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Mehr Wettbewerb im Fahrzeugmarkt

Der Weg zum Neuwagen muss nicht mehr über den Importeur führen.

(Keystone Archive)

In der Schweiz wird der Fahrzeugmarkt am 1. Januar 2005 praktisch voll liberalisiert sein. Vor allem zum Vorteil der Konsumierenden. Zumindest theoretisch.

Beobachter erwarten vermehrt Parallelimporte von Neuwagen aus der Europäischen Union.

Seit 1999 können Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten, wenn sie eine Übereinstimmungs-Bescheinigung haben, ihr Auto in der Europäischen Union kaufen; dazu kommen eine Steuer von 4% und die Mehrwertsteuer (7,6%).

Dieser graue Markt macht weniger als 3% der Neuwagen aus. Aber er könnte die Verkäufe durch offizielle Schweizer Konzessionäre in den kommenden Jahren weiter beschneiden. Auch die unabhängigen Garagen werden sich vollständig frei im Ausland eindecken können.

Diese Ansicht vertritt jedenfalls Urs Wernli, Präsident des Autogewerbe-Verbands der Schweiz (AGVS): "Die Parallelimporte dürften zunehmen, aber nur beschränkt und langsam."

Ein gutes Stück Liberalismus

Eine solche Entwicklung strebte die Wettbewerbskommission (Weko) an, als sie 2002 beschloss, eine gutes Stück Liberalismus in den helvetischen Fahrzeugmarkt zu bringen, insbesondere in die Vertikalabreden (Beziehungen zwischen Lieferanten und Abnehmern).

Die Aufsichtsbehörde für den Wettbewerb hat der Branche bis Ende Jahr Zeit gegeben, um sich den Liberalisierungsregeln anzupassen. Konstrukteure und Verteiler sitzen auf glühenden Kohlen, sie verhandeln zur Zeit neue Verträge aus, um die neuen Vorschriften einzuhalten.

Seinen Reparaturdienst selber wählen

Mittels einer ganzen Reihe von Regeln und Prinzipien verpflichtet die Weko also die Fahrzeugindustrie, Parallelimporte von Neuwagen und Ersatzteilen zuzulassen. Aber nicht nur das.

Unter anderem bietet sie den unabhängigen Garagen, Reparaturen und Service aller Automarken durchzuführen, ohne dass die Garantie dabei verloren geht. Dadurch können die Fahrerinnen und Fahrer für Reparaturen ihre Garage selber wählen, unabhängig davon, wie sie ihr Auto gekauft haben.

Der Touring Club der Schweiz (TCS) glaubt allerdings nicht, dass sich das Verhalten in der Praxis stark ändert.

"Der Besitzer eines Fahrzeugs mit Garantie wird weiterhin zur offiziellen Verkaufsstelle gehen. Bei Occasionsautos dagegen, deren Garantie abgelaufen ist, dürften vermehrt andere Garagen berücksichtigt werden", glaubt Eric Schwizer.

Hin zum "Mehrmarkenvertrieb"

Ein weiteres Ziel der von der Weko eingeleiteten Liberalisierung ist es, den Akteuren des Fahrzeugmarkts den Verkauf mehrerer Marken zu erleichtern (Mehrmarkenvertrieb). Könnte das zu mehr Autosupermärkten führen?

"Ich glaube nicht", meint Wernli. "Daran hat niemand in der Branche ein Interesse. Für die nächsten Jahre kann man diese Idee vergessen."

Schwizer nuanciert ein wenig. "Es ist eine Tendenz zu grossen Verkaufszentren mit Untereinheiten festzustellen. Aber der Mehrmarkenvertrieb wird stark vom regionalen Umfeld abhängen. Und diese Entwicklung geht sehr langsam vor sich."

Schwizer erinnert auch daran, dass die Rentabilität im Neuwagenmarkt vom Verkaufsvolumen abhängt, das den Verkäufern Rabatten bei den Konstrukteuren ermöglicht.

"Deshalb wird sich eine Garage zum Beispiel kaum auf den Verkauf von 4x4-Wagen aller Marken spezialisieren", glaubt der Fahrzeugmarkt-Experte. "Die Margen wären zu klein."

Auswirkungen noch unklar

Für die Branche sind die Auswirkungen der Liberalisierung noch schwer abzuschätzen. Theoretisch dürften die Anzahl und die verschiedenen Arten von Anbietern auf dem Markt steigen, die Diversifizierung (und die Suche nach Marktnischen) wird angeregt, und die Kosten werden knapper berechnet.

"In Wirklichkeit werden die Auswirkungen der Liberalisierung begrenzt sein", versichert Wernli. "In den letzten drei Jahren ist die Anzahl der (oft zu kleinen) Garagen um 3 bis 5% geschrumpft. Dieser Trend dürfte weitergehen."

Dagegen erwartet Wernli eine Umkehr der Rollen. "Die grossen Garagen werden sich mehr auf Verkauf und Reparatur konzentrieren, die kleinen eher auf Kundendienst."

"Eine gute Sache"

Für die Konsumierenden ist diese Liberalisierung "eine gute Sache", findet Monique Pichonnaz Oggier, Chefin des Eidgenössischen Büros für Konsumentenfragen (EBK). "Die Preise der Autos dürften sinken, ebenso jene der heute teuren Ersatzteile."

Olivier Riesen, der sich in der Weko mit dem Dossier befasst, bestätigt: "Die neuen Rahmenbedingungen werden wohl zu tieferen Preisen führen, wenn sich die Konsumierenden und einige Akteure auf dem Markt im Ausland eindecken und so die Wechselkurse ausnutzen können."

"Ideal wäre es, wenn die Liberalisierung einen Trend zu Preissenkungen einleiten würde, wenn die Preise unter Druck gerieten", fährt Riesen fort. "Aber es könnte auch sein, dass die neuen Rahmenbedingungen zu einer Vereinheitlichung der Preise führen."

Skeptischer TCS

Schwizer vom TCS ist noch skeptischer. Er rechnet nicht mit einer wirklich wesentlichen Senkung der Preise bei den Neuwagen.

Umso mehr als in der Schweiz "die Preise nicht viel höher sind als in den Nachbarländern", schätzt der Experte (einige Modelle sind bis 25% teurer, andere um 5% billiger).

Immerhin, wenn man die Nachfrage vervielfacht, damit die Konkurrenz spielt, sind immer schöne Überraschungen möglich. Werden die meist eher vorsichtigen und konservativen Konsumierenden mitspielen? Das bleibt abzuwarten.

swissinfo, Pierre-François Besson
(Übertragung aus dem Französischen: Charlotte Egger)

Fakten

271'541 Neuwagen wurden letztes Jahr in der Schweiz verkauft.
Für einen Neuwagen wurden durchschnittlich 35'000 Franken ausgegeben.

Die 5400 Garagen des Landes bieten 39'000 Arbeitsstellen.

Der Gesamtumsatz des Fahrzeugsektors liegt über 74,6 Milliarden Franken. Es ist damit der grösste Markt des Landes.

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In Kürze

Die Wettbewerbskommission (Weko) hat Anfang November 2002 die Liberalisierung des Fahrzeugmarkts eingeleitet – für Neuwagen, Kundendienst und Ersatzteil-Lieferungen.

Bis zum 1. Januar nächsten Jahres müssen Lieferanten und Verkäufer Verträge ausgehandelt haben, welche die von der Weko erlassenen Richtlinien einhalten, damit das Kartellgesetz respektiert wird.

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