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Transform 3 Bern Kunst-Werkplatz in der ehemaligen Schokoladefabrik

Die Performerin Lisa Jenny tanzt mit einem Stuhl um ein Werk von Verena Welten (Bild von Transform 2).

Die Performerin Lisa Jenny tanzt mit einem Stuhl um ein Werk von Verena Welten (Bild von Transform 2).

Künstler am Werk und am Netzwerken: Das ist Transform, ein Berner Kunstprojekt, das aktuell in den Räumen der ehemaligen Schokoladefabrik Tobler die dritte Auflage erlebt. Mit Professionalität und Enthusiasmus hat Mitgründer Franz Krähenbühl das ambitionierte Vorhaben zum Erfolg gebracht.

"Kunst hat in ihrer Ausführung immer Projektcharakter. Es kommen Menschen zusammen, um gemeinsam etwas zu machen", sagt der 35-Jährige mit dem lebhaften Blick und jungenhaftem Gesicht.

Zusammen mit der Theaterfrau Sibylle Heiniger hat der Kunsthistoriker, Kurator und Ausstellungsmacher 2011 in Bern ein Zwischennutzungs-Kunstprojekt initiiert, das am 10. Januar bereits zum dritten Mal die Tore geöffnet hat: In leerstehenden, auf den Abriss wartenden Räumen, bevorzugt in der Peripherie gelegen, entsteht für ein paar Wochen der interdisziplinäre Kunst-Ort Transform.

(Franziska Scheidegger)

Sieben Wochen Transformation

Dazu lädt das Veranstalter-Duo Künstlerinnen und Künstler verschiedener Sparten ein und weist ihnen Räume zu, in denen sie während einer Woche arbeiten. Neu an der Versuchsanordnung 3 ist, dass die Kunstschaffenden am Ende der Woche der nächsten "Staffel" vorgeben, wie und wo diese weiterarbeiten sollen. Damit wollen Krähenbühl und Heiniger eine Überlagerung und Weiterführung - oder eben Transformation - der Arbeiten der Vorgänger-Besetzung forcieren.

Der Austausch der Künstler untereinander ist Konzept und soll ihnen neue Anstösse und Perspektiven ermöglichen. Im Vordergrund steht der Prozess, ein Verkauf des entstandenen Werkes ist den Künstlerinnen und Künstlern ausdrücklich untersagt.

Zusätzlich intensiviert wird die Produktion durch das beschränkte Zeitfenster. Krähenbühl spricht von Transform als einer "komprimierten Form des Artist-in-Residence-Modells".

Eine erste Auflage, in einem leerstehenden Wohnhaus geplant, das einem Einkaufszentrum Platz machen sollte, kam nicht über das Ideenstadium hinaus: Hausbesetzer waren schneller. Im vorletzten Winter war es dann soweit: Die Räume eines stillgelegten Kleinbetriebs, der Reagenzgläser hergestellt hatte, wurde für sieben Wochen zu Transform 1.

Mit ihrer Idee des Zwischennutzungsprojekts hat das Duo Krähenbühl/Heiniger Erfolg, ist doch die Resonanz bei Künstlern, Publikum und Medien schon bei Transform 2, die im letzten Winter in grossen Fabrikationsräumen stattfand, stark gestiegen. "Wir konnten das Label Transform innert kurzer Zeit auch bei den Stadtbehörden etablieren", freut sich Krähenbühl.

"Mit Transform wollen wir die verschiedenen Disziplinen Musik, Theater und bildende Kunst, die meist voneinander getrennt gesehen werden, zu den 'Künsten' zusammenführen", erklärt er die Grundidee. Transform kenne weder eine dominante Kultursparte, noch gebe es ein "finales Produkt wie Ausstellung, Konzert, Performance Tanzvorführung oder ein Theaterstück".

Sprachspieler

Krähenbühl und Heiniger merkten rasch, dass die Überwindung herkömmlicher Kategorien erst einmal präzise Denk- und Spracharbeit erforderte. "Wir fanden zum begrifflichen Schachzug der 'Versuchsanordnung'. Damit soll das Experimentelle, Laborhafte ausgedrückt werden, das auch das Misslingen beinhaltet", sagt Krähenbühl.

Seiner Freude am präzisen Formulieren entspringt die nächste Beschreibungen des Projekts. "Mit Transform wollen wir einen 'dichten Zustand' ermöglichen, in dem die Künstler untereinander, aber auch die Künstler mit dem Publikum, zusammenwachsen. Die Versuchsanordnungen sollen uns zeigen, an welchen Schrauben wir drehen müssen, um diesem Zustand nahe zu kommen."

Protokollführer

Die Kunstszene habe etwas Unmittelbares, Zugängliches und Unterhaltendes, und sie übe mit ihrem sozialen Charakter des Austauschs eine wichtige gesellschaftliche Funktion aus, reflektiert er. "Transform soll diese Funktion eines Scharniers auf hoher qualitativer Ebene ausüben." Statt Vernissage und Finissage gibt es jeden Freitag die "Open Doors".

Statt eines Katalogs als herkömmlichem Vermittlungsformat führt Krähenbühl das "Wochenprotokoll". Darin erklärt er nicht die vor Ort produzierten Kunstwerke, vielmehr ist dieses als Einstiegshilfe zu den Werken gedacht, und zwar für Künstler wie für Besucher.

Ein Andockpunkt ist etwa die "Anekdote der Woche". In einer solchen erfuhren die Besucher von Transform 2 etwa, wie der Künstler Roland Roos mit einer langen Liste der von ihm benötigten Materialien ankam und erst einmal stundenlang telefonierte, bis er alles organisiert hatte. "Liest das ein Besucher, kann er direkt zum Künstler gehen und ihm sagen, 'komm das nächste Mal zu mir, ich habe das auch'", erklärt Franz Krähenbühl.

Transform 3

"Versuchsanordnung 3" hat am 10. Januar 2014 in der ehemaligen Schokoladefabrik Tobler begonnen und dauert bis zum 28. Februar.

Die Macher haben insgesamt 29 Künstlerinnen und Künstler oder Künstlergruppen eingeladen.

Darunter sind PENG! Palast, supe (Susanne Schär und Peter Spillmann), Saskia Edens, Valentina Vuksic und schauplatz international, die alle über die Landesgrenzen hinaus bekannt sind.

Die Eingeladenen stammen aus Bern (11), Zürich (8), Basel (5), Berlin (2) sowie anderen Orten.

Sie vertreten die Sparten bildende und darstellende Kunst sowie Musik.

Jeden Freitagabend steht Transform 3 anlässlich der "Open Doors" mit Barbetrieb dem Publikum offen. Dann erscheint auch Franz Krähenbühls "Protokoll der Woche".

Neu ist die so genannte Diskursbegleitung. Darin beobachtet und hinterfragt jeden Freitag eine Person aus Politik, Architektur, Wissenschaft oder Kunst den Prozess und das Projekt.

Erstmals wollen die Veranstalter die Versuchsanordnung in einer Publikation festhalten.

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Regisseur

Diese Verschränkung von Transform als inspirierende Plattform für eine relevante Kunstproduktion mit der Funktion als Tauschbörse für handfest-praktische Informationen, Dienstleistungen oder Hilfestellungen ist ein Hauptcharakteristikum von Transform.

Krähenbühl freut es besonders, wenn er die Zeichnerin sieht, die in den grossen Hallen von Transform 2 das räumliche Arbeiten entdeckt. Oder wenn der junge Musiker, von der älteren Performerin aus dem Raum nebenan für eine spontane Hilfeleistung anfragt, mit dieser zu einem produktiven Gespann findet.

Damit solche Begegnungen stattfinden können, stellt Krähenbühl einen genauen Belegungsplan auf. Dieser ist gewissermassen das Drehbuch zu einer fruchtbaren Kunstproduktion. Die anvisierte Balance zwischen den Kunstrichtungen, Geschlechtern und Generationen macht diese Arbeit sehr aufwändig.

Hauswart

Transform ist nur der sichtbare Teil der Arbeit des Duos Krähenbühl/Heiniger. "Sie ist wahnsinnig vielschichtig. Als Generalist bin ich Protokollführer, Vermittler, WC-Putzer, Koch und Geschirrwäscher", berichtet Krähenbühl.

Die eigentliche Arbeit aber hat über ein halbes Jahr vorher mit der Suche nach geeigneten Räumen begonnen. Krähenbühl schreibt Behörden und Liegenschaftsverwaltungen an, verfasst detaillierte Finanzierungsgesuche, führt Verhandlungen, macht Besichtigungen, inspiziert die Haustechnik, vor allem Heizung und Beleuchtung, eruiert mögliche Problembereiche, nimmt die Raumaufteilung vor und informiert die Nachbarschaft.

Dazu gilt es, die gesetzlichen Auflagen zu erfüllen, insbesondere Bewilligungen für den Barbetrieb einzuholen und feuerpolizeiliche Vorschriften zu erfüllen, etwa das Signalisieren der Fluchtwege. Einen besonderen Effort verlangt der Rückbau. Verpackung und Abtransport der oft grossformatigen Kunstwerke, Wiederherstellungsarbeiten, Abfalltrennung und Reinigung erfolgen im Takt einer komplexen Choreografie, deren Stand Krähenbühl und Heiniger überblicken müssen.

Für sie beide gilt, was er als Fazit sagt: "Transform ist eine Referenz in meinem Lebenslauf, denn es ist eine 'Selbstausbildung zum Projektmanager'."

swissinfo.ch


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