer Anziehungspunkt geblieben. Peter Utz erinnert an "Thomas Hürlimann, der diese Distanz brauchte, um über die Schweiz zu schreiben, oder Matthias Zschokke, der zwar nicht über die Schweiz schreibt, aber sich schweizerischer fühlt als sonst wo".

Erwähnte Autoren und Werke

Nicolas Bouvier (Genf 1929-Genf 1998), Referenz für zahlreiche Reisende und Schriftsteller

Charles-Albert Cingria (Genf 1883-Genf 1954), unternahm Reisen in der Schweiz, Frankreich, Italien, Deutschland, Spanien, Türkei und Afrika

Enrico Filippini (Locarno 1932-Rom 1988), "Die letzte Reise"

Blaise Hofmann (Morges, Waadt, 1978), erhielt für sein Buch "Estive" 2009 den Nicolas-Bouvier-Preis

Thomas Hürlimann (Zug, 1950), lebt in Berlin

Hugo Lötscher (Zürich 1929-Zürich 2009), studierte in Paris, unternahm Reisen nach Lateinamerika, Fernost, USA und Brasilien

Ella Maillart (Genf 1903-Chandolin 1997) unternahm 1930 Reisen in den Kaukasus, durchquerte Zentralasien, China, Indien, Afghanistan, Iran und die Türkei

Giovanni Orelli (Bedretto 1928), Autor von "Monopoly"

Lorenzo Pestelli (Sevenoaks 1935-Marrakesch 1977), Reisen nach Japan über Indien, Nepal, Thailand, Malaysia, Indochina

Anne-Marie Schwarzenbach (Zürich 1908-1942), Reisen nach Spanien, Persien, Russland, USA, Afghanistan

Aude Seigne (1985), Nicolas-Bouvier-Preis 2011 für "Chronique de l'Occident nomade"

Robert Walser (1878-1956) erntet zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Anerkennung der grössten Schriftsteller, vor allem in Berlin

Matthias Zschokke (Bern 1954), französischer Literaturpreis "Prix Femina Etranger 2009"

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Gleichermassen verhält es sich mit Paris für die Westschweizer und mit Italien für die Tessiner, denn die besondere Situation der Schweizer Literatur ging aus der Tatsache hervor, dass der Ort der politischen Zugehörigkeit sich nicht mit dem kulturellen Bezug deckt.

"Man musste im kulturellen Bezug immer ein Gravitationszentrum ausserhalb der Schweiz suchen, und das führte zu einer Art doppelter Zugehörigkeit und gleichzeitig zu einem Hin-und-zurück zwischen den beiden", sagt Peter Utz.

Wegen der territorialen Kleinheit hätten die Tessiner Schriftsteller ihren Resonanzkasten gegen Italien öffnen müssen, sagt Guido Pedrojetta, Oberassistent an der Universität Freiburg. Er erwähnt den Fall von Enrico Filippini, dessen "Letzte Reise" die Rückkehr ins Tessin als Krebskranker erzählt.

"Nachdem er sein ganzes Leben in Italien verbracht hatte, musste er sich mit seiner Herkunft wieder verknüpfen, auf die Gefahr hin, dass sich seine Wiege in einen Sarg verwandeln würde. In diesem, sowohl reellen wie metaphysischen Sinn wurde die Reise zum Lebenslauf."

Für die südlich des Gotthards beheimateten Tessiner galt es immer, die andern Landesteile als Zone der Entdeckung zu betrachten, mit dem gleichen Blick, den sie im Ausland hatten. "Giovanni Orelli hat zum Beispiel mit 'Monopoly' ein köstliches Porträt der Schweiz geschrieben", sagt Guido Pedrojetta.

Bezug zur Subsistenzwirtschaft

Nach den extremen Regionen Europas und des Mittelmeerraums und dank der Entwicklung der Transportmittel haben sich die Reisenden mehr und mehr nach Asien ausgerichtet, das bei Schweizer Schriftstellern allgegenwärtig ist, und ein wenig nach Amerika, während Afrika erstaunlicherweise wenig präsent ist.

"Der Bezug zum Ausland war während langer Zeit ein Bezug zur Subsistenzwirtschaft, das Los der Länder ohne viel Ressourcen bis zum Ersten Weltkrieg", erklärt Daniel Maggetti, Professor für französische Literatur an der Universität Lausanne.

Im 20. Jahrhundert hat diese Gattung der Reiseliteratur ständig zugenommen, vor allem was die Form betrifft. "Zuvor ist es darum gegangen, das Reelle zu beschreiben, über die Dinge zu berichten, die sich tatsächlich ereigneten und bei welchen der Erzähler auch der Handelnde gewesen ist", so Maggetti.

"Die Kunstgattung hat sich parallel zum Reisebericht und zur Reportage entwickelt, aber ging darüber hinaus. Cendrars war bahnbrechend, weil es ihm als Reiseschriftsteller gelungen war, die Realität mit seiner persönlichen Mythologie zu vereinen."


(Übersetzung aus dem Französischen: Peter Siegenthaler), swissinfo.ch


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