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Lust und Last des Badens

"Wollust der Bäder von Leukerbad" in einem Bild von Giovanni Bock aus dem 16. Jahrhundert.

(Aus dem Buch: Abenteuer Schweiz, Zürich 1991)

Im Mittelalter begegneten sich Männer und Frauen ohne Scham in den Thermen. Doch dann änderten sich die Sitten.

Bäder sind heute sowohl ein begehrtes Ziel in der Freizeit wie auch ein Mekka für Wellness-Apostel.

In der Antike sowie im Mittelalter war das Wort "Bad" eigentlich gleichbedeutend mit "Therme". So genannt wurden Orte, die für die heilenden Eigenschaften ihres Wassers bekannt waren und häufig über warme Quellen verfügten. Dies galt für das Gebiet der heutigen Schweiz genauso wie für ganz Europa.

Als antike Badeorte waren bereits Baden, Yverdon und St. Moritz bekannt. Im Mittelalter kommen Thermalorte wie Leukerbad, Pfäfers, Scuol und Alvaneu hinzu. Am bekanntesten war aber zweifellos der Schweizer Thermalort Baden, der schon in der Antike als "Aquae helveticae" bezeichnet wurde.

Körperliches Wohlbefinden

Im 16. Jahrhundert ging man nicht einfach in die Therme, um irgendwelche Leiden zu heilen. Die Bäder waren wichtige Treffpunkte für gemeinsames Beisammensein, sowie Orte, um hedonistische und manchmal luxuriöse Bedürfnisse auszuleben. Nacktheit und Promiskuität der Bäder liessen sich nicht von der Sexualität trennen.

Es ist sogar bekannt, dass der Übergang zwischen Badehäusern und Freudenhäusern fliessend war. Legendär sind die Beschreibungen des Florentiner Humanisten Poggio Bracciolini über seinen Besuch in den Thermen von Baden (siehe Randspalte).

Ein puritanischer Moralismus sowie extreme Prüderie haben in Folge von Reformation und Gegenreformation die Badeleidenschaften etwas gebremst.

Renaissance im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert erfahren die Bäder eine Renaissance, die mit der Entwicklung des Qualitätstourismus sowie der Bedeutung der Heilkraft des Wassers zusammenhängt. Um 1860 zählte man allein im Kanton Bern rund 73 Badeeinrichtungen.

Und seit dem Ende des 18. Jahrhunderts hat sich auch das "wilde Baden" an Flüssen und Seen eingebürgert.

Um 1820 intensivieren die Behörden von Genf die polizeilichen Anstrengungen, um in Anbetracht der bevorstehenden Badesaison, dem möglichen Ertrinkungstod von Badenden vorzubeugen und das Nacktbaden an den Ufern des Genfersees einzudämmen.

Aus Erzählungen von Reisenden ist bekannt, dass es auch in Lugano um 1830 Strände gab, die von Badenden während des Sommers frequentiert wurden. Der bekannteste Strand soll sich in der Gegend von Castagnola befunden haben.

Badeanstalten für Volkshygiene

Im Laufe des 19. Jahrhunderts entstehen – zuerst in den Städten – Badeanstalten, die nicht an Thermalorte gebunden sind. Sie haben vor allem hygienische Zwecke, dienen aber auch dazu, schwimmen zu lernen.

In der Regel handelte es sich um eingezäunte Strände, die sich den neugierigen Blicken der Öffentlichkeit entzogen. Das erste öffentliche Freibad war 1828 das "Marzili" in Bern.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kommt die Mode auf, in der Freizeit an freien und nicht eigens markierten Stränden zu baden. In den Jahren zwischen 1920 und 1930 werden zudem viele öffentliche Badeanstalten modernisiert.

Von moralischen Problemen zu Trendy-Parties

Die moralische Frage verbunden mit der angeblichen Promiskuität der Badenden gibt weiterhin zu heftigen Diskussionen Anlass. Im Allgemeinen sehen die Badeanstalten eine Trennung nach Geschlechtern vor.

Ab Mitte des 20. Jahrhunderts werden diese Trennungsregeln sukzessive aufgehoben. Nach dem 2.Weltkrieg boomt das sommerliche Baden an freien Stränden und in öffentlichen Badeanstalten.

Und in der Folge gedeiht der sommerliche Massentourismus, der an Strand und Baden gebunden ist. Auch Konsumartikel werden auf die Gewohnheiten ausgerichtet (Kosmetik, Sonnencreme, etc.).

Als jüngste Tendenz kann man in Städten wie Zürich oder Genf beobachten, wie die Bäder am Abend für Animation genutzt werden. Dank Bars, Restaurants oder Tanzflächen werden die klassischen Schwimmbäder zu Happenings.

Thermalbäder durchliefen zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine schwere Krise, weil ihr Image auf Sanatorien für kranke Menschen reduziert wurde. Erst in jüngster Zeit haben diese Orte dank dem Wellness-Boom wieder einen Aufschwung erfahren. Denn Thermalbäder bieten stressgeplagten Zeitgenossen eine willkommene Entspannung.

swissinfo, Marco Marcacci
(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)

In Kürze

Der Florentiner Humanist Poggio Bracciolini (1380-1459) besucht im Jahr 1416 die Thermen von Baden. Von dort schreibt er einem Freund:

"In diesen einfachen Bädern geht ein promiskuitives Treiben vor sich: Männer und Frauen, Buben und Mädchen; zwar gibt es eine Trennwand zwischen den beiden Geschlechtern, doch mit Leichtigkeit lässt sich ins andere Lager schauen. Ob alte faltige oder junge Frauen, in aller Öffentlichkeit entblössen sie sich vollkommen nackt. Du kannst die Schenkel und den ganzen Rest sehen."

Reformation und Gegenreformation haben die Gewohnheiten verändert und die Regeln der öffentlichen Moral verschärft. Doch die Bäder haben ihre Faszination beibehalten.

Die Badeanstalten sind nach wie vor ein begehrtes Ziel für Körperfetischisten und Gesundheitsapostel. Oft dienen sie aber einfach nur der Entspannung.

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