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Kunsthaus zeigt skandalträchtige Seite Vallottons

Vallottons Interpretation der Perseus-Legende "Persée tuant le dragon", 1910.

Die erste Ausstellung des Lausanners Félix Vallotton in Zürich fand 1909 statt. Jungen Frauen und Jugendlichen blieb der Zutritt verwehrt, da seine Aktbilder als zu schockierend empfunden wurden.

Der ungeschönte Realismus seiner Bilder irritierte. Wie eine neue Ausstellung im Kunsthaus Zürich zeigt, machen gerade Vallottons Fähigkeit zu Irritation und Kritik seine Faszination aus.

Vallotton wurde 1865 in Lausanne geboren. 1882 zog er nach Paris, wo er sich später der einflussreichen Künstlergruppe "Les Nabis" anschloss. Er blieb aber ein Aussenseiter, der sich von seinen Zeitgenossen unter anderem durch seine von Ironie geprägten Gesellschafts-Porträts abhob.

Vallotton ist vielen vor allem für seine Holzschnitte bekannt. In der Ausstellung "Idylle am Abgrund" im Kunsthaus Zürich wird nun eine Auswahl des malerischen Werks von Vallotton gezeigt.

Im Kunsthaus Zürich hatte 1909, vor fast hundert Jahren, auch die erste Einzelausstellung Vallottons stattgefunden. Die ungewohnten, da nicht geschönten Aktbilder verstiessen gegen die herkömmliche Ästhetik und sorgten für heftige Kontroversen.

"Nicht nur das Publikum war damals schockiert, sondern auch die Ausstellungsmacher. Sie forderten Vallotton auf, nicht all seine Akte zu zeigen, da sie der Ansicht waren, das Publikum werde überfordert", sagt Linda Schädler, Co-Kuratorin der aktuellen Ausstellung im Kunsthaus, im Gespräch mit swissinfo.

"Um sie vor sittlichem Zerfall zu schützen, wurde jungen Frauen auf jeden Fall der Zugang zur Ausstellung verwehrt."

Kampf der Geschlechter

Vallotton malte die Frauen realistisch, fast fotografisch. Manchmal überzeichnete er gar körperliche Makel, was für die Kunst der damaligen Zeit sehr unüblich war. So haben die Frauen in Vallotton-Gemälden Falten, Pölsterchen oder asymmetrische Brüste.

Für Schädler zeigte Vallotton Frauen damit als Individuen. "Gewisse Frauen der damaligen Zeit waren der Ansicht, er sei der erste Künstler, der Frauen wirklich verstehe, weil er sie nicht länger idealisierte", sagt Schädler.

In vielen seiner Gemälde wirken die Frauen stark, gehen als Siegerin im Geschlechterkampf hervor.

In "Persée tuant le dragon" von 1910, einer Interpretation der Perseus-Sage, gibt es keine verzweifelte, an einen Felsen gekettete Andromeda, die gerettet werden muss. Stattdessen sitzt sie als emanzipierte Frau am Strand und schaut dem Kampf zwischen Mann und Monster mit gewissem Argwohn zu. Der Drache mutierte zum Krokodil.

Frauen finden sich auch in vielen Bildern mit Szenen aus Innenräumen. Gemälde wie "La visite" von 1899 wirken auf den ersten Blick wie eine bürgerliche Idylle.

Doch mit einfachen Details und mit einem farblich raffiniertem Ansatz sorgt Vallotton dafür, dass dem Betrachter rasch klar wird, dass sich hinter der scheinbar ordentlichen bürgerlichen Kulisse Abgründe auftun.

"Niemand hatte grossen Drang, sich von diesem unerbittlichen Auge analysieren zu lassen, das sich so darum bemühte, keine körperlichen oder moralischen Mängel ausser acht zu lassen", erklärte Vallottons Schweizer Mäzenin Hedy Hahnloser-Bühler 1936.

Ironie des Schicksals

Vallottons kritische Einstellung gegenüber dem Bürgertum mag auch für Überraschung gesorgt haben, stieg er doch selber durch Heirat in die Welt des Grossbürgertums auf.

1899 hatte er seine langjährige Muse und Geliebte, die Fabrikarbeiterin Hélène Chatenay verlassen und Gabrielle Rodrigues-Henriques geheiratet, eine reiche Witwe mit drei Kindern. Ihre Brüder betrieben die renommierte Pariser Galerie Bernheim-Jeune, die bald auch Werke Vallottons zeigte.

Bis heute ist nicht wirklich klar, ob Vallotton Gabrielle aus Liebe oder des Geldes wegen heiratete. Bekannt ist aber, dass der Künstler, eigentlich ein Einzelgänger, in der Ehe nicht immer glücklich war. Sicher ist, dass seine künstlerische Karriere klar von der Beziehung profitierte.

Schädler hofft, dass die 80 Werke in der Schau im Kunsthaus – darunter einige, die man nur selten zu sehen bekommt – für das Publikum zur Entdeckung werden, da viele Besucher und Besucherinnen wahrscheinlich nur wenig über den Künstler und dessen Malerei wissen.

Vallottons Besonderheit, sagt die Kunsthistorikerin, sei dass er seinen Weg gegangen sei und sich nicht von seinen Zeitgenossen, wie etwa den Impressionisten, habe beeinflussen lassen.

"Er schaute zwar gewissermassen zurück zum Klassizismus, verband diese Technik aber mit sehr modernen Motiven – und das allein führte schon zu Irritation", unterstreicht Schädler.

"Diese Irritation ist der wichtigste Aspekt im Werk Vallottons und das macht ihn wirklich modern, bis heute."

swissinfo, Isobel Leybold-Johnson in Zürich
(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch)

Fakten

Die Ausstellung "Félix Vallotton. Idylle am Abgrund" im Kunsthaus Zürich dauert bis zum 13. Januar 2008.

Zwischen dem 24. Oktober und dem 21. November findet eine Reihe von Vorlesungen zu Félix Vallotton und seinem Werk statt.

In der Villa Flora in Winterthur wird zudem bis zum 28. September 2008 die Schau "Félix Vallotton in der Villa Flora" gezeigt. Im Zentrum dieser Ausstellung steht die Sammeltätigkeit des Ehepaars Hahnloser–Bühler und Vallottons Freundschaft mit dem Mäzenaten-Paar.

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Félix Vallotton

Félix Vallotton wurde 1865 in Lausanne geboren. 1882 zog er nach Paris, wo er Kunst studierte.

Er stand der Künstlergruppe "Les Nabis" nahe und arbeitete auch als Illustrator für Avant-Garde-Zeitschriften und schrieb Theaterstücke.

Vallotton gilt zudem als wichtige Figur in der Entwicklung der modernen Holzschnitte.

Nach seiner Heirat von 1899 konzentrierte er sich zunehmend auf die Malerei.

1907 schloss er die Arbeit an seinem wohl bekanntesten Roman "La vie meurtrière" ab, einer Geschichte mit autobiografischen Zügen.

Im gleichen Jahr lernte er auch das Schweizer Sammlerpaar Arthur und Hedy Hahnloser-Bühler kennen, das seine Kunst in der Deutschschweiz zu fördern begann.

1925 starb Vallotton in einer Pariser Klinik an Krebs. Die ersten Schweizer Gedenk-Ausstellungen zum Werk des avantgardistischen Künstlers fanden im Jahr nach seinem Tod statt.

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