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Mahnmal in Genf Völkermord an Armeniern wirft Licht auf aktuelle Nahostkrise

Eine Laterne des Armenier-Denkmals in Genf

Auf den Laternenpfählen brachte der Künstler Fragmente eines Textes der Psychoanalytikerin Janine Altounian an, der von unten nach oben gelesen werden kann.

(swissinfo.ch)

Trotz Protesten von türkischer Seite ist in der Stadt Genf das Armenier-Denkmal eingeweiht worden. Dies nach zehn Jahren juristischem und diplomatischem Seilziehen. Das Werk des Künstlers Melik Ohanian erinnert an die Armenier, die vor über einem Jahrhundert in der Türkei massakriert wurden, wie auch an die zahlreichen Schweizerinnen und Schweizer, die sich zu deren Gunsten eingesetzt haben. Eine Botschaft, die nichts von ihrer Aktualität eingebüsst hat.

Bereits am Tag der Eröffnung des Mahnmals "Réverbères de la mémoire"externer Link in einem Genfer Park übte der Verband der türkischen Vereine in der Westschweiz harte Kritik, mit einem doppelseitigen Inseratexterner Link in der Tribune de Genève.

Darauf abgebildet ist die Skyline Genfs, getränkt in rotes, tropfendes Blut. Zu sehen ist eine der Strassenlaternen, aus denen das Mahnmal besteht. Im Inserat dient die Laterne als Galgen, an dem die Silhouette eines Mannes hängt, beschriftet mit den Begriffen "Geschichte" und "Wahrheit".

Es fällt schwer, jenseits dieser Metapher nicht die traumatischen Szenen des Genozids an den Armeniern vor Augen zu haben und die implizite Drohung, dass die Massaker wieder von vorne beginnen könnten.

Melik Ohanian, der französisch-armenische Erbauer des Kunstwerks, zeigte sich geschockt über dieses unheilverkündende Inserat. Er ist erstaunt, dass die Genfer Tageszeitung dieses aufnahm und sieht darin eine Bestätigung für die Relevanz des Denkmals und dessen Aktualität.

"Der Werdegang des Projekts und die dabei erlebten Schwierigkeiten sind ein integraler Bestandteil des Werks. Sinngemäss wiederholt dies, was die Armenier während und nach dem Völkermord erlitten haben. Diese ganze politische und juristische Polemik um das Projekt herum verleiht dem Werk seine eigene Realität und sein eigenes Leben."

Das Mahnmal besteht aus neun Laternen im Stil der 1920er-Jahre, verteilt in einem öffentlichen Park. Statt Glühbirnen hängen Tränen aus Stahl daran. "Réverbères de la mémoire" spiegeln das Schicksal der gequälten Armenier, ihrer Nachkommen und aller, die ihnen geholfen haben, besonders in Genf.

Genf, armenische Heimat

"Genf nimmt eine wichtige Rolle in der modernen Geschichte Armeniens ein", sagt der Historiker Vicken Cheterianexterner Link von der Universität Genf. So haben sieben Studierende der Universität Genf in dieser Stadt die erste politische armenische und somit auch die erste marxistische Partei des Nahen Ostens gegründet.

In jener Zeit vor dem Ersten Weltkrieg beherbergte Genf viele politische und revolutionäre Exilierte. Damals hatten sich die Armenier sogar mit Kämpfern der Jungtürken getroffen, die anfänglich das gleiche Ziel verfolgt hatten, nämlich die osmanische Macht zu reformieren. Aber als die Jungtürken nach dem Fall des osmanischen Imperiums an die Macht kamen, verfolgten diese ihrerseits die Armenier.

Die Schweizer zeigten sich von der armenischen Sache besonders betroffen: "Die Schweizer Presse berichtete detailliert über die Massaker an den Armeniernexterner Link (1894-1896) und später über den Genozid und dessen Folgen", sagt Cheterian.

Der Zorn der osmanischen und später türkischen Macht liess nicht lange auf sich warten. In einem Schreiben von 1897externer Link an den Bundespräsidenten sprach der Schweizer Botschafter in Paris das Problem an.

"Wir lesen viele Schweizer Zeitungen, und vor allem jene aus der französischen Schweiz sind im Ausland weit verbreitet; wir wissen, dass sie nicht gekauft sind; wir wissen, dass sie eine Art Durchschnitt des europäischen Bewusstseins in einem freien und ehrlichen Land darstellen; die Literatur der Westschweiz steht unter einer Art Heiligenschein. Es gäbe ein ernsthaftes Interesse daran, dass Ihre Presse den Ton ein wenig dämpfen könnte und dass Ihre öffentlichen Männer etwas diskreter protestieren", schrieb er.

Nun kommt es anlässlich der Eröffnung der "Réverbères de la mémoire" wieder zu ähnlichen Szenen. Doch die Gedenkstätte will von all den Völkermorden und Massakern des 20. Jahrhunderts sprechen und den schmerzhaften Erinnerungen, die diese hervorrufen.

Inspiration für die Nazis

Denn es ist historisch belegt, dass der Völkermord an den Armeniern 1915 eine Quelle der Inspiration für die Nazis war. "Während des Ersten Weltkriegs stand die osmanische Armee unter der Führung von 12'000 deutschen Personen", so Cheterian.

"Diese beteiligten sich an der Planung und in einigen Fällen an der Deportation und den Massakern an den Armeniern. Und wie der Historiker Stefan Ihrigexterner Link erzählte, sahen die Nazi-Führer, von denen viele in der Türkei tätig gewesen waren, den Völkermord an den Armeniern als ideale Lösung für das Problem der Minderheiten in Europa."

Doch das war nicht die einzige Auswirkung dieser Massaker, die von einer osmanischen Macht gegen die Armenier verübt wurden. Diese übte auch Gewalt gegen die anatolischen Griechen und die Assyrer aus.

Ethnische Säuberung geht weiter

"Man hat die Bedeutung der Griechen, Assyrer und Armenier in der Geschichte des Nahen Ostens nicht verstanden. Diese Völker lebten bereits vor der Ankunft der Araber und Türken dort. Und sie haben den Nahen Osten mitgestaltet", sagt Historiker Cheterian.

"Die kulturelle, politische und wirtschaftliche Verarmung dieser Region lässt sich auch durch das Verschwinden dieser Gemeinschaften erklären, die als Brücken zwischen den anderen Bevölkerungsgruppen agierten. So lässt sich das Wiederaufleben der Spannungen und Konfrontationen zwischen Schiiten und Sunniten in den letzten Jahrzehnten auch durch das Verschwinden der Ostchristen erklären."

Die Anerkennung der Realität des armenischen Völkermords ermöglicht auch, die tödliche Dynamik zu verstehen, die heute in der Region herrscht. Sollte die Schweizer Regierung daher diese Massenmorde offiziell anerkennen?

Für Sarkis Shahinian, Mitglied der Parlamentariergruppe Schweiz-Armenien, ist ein Entscheid, den die gegenwärtige oder eine künftige Regierung treffen wird, nicht so wichtig: "Die Eidgenossenschaft hat den Völkermord an den Armeniern in der Botschaftexterner Link anerkannt, in der sie die Gründe für ihren Beitritt zum Römer Statut zur Errichtung des Internationalen Strafgerichtshofs dargelegt hat."


swissinfo.ch

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