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Libeskinds spektakuläre Aussen- und Innenansichten

"Ich denke nie, Opposition sei schlecht": Daniel Libeskind in Westside.

(Keystone)

Einkaufszentrum, Wellness-Oase, Multiplex-Kino. Altersheim, Hotel, S-Bahn-Station und neues West-Eingangstor zur Stadt: Mit der Eröffnung von "Westside" erhält Bern ein neues Wahrzeichen. Ein swissinfo-Gespräch mit Architekt Daniel Libeskind.

swissinfo: Was war ihre erste Handlung für das Projekt? Haben Sie nachgedacht oder gezeichnet?

Daniel Libeskind: Ich hatte die Bilder des Marx Brothers Films "The Big Store" im Kopf und habe ein Gemisch verschiedener Dinge gezeichnet. Die Stadt Bern, der Ort und das abenteuerliche Einkaufen der Marx Brothers.

swissinfo: Sie waren also vorher auf dem Baugelände?

D.L.: Ja, ich war schon oft in Bern. Ich liebe Bern für seine architektonische Schönheit. Für jeden Architekten ist die Altstadt eine historische Attraktion.

Auch die Landschaft hier kannte ich gut. Ich habe sie mehrmals abgezeichnet.

swissinfo: Wenn Sie jetzt den fertigen Gebäudekomplex anschauen, ist er so raus gekommen, wie er in Ihrem Kopf ausgesehen hat?

D.L.: Absolut! Das Gebäude ist im Laufe der Prozesse gewachsen, hat sich entwickelt, aber es kommt meinen ursprünglichen Vorstellungen sehr nahe.

swissinfo: War der Freiraum grösser als die ökonomischen Zwänge?

D.L.: Ich arbeitete eng mit den Bauherrn zusammen. Diese wollten einen kühnen Bau und nicht die Wiederholung von etwas Bekanntem. Der Wille war da, etwas Neues zu bauen, und das war interessant.

swissinfo: Das Gebäude sieht von aussen je nach Blickwinkel ganz verschieden aus. Welche Ansicht bevorzugen Sie?

D.L.: Ich denke, Westside ist das Zentrum einer weit reichenden städtischen Entwicklung. Daneben wachsen Wohnhäuser, öffentliche Verkehrsmittel kommen neu hierher. Es ist definitiv nicht lediglich ein Gebäude über der Autobahn.

Natürlich gibt es die spektakulären Ansichten, aber die sehen zu jeder Tages- oder Nachtzeit anders aus.

swissinfo: Westside liegt am bisher wenig attraktiven, gesichtslosen Stadtrand von Bern. Welche Rolle spielte der Standort?

D.L.: Einen sehr grossen. Ich nahm all diese belanglosen, schachtelförmigen Gebäude, die entlang den Autobahnen zu sehen sind, und sagte: Das ist nicht der richtige Weg. Der richtige Weg ist es, die Autobahn in einem positiven Sinne zu nutzen und statt einem wuchernden Konglomerat etwas Verdichtetes zu gestalten.

Westside soll eine eine Attraktion sein. Die Leute sollen nicht nur kommen und gehen, sondern auch verweilen und damit nicht nur zum wirtschaftlichen, sondern auch zum gesellschaftlichen Leben beitragen.

swissinfo: Welche Rolle spielte Ihr Büro in Zürich, konkret Barbara Holzer, die als architektonische Gesamtleiterin für die tägliche Umsetzung zuständig war?

D.L.: Sie spielte eine immens wichtige Rolle. Schauen Sie sich all die baulichen Details an. Nichts kommt aus einem Handbuch, kein Element ist vorgefertigt. Alles ist neu erfunden.

Barbara Holzer und das ganze Team haben zahlreiche schlaflose Nächte verbracht, um konkrete Lösungen zu finden.

swissinfo: Aber Sie waren der Boss?

D.L.: Klar, ich bin der Boss! (lacht)

swissinfo: Das Innendesign im Bad ist Libeskind pur. Daneben gibt es die Shops mit ihren Markenauftritten oder den Kinobereich mit violetten Teppichen. Das sind Stilbrüche. Welche Handschrift wird am Schluss dominieren?

D.L.: Ich bin kein sturer Architekt, der ein Rechteck baut und dann sagt, das sei die perfekte Welt und darin habe nichts anderes Platz. Ein Gebäude muss tolerant sein und gesellschaftliches Leben ermöglichen. Das ist die Handschrift, die sich durchsetzen wird, ein lebendiges, kein totes Markenzeichen.

Eine gute Stadt integriert verschiedene Strömungen. Sie schliesst nichts aus.

swissinfo: Ist eine gute Stadt nicht eine gebaute Stadt, sondern Raum, der sich permanent verändert?

D.L.: Vielleicht sind museale Städte fertig gebaut, aber richtige Städte entwickeln sich, wachsen weiter, sogar über das Stadtgebiet hinaus.

swissinfo: Es gab Einsprachen und Widerstand. War das auch positiv?

D.L.: Ich denke nie, Opposition sei schlecht. Wir leben in einer Demokratie, und es ist gut, verschiedene Standpunkte zu haben. Ich höre auf die Leute. Das Gebäude hat von den langen Diskussionen um die Verkehrsplanung oder um Materialien profitiert.

swissinfo: Ist Westside eine Kathedrale des Geldes?

D.L.: Ich denke, es ist nicht eine Kathedrale des Geldes, sondern eine Kathedrale für Leute. Jede Kathedrale kostet eine Menge Geld. Wir sollten also nicht in diesem Sinn zwischen spiritueller und materieller Welt unterscheiden.

Dieser Ort hier wird einen Geist erzeugen, der über Berechnungen und Verstand hinausgeht.

swissinfo, Andreas Keiser, Bern-West

Daniel Libeskind

1946 in Polen geboren, zieht mit seiner Familie nach Israel und kurz darauf nach New York.

1965 erhält er die amerikanische Staatsbürgerschaft.

Vor seinem Architektur-Studium war er Musiker.

2009: Grand Canal Theater und Bürokomplexe, Dublin, Irland.

2009: Militärhistorisches Museum, Dresden, Deutschland.

2009: MGM Mirage City Center, Las Vegas, Nevada, USA.

2008: Contemporary Jewish Museum, San Francisco.

2007 Hofüberdachung "Sukkah", Jüdisches Museum, Berlin.

2005: Denkmal Memoria e Luce, Padua, Italien.

2005: Hyundai Development Company Hauptsitz, Seoul, Südkorea.

2004: Dänisch Jüdisches Museum, Kopenhagen, Dänemark.

2001: Jüdisches Museum, Berlin, Deutschland.

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Westside

Eröffnung: 8. Oktober 2008

Investition: 500 Mio. Franken

Nutzfläche: 141'500m2

60 Fachgeschäfte und Boutiquen

10 Restaurants und Bars

11 Kino-Säle mit 2400 Plätzen

Hotel: 144 Zimmer, 11 Seminarräume

Erlebnisbad: 18 Wasserbecken, Sauna, Fitness, Wellness

Altersresidenz: 95 Wohnungen, 20 Pflegezimmer

Erwartete Besucherzahl/Jahr: 3,5 Mio.

Arbeitsplätze: 800

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