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Spricht Brad Pitt deutsch? Für Filmprofis sind nur Originalversionen grosses Kino



Blockbuster wie Jurassic Park, die nächste Folge ist für 2015 angekündigt, wollen die meisten Kinobesucher in deutscher Synchronversion schauen.

Blockbuster wie Jurassic Park, die nächste Folge ist für 2015 angekündigt, wollen die meisten Kinobesucher in deutscher Synchronversion schauen.

(AFP)

Filmfestivals, wie jenes in Locarno und Schweizer Kinos, sind die letzten Reservate, in denen nur Filme in den Originalversionen laufen. Sind die Ängste begründet, dass diese dem Untergang geweiht sind? swissinfo.ch sucht Antworten.

"Vor zwei Jahren dachte ich, dass wir in fünf Jahren keine Untertitel mehr haben werden, wenn es so weitergeht. Jetzt aber bin ich wieder optimistisch", sagt Leo Baumgartner, Chef des Filmverleihs Warner Bros. Schweiz.

"Dank der Digitalisierung können wir auch in Kinos ausserhalb der Städte einmal pro Woche Filme in der Originalversion zeigen, was uns wieder etwas Hoffnung macht." Mit der teuren 35-Millimeter-Technik wäre solches unmöglich gewesen, so Baumgartner. 

Die Entwicklung in der Schweiz weist aber in Richtung des synchronisierten Kino-Erlebnisses. In diesem parlieren Angelina Jolie, Brad Pitt & Co. auf der Leinwand auf Deutsch. In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Kinobesuche praktisch konstant geblieben – 2003 wurden 16'962'996 Eintritte verzeichnet,  im letzten Jahr waren es deren 15'888'585. Dabei aber ist der Anteil der untertitelten Originalversionen von 55% auf 42% zurückgegangen. Dies geht aus den Zahlen von ProCinema hervor, dem Dachverband der Schweizer Kinos und Filmverleiher.

Die Gründe für diesen Rückgang? Kinobesitzer und Verleiher zeigen mit dem Finger gern auf das junge Publikum, das bequem geworden sei. Für Frank Braun, der die beiden Arthouse-Kinos, Riffraff in Zürich und Bourbaki in Luzern betreibt, tönt dieses Argument fadenscheinig. Menschen setzten generell darauf, immer mehr Geld zu machen – "das ist der einzige Grund hinter dieser Entwicklung", so Braun.

Zwei Drittel aller Eintritte fielen 2012 auf Publikums- und Kassenschlager, die so genannten Blockbusters. Da verweisen Verleiher gern auf die jungen Besucher, die einen Film auch verstehen wollten, wenn sie dafür bis zu 20 Franken Eintritt bezahlen müssten.

Auch Baumgartner räumt ein, dass finanzielle Gründe eine Rolle spielen. "Wenn wir viel Geld für die Untertitelung ausgeben, diese aber nur von 10% des Publikums oder weniger gelesen wird, beginnen wir, unseren Entscheid zu hinterfragen."

Aber nicht alle jungen Kinogänger stehen mit der Untertitelung auf Kriegsfuss. Viele beharren auf den Originalversionen, etwa, um ihre Fremdsprachen-Kenntnisse zu üben. Oder wegen des Humors, der in der Synchronisierung oft etwas verloren geht.

Autorenfilme vs. Kassenschlager

"Die Schweiz ist eine Ausnahme, und das seit jeher", sagt Xavier Pattaroni, Programm-Verantwortlicher von Cinemotion, einem Verbund von drei Kinos in der Westschweiz. "Vergleicht man die Kino-Programme in Deutschland und Frankreich mit demjenigen in ähnlich gelagerten Schweizer Städten, sei es Bern, Zürich, Lausanne oder Genf, werden dort die Erfolgsfilme alle in übersprochenen Versionen gezeigt."

Pattaroni ist sich nicht sicher, ob dies mit den drei Schweizer Sprachregionen zusammenhängt, und es folglich die Menschen gewohnt seien, andere Sprachen zu lesen.

"Bisher war es cool, Filme in der Originalversion zu schauen. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob dies heute noch der Fall ist. Aber es gibt sicher eine Tradition, Originalversionen zu bevorzugen, die in der Schweiz stärker ist als in anderen europäischen Ländern", hält Pattaroni fest.

Kino in der mehrsprachigen Schweiz

Deutschschweiz: Filme des unabhängigen Kinos laufen in Originalversion, deutsch und französisch untertitelt. Blockbuster: Original- und Synchronfassungen, aber Originalfassungen mit kürzerer Spielzeit oder in Sondervorführungen. Trickfilme für Kinder meist nur in Synchronfassung.

Westschweiz: Unabhängiges Kino: Originalversion mit deutschen und französischen Untertiteln. Blockbuster: französische Synchronversion.

Italienischsprachige Schweiz: Unabhängiges Kino: Originalversion mit deutschen und französischen Untertiteln. Blockbuster: italienische Synchronversion.

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Gr8 GatsB statt The Great Gatsby?

Die Synchronisierung ist aber vergrössert stets ihren Anteil. 2007 markierte die Wende, als übersprochene Filme erstmals mehr Eintritte verzeichneten als untertitelte Originalfassungen.

Die Facebook- und Twitter-Generation verbringe dermassen viel Zeit online, dass sie auf der Kinoleinwand nicht mehr lesen möge, vermutet der Westschweizer. Er scherzt, Untertitel sollten vielleicht in der SMS-Sprache getextet sein, , "vielleicht würden die Jungen das echt cool finden!"

Aber sprechen diese heute nicht besser Englisch als vor 20 oder 30 Jahren? Von dieser Annahme sei man lange ausgegangen, sagt Leo Baumgartner, aber offensichtlich sei sie falsch.

Junge Menschen würden viele englische Ausdrücke kennten und diese auch verwenden. "Aber wenn es darum geht, die Sprache richtig zu verstehen und selber zu sprechen, ist es offenbar etwas anderes. Es ist bedauerlich – sie verpassen die Gelegenheit, Filme in Englisch zu sehen und dabei gleichzeitig die Sprache zu lernen", sagt der Filmverleiher.

Derweil reiben sich Sprecherinnen und Sprecher in Deutschland, Frankreich und Italien die Hände. Und die Schweizer Verleiher in den drei Sprachregionen können von den jeweiligen Nachbarn einfach die Kopien in der passenden Synchronisierung übernehmen.

Keine Freude an dieser Entwicklung haben die auf Untertitelung spezialisierten Unternehmen. "Firmen wie Titra lebten von der Untertitelung der 35mm-Filme, aber dies gibt es praktisch nicht mehr", klagt deren Leiter Ronald Ducrest. Die Genfer Firma war spezialisiert auf das kostspielige Verfahren, die Untertitel mittels Laser auf die Filmrolle einzugravieren.

"Seit der Umstellung auf Digitaltechnik können Untertitel in Indien oder Polen auf eine Festplatte gespeichert werden. Dazu brauchen sie dort nur den Text und ein Programm, die per Mail verschickt werden. Das heisst, dass viele Unternehmen nicht mehr zu uns kommen."

Für Titra machte sich der Schwund besonders in den letzten drei Jahren rasant bemerkbar. Vor sechs Jahren hatte Ducrest für die Untertitelung per Laser noch sechs Mitarbeiter beschäftigt. Heute ist es noch einer – und der arbeitet mit Harddisks.

Trotz des schwierigen Marktes ist Ducrest aber verhalten optimistisch, denn viele Verleiher würden jetzt realisieren, dass die Konkurrenz im Ausland zwar billig, die Qualität der Arbeit aber sehr schlecht sei.

Auch bei Titra hat Ducrest versucht, mit einer ausländischen Firma zusammen zu spannen. "Aber die gelieferte Qualität genügte dem Schweizer Anspruch nicht, weil entweder die Übersetzung oder die Positionierung schlecht waren." Ducrest geht jetzt davon aus, dass viele Verleiher lieber etwas mehr bezahlten und dafür eine Untertitelung erhalten, die qualitativ einwandfrei sei.

Unübersetzbar

Die Filmspezialisten sind sich einig: Sie mögen nur Filme in Originalversionen. "Das steht ausser Frage!", ruft Leo Baumgartner aus. "Niemand aus der Filmbranche schaut je einen synchronisierten Film, und es gibt keine Ausnahmen", schiebt er nach.

Originale Stimmen ermöglichten eine andere Erfahrung als synchronisierte, sagt Xavier Pattaroni. "Dazu kommt der Humor. Einige Witze funktionieren auch in anderen Sprachen, andere sind schlicht nicht übertragbar. Für mich sind originale Fassungen eindeutig besser", hält er fest.

Die Organisatoren von Filmfestivals muss Pattaroni nicht überzeugen. In Locarno, wo am 7. August die 66. Auflage des Festivals startet, können Freundinnen und –freunde der siebten Kunst aus über 250 Werken auswählen. Keine Frage, werden diese genau so gezeigt, wie sie die Regisseure und Regisseurinnen gedreht haben.

Filmmarkt 2012 – Anteile nach Ländern

USA: 129 Filme – 8'979'655 Eintritte – 56.52% Marktanteil;

Frankreich: 110 – 2'659'527 – 16.74%;

Grossbritannien: 26 – 1'718'517 – 10.82%;

Schweiz: 80 – 796'410 – 5.01%;

Deutschland: 38 – 526'491 – 3.31%;

Neuseeland: 1 – 415'357 – 2.61%.

Insgesamt wurden Filme aus 60 Ländern gezeigt.

(Quelle: ProCinema)

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(Übertragung aus dem Englischen: Renat Kuenzi), swissinfo.ch


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