Tod eines Weltliteraten Urs Widmer - der Meister der Ironie und Präzision

Eine Autobiographie als letztes Buch: Urs Widmer.

Eine Autobiographie als letztes Buch: Urs Widmer.

(Keystone)

Der Schweizer Schriftsteller, Dramatiker und Hörspielautor Urs Widmer ist tot. Der international erfolgreiche Autor starb im Alter von 75 Jahren nach einer schweren Krankheit in Zürich, wo er seit 1984 lebte.

Mit Widmer verliere die Schweiz nicht nur einen grossen Schriftsteller, schreibt die Neue Zürcher Zeitung in ihrer Online-Ausgabe: "Urs Widmer hat mit seiner heiteren Besonnenheit und seinem temperamentvollen Esprit das intellektuelle Leben hierzulande massgeblich mitgeprägt und belebt."

Man wusste, dass er krank war, "aber mit einer solchen Krankheit kann man auch noch gut eine Weile leben. Das wünschte man ihm von Herzen. Umso grösser der Schock über die Todesnachricht. Denn Urs Widmer war nicht nur einer der besten Schriftsteller, die die Schweiz hatte, sondern auch einer der liebenswürdigsten. Mit seinem wirren Haarschopf, der sich mit den Jahren lichtete, ohne an Wirrnis zu verlieren, war er eine vertraute Gestalt in Zürich", würdigt ihn der Tages-Anzeiger.

"Weltliterat"

1992 bezeichnete ihn der damalige deutsche Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki als "Weltliteraten". Widmer war einer der bekanntesten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart und einer der erfolgreichsten Schweizer Schriftsteller der Generation nach Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch.

Für sein Werk, das rund 80 Prosastücke, Dramen, Hörspiele und Essays umfasst, erhielt Widmer 2007 den Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg. Seinen Stil zeichne "der Wechsel der Töne aus: Ironie und Satire stehen neben surrealer und realistischer Präzision", urteilte die Jury damals.

Ausgezeichnet wurde er unter anderem auch mit der Anerkennungsgabe der Stadt Zürich, dem Grossen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und dem Jakob-Wassermann-Literaturpreis der Stadt Fürth, den er am kommenden 18. Mai, kurz vor seinem 76. Geburtstag, hätte in Empfang nehmen sollen.

Das letzte Buch

"KEIN Schriftsteller, der bei Trost ist, schreibt eine Autobiographie. Denn eine Autobiographie ist das letzte Buch" – so beginnt "

Reise an den Rand des Universums", die Autobiographie über seine ersten 30 Jahre, für die Widmer 2014 den Schweizer Literaturpreis erhielt und die nun effektiv sein letztes Buch geworden ist.

Geboren wurde Urs Widmer am 21. Mai 1938 in Basel als Sohn eines Literaturkritikers und Gymnasiallehrers. Seine Mutter war die Tochter eines Ciba-Vizedirektors. Im Elternhaus herrschte eine intellektuell inspirierende Atmosphäre, Leute wie Heinrich Böll gingen ein und aus.

"Ein famoser Geschichtenerzähler"

"Ich war vielleicht 16 Jahre alt, als ich Joseph Conrads 'Das Herz der Finsternis' las und die Übersetzung so gut fand, dass ich zum ersten Mal im Leben bewusst nachgeschaut habe, wer das Buch übersetzt hat. Und es war Urs Widmer.

Kurz darauf entdeckte ich Widmers Bücher, in denen er aus ungewöhnlichen Perspektiven die Shakespeare-Stücke erzählt. So lernte ich deren Stoffe kennen und konnte mich danach richtig auf die Sprache einlassen.

Persönlich kennengelernt habe ich Urs Widmer in meiner Zeit als Programmleiter des Literaturhauses Köln – und der Eindruck, den ich lesend gewonnen hatte, hat sich ganz und gar bestätigt und ist mir immer geblieben: Er war ein freundlicher Weltbürger der Literatur, ein charmanter Vermittler, ein famoser Geschichtenerzähler, dessen Begeisterung für Literatur ansteckend war."

Von Thomas Böhm, Programmleiter des Internationalen Literaturfestivals Berlin. Er hat den "Auftritt Schweiz" an der Leipziger Buchmesse 2014 kuratiert.

Die Nase am Zaun

Nach dem Studium der Germanistik und Romanistik in Basel, Montpellier und Paris arbeitete Widmer zunächst als Lektor beim Walter Verlag, Olten, und später im Suhrkamp Verlag, Frankfurt, wo er von 1967 bis 1984 lebte, bevor er sich in Zürich niederliess.

Urs Widmer wollte allerdings nie als Schweizer Schriftsteller gesehen werden, er pochte bei verschiedenen Gelegenheiten darauf, Teil der deutschen Literatur zu sein, ohne allerdings auf den Unterschied hinzuweisen: Er spüre in jeder Faser des Herzens, dass er eine andere Geschichte habe als seine Generationskollegen in Deutschland, sagte er kurz vor seinem 75. Geburtstag gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.)

In Basel sei er quasi mit der Nase am Grenzzaun auf jener Seite aufgewachsen, wo der Faschismus zwar in Spurenelementen hinreichte, aber eben doch nicht seine mörderische Gewalt entfalten konnte. Schon als Kind habe er darüber nachgedacht, ob ein Vogel, der über die Grenze fliege, wieder heil zurückkehre oder ob ihm drüben etwas angetan würde.

"Ein grosser Fabulierer"

2008 regte Franz Hohler an, Urs Widmer für den Nobelpreis vorzuschlagen. Der Deutschschweizer PEN-Club hat das dann auch offiziell getan. "Verdient hätte er ihn, ebenso wie Dürrenmatt und Frisch", sagte der Schriftsteller und Kabarettist am Donnerstag nach Bekanntwerden von Widmers Tod.

"Urs Widmer war einer unserer grossen Fabulierer. Er hat die Wirklichkeit ständig umgebaut und als Kulisse für seine Geschichten zurechtgerückt, die so oft ins Surreale übergingen und uns sachte den Boden unter den Füssen weggezogen haben", so Hohler.

"Hinter unserer ersten Welt liess er eine zweite Welt entstehen, die Welt der Phantasie, und die reichte bis an den Rand des Universums."

"Milchkuh" über entfesselten Kapitalismus

Die Erzählung "Alois" (1968) war Widmers erstes Buch. Der grosse Publikumsdurchbruch gelang ihm im Jahr 2000 mit dem Roman "Der Geliebte der Mutter". Einen Riesenerfolg erlebte er 1997 mit "Top Dogs", einem Theaterstück über den Absturz von Spitzenmanagern. Es wurde allein in den ersten beiden Jahren weltweit über 50 Mal aufgeführt. Der Autor nannte "Top Dogs" seine "Milchkuh".

Es sei kein Zufall, dass es zum Höhepunkt seiner Schriftstellerkarriere geworden sei, bilanzierte vor einigen Monaten die F.A.Z.: "Das Stück birgt die Essenz dessen, was Urs Widmer seit den Anfängen antreibt: eine hochexplosive Mischung aus unerschrockenem Hang zur Entlarvung unangenehmer Wahrheiten, glitzernder Spielfreude, einer Schwäche für Klamauk und komische Effekte, einem traumwandlerischen Gefühl für Poesie sowie einer unbändigen Erkenntniswut dessen, was den Menschen im Kern bestimmt."

Angst vor Krankheit, Demenz, Unfall

In einem Interview vor einigen Monaten sagte Widmer auf die Frage, was er sich für 2014 wünsche: "Überleben". Vor einer Woche sagte er eine für den 3. April geplante Lesung im Zürcher Theater Rigiblick aus gesundheitlichen Gründen ab und äusserte den Wunsch, dass an seiner Stelle der Schauspieler Peter Schweiger aus "An die Freunde" und "Orpheus, zweiter Abstieg" lese.

In einem Interview mit dem Blick im Dezember 2013 gab er sich nachdenklich: "Persönlich habe ich Angst vor Krankheit, Demenz, Unfall und dass meinen Liebsten etwas geschehen könnte." Urs Widmer war über 50 Jahre mit seiner Frau May zusammen, einer Psychoanalytikerin. Er hinterlässt eine Tochter. Die Beerdigung findet im engsten Familienkreis statt. Laut dem Diogenes-Verlag ist in Zürich eine öffentliche Trauerfeier geplant. Wann diese stattfindet, ist noch nicht bekannt.

swissinfo.ch



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