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Leben mit Lawinen im Lötschental

Eine Lawinensprengung, wie hier im Bild, kann die Lawinensituation entspannen.

(Keystone)

Die Bewohner des Lötschentals im Kanton Wallis kennen nicht nur die schöne Seite des Schnees, sondern auch seine gefährliche in Form gewaltiger Lawinenniedergänge. Für die Lötschentaler gehört das zur Normalität.

Das Lötschental erstreckt sich vom Rhonetal nordöstlich in Richtung Jungfrau-Gebirge. Das Tal ist eng und mit vier Dörfern und wenigen Weilern nicht dicht besiedelt. Links und rechts erheben sich die Berge in steilen Hängen auf eine Höhe von bis zu 3000 Metern.

Im Lawinenkataster für das Lötschental sind nicht weniger als 73 Lawinenzüge eingetragen. Das sind Hangbereiche, die häufig von grösseren Lawinenabgängen heimgesucht werden. Deshalb heisst es im Tal wohl auch, dass es eigentlich nur zwei Lawinen gebe: eine auf der rechten und eine auf der linken Talseite.

Jeden Winter gehen im Lötschental mehrere Lawinen nieder. "Wenn man hier wohnt, ist das normal", sagt der einheimische Elmar Ebener. Er wohnt mit seiner Familie in Blatten, der hintersten Gemeinde im Tal. "Lawinen sind etwas Natürliches. Wir leben hier mit der Gefahr und mit der Natur."

Auch wenn die Lötschentaler die Lawinen gewohnt sind, so gibt es ein Erlebnis, das sich ins kollektive Gedächtnis eingeprägt hat: der Lawinenwinter 1951.

Die Tragödie im Winter 1951

Der Winter 1951 war im gesamten Alpenraum schnee- und lawinenreich. In der Schweiz wurden 165 Personen von Lawinen mitgerissen, 93 kamen ums Leben.

Im Weiler Eisten, der zur Gemeinde Blatten gehört, starben sechs Menschen, unter ihnen drei Kinder. "Dieses Ereignis hat die Menschen hier geprägt", sagt Elmar Ebener, der die Ereignisse vom Winter 1951 nur vom Hörensagen kennt. "Über dieses Unglück sprechen die Leute, vor allem die älteren, nicht gerne."

Seither sind im Lötschental keine Menschen mehr wegen Lawinen umgekommen. Die Lawinenverbauungen wurden nämlich seit der Tragödie kontinuierlich ausgebaut und verbessert. Diese baulichen Massnahmen haben sich im zweiten extremen Lawinenwinter für das Lötschental bewährt.

Jahrhundertwinter 1999

Der Winter 1998/99 ging in der Geschichte als Jahrhundertwinter ein. Rund 1000 Schadenlawinen rasten in den Schweizer Bergen die Hänge hinunter.

Auch im Lötschental lösten sich unzählige Lawinen. Glücklicherweise haben sie kein einziges Menschenleben gefordert. Der Sachschaden war allerdings beträchtlich, wie Elmar Ebener erzählt: "Die Strasse war verschüttet und nicht mehr befahrbar, Gebäude wurden beschädigt und teilweise völlig zerstört, Schutzwälder fielen den Lawinen zum Opfer und Kulturland wurde beschädigt."

Weil die einzige Strasse, die durch das Tal führt, verschüttet war, war das gesamte Tal von der Aussenwelt abgeschnitten. "Jeden Winter sind wir ein bis zwei Tage abgeschnitten, aber im Jahr 1999 waren es zehn Tage, und das war eine ziemliche Ausnahmesituation für uns", erinnert sich Ebener.

Ausnahmesituation

Am 18. Februar 1999 wurde die Strasse geschlossen. Erste Personen wurden einen Tag später aus den Gefahrenzonen evakuiert. Zwei Tage später startete die Luftbrücke. "Mit einem Helikopter wurden Touristen und Personen mit Gesundheitsproblemen ausgeflogen, Einheimische und Lebensmittel eingeflogen", erzählt Ebener.

"Eine Lawine hatte einen Strommast beschädigt, so dass wir in Blatten während vier Tagen keinen Strom mehr hatten", erinnerst er sich. "Dank einem eigenen kleinen Kraftwerks konnten wir aber wenigstens stundenweise Strom zur Verfügung stellen."

"Da ich damals noch studierte, musste ich mit dem Helikopter ausgeflogen werden", sagt der Lötschentaler. "Für mich war es aber schlimmer, diese ganze Situation von aussen zu beobachten und nicht zu wissen, was geschieht. Im Tal war es leichter."

Dank Gefahrenkarten Risiko einschätzbar

"Welche Gebiete durch Lawinenniedergänge gefährdet sind und welche nicht, lässt sich ziemlich genau auf einer Gefahrenkarte ablesen", sagt Lukas Kalbermatten, Gemeindepräsident von Blatten.

"So gibt es etwa rote Zonen. Dort dürfen keine Häuser gebaut werden, weil hier das Risiko für Lawinenniedergänge besonders hoch ist", erklärt der Gemeindepräsident. "In blauen Zonen ist bauen unter besonderen Auflagen gestattet. In weissen Zonen besteht keine Gefahr."

"Unsere Karte musste nach dem Winter 1999 nur an zwei Orten angepasst werden", erklärt der Gemeindepräsident. Dies zeige, dass die Karte sehr gut stimme und dass das Risiko gut einschätzbar sei.

Grosse Portion Glück dank Rosenkranz

Trotz der Gefahrenkarten lässt sich der Weg einer Lawine nie ganz vorhersehen. Manchmal kommen sie Wohnhäusern gefährlich nahe. Auf ein Haus zeigend, das am Rand eines Weilers steht, sagt Elmar Ebener: "Hier ging eine Lawine haarscharf am Haus vorbei."

Dass die Lawinen nicht nur knapp an Häusern, sondern auch knapp an Menschen vorbei rasen, weiss Monica Albisser-Anker zu berichten, die das Lötschental seit über dreissig Jahren regelmässig besucht:

"Im Winter 1999, als akute Lawinengefahr herrschte, verliess ein Bewohner sein Haus, um in die nahe gelegene Kapelle zu gehen. Wenige Schritte vor seinem Haus merkte er, dass er seinen Rosenkranz vergessen hatte", erzählt sie. "Er kehrte wieder zurück, um ihn zu holen. In diesem Moment krachte eine Lawine an ihm und seinem Haus vorbei."

Sandra Grizelj, Lötschental, swissinfo.ch

LAWINENWINTER 1999

Im Februar 1999 forderten Lawinenniedergänge 17 Todesopfer. Über 1000 Schadenslawinen wurden in den Schweizer Bergen gezählt.

Der Sachschaden belief sich auf über 300 Millionen Franken.

Zwischen dem Unterwallis und Nordbünden fielen in knapp fünf Wochen grossflächig über 5 Meter Neuschnee. Die Lawinengefahr war deshalb so massiv, weil umfangreiche Triebschneeansammlungen, als Folge von heftigen Sturmwinden, zu einer ungünstigen Schichtung der Schneedecke führten.

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LAWINENSCHUTZ

Beim Lawinenschutz unterscheidet man bauliche, planerische, waldbauliche und temporäre Massnahmen.

Beim baulichen Lawinenschutz gibt es zwei Strategien: Einerseits wird mit Stützverbauungen das Anbrechen von Lawinen verhindert. Andererseits wird eine abstürzende Lawine mit Bauwerken wie Dämmen oder Galerien aufgefangen oder weggeleitet.

Planerische Massnahmen stützen sich auf die Lawinengefahrenkarten. Diese zeigen auf, welche Siedlungsräume durch Lawinen bedroht sind.

Waldbauliche Massnahmen gelten als effektiv und kostengünstig. Der Wald stellt flächenmässig den wichtigsten Lawinenschutz dar.

Temporäre Massnahmen werden kurzfristig eingesetzt. Dies können Warnungen, Sperrungen, Evakuationen oder künstliche Lawinenauslösungen sein.

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