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Montenegro-Connection: Alle Beschuldigten in Haft

Zigarette: legal oder auf dem Schwarzmarkt erstanden?

(Keystone Archive)

Alle acht Beschuldigten der Zigarettenmafia, die der Geld-Wäscherei in Milliardenhöhe verdächtigt wird, sind wieder in Haft.

Die Festnahmen durch die Schweizer Behörden waren am letzten Dienstag erfolgt. Am Freitag wurden zwei vorübergehend auf freien Fuss gesetzt. Polizei-Recherchen weisen auf die Montenegro-Connection hin.

Am vergangenen Dienstag hatten über 100 Einsatzkräfte der Bundesanwaltschaft, der Bundeskriminalpolizei und der Kantonspolizeien Tessin, Jura, Waadt und St. Gallen acht Personen festgenommen.

Bei den Verhafteten handelt es sich laut Behörden um schweizerische und ausländische Staatsangehörige, grösstenteils mit Wohnsitz in der Schweiz. Ausserdem wurden in 20 Liegenschaften Dokumente und Vermögenswerte beschlagnahmt.

Den acht Verdächtigten wird vorgeworfen, eine kriminelle Organisation und Geldwäscherei in Milliardenhöhe unterstützt zu haben. Am Freitag waren zwei Personen aus Prozedurgründen vorübergehend aus der Haft entlassen worden.

Zuerst Geld waschen, dann damit Zigaretten schmuggeln

Laut Bundesanwaltschafts-Sprecher Hansjürg Mark Wiedmer wurde ein am Freitag entlassener Beschuldigter im Tessin gleichentags wieder verhaftet. Über die Haftverlängerung eines weiteren Beschuldigten wird ebenfalls im Tessin entschieden.

Inzwischen hat das Hamburger Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" ebenfalls über die Milliarden-Affäre berichtet. Am Donnerstag seien sieben Treuhand-Büros in Liechtenstein durchsucht worden, am Dienstag 20 Häuser in vier Kantonen.

Die Inhaftierten werden beschuldigt, Gelder aus dem internationalen Drogen- und Waffenhandel in der Schweiz gewaschen und anschliessend in das Zigarettengeschäft investiert und Politiker in Montenegro bestochen zu haben.

Kreislauf Deutschland-Italien-Schweiz

Der Kreis der Beschuldigten und die Orte der Hausdurchsuchungen machen deutlich, dass es um die so genannte Montenegro-Connection geht, gegen die in Italien und Deutschland bereits seit Jahren ermittelt wird.

Die Schweiz ist wegen ihrer Rolle im internationalen Zigarettenschmuggel seit Jahren im Schussfeld internationaler Kritik. Diese führte unter anderem zum Abschluss des Betrugsbekämpfungs-Abkommens bei der zweiten Runde der bilateralen Verhandlungen mit der EU.

Laut der Eidgenössischen Zollverwaltung war der Zigarettenschmuggel tatsächlich Ausgangspunkt beim Abkommen zur verbesserten Amts- und Rechtshilfe zwischen der EU, ihren Mitgliedstaaten und der Schweiz (Dossier Betrugsbekämpfung).

Klemmte die Schweiz?

Gemäss "Spiegel" sollen das Zollkriminalamt in Köln und die Staatsanwaltschaft in Augsburg ihre Schweizer Kollegen erfolglos um Rechtshilfe gebeten haben. Doch die jetzt Festgenommenen gelten auch im Augsburger Verfahren als Beschuldigte.

Laut Agenturen hat die Schweiz aber sehr wohl Rechtshilfe geleistet. Auf Anfrage sagte der Augsburger Oberstaatsanwalt Hans-Jürgen Kolb am Mittwoch, er habe vor einigen Monaten ein neues Rechtshilfegesuch an die Schweiz gestellt.

Er gehe davon aus, dass bei den Hausdurchsuchungen in den vier Kantonen auch jene Objekte betroffen gewesen seien, die er in seinem Rechtshilfegesuch durchsucht haben wollte.

Seit Anfang der neunziger Jahre rund 10'000 Ladungen

Zollfahnder aus Lindau, so der "Spiegel", hätten festgestellt, dass die Schmuggler seit Anfang der neunziger Jahre über 600 Tarnfirmen weltweit Zigaretten für Montenegro einkauften. Doch das kleine Land diente nur als "zollfreies Zwischenlager".

Von dort seien die Zigaretten nach Italien respektive in die EU geschmuggelt und in rund 10'000 Lastwagenladungen auf den Schwarzmärkten ohne weitere Zollkontrollen in Zigaretten-Hochpreisländer Italien, Spanien, England und Deutschland verteilt worden.

Pro Lastwagen habe sich, so der "Spiegel", ein Gewinn von rund 250'000 Euro (rund 375'000 Franken) ergeben. Das Geld sei unter anderem über eine Wechselstube an der Grenze in Chiasso gewaschen worden.

Identität

Zur Identität der Festgenommenen wurden keine Angaben gemacht. Aber nach Informationen des Tessiner Radios und Bestätigungen durch die Anwälte der Betroffenen befinden sich darunter der Wechselstubenbesitzer und Geldkurier Fredi Bossert, der Financier Franco Della Torre und der mit ihm liierte Italiener Michele Antonio Varano.

"Alte Bekannte": Links zu Justizaffäre und zur "Pizza Connection"

Sie gehören auch zu den Beschuldigten in den Verfahren der Staatsanwaltschaft in Bari in Italien, die seit Jahren gegen die Zigarettenmafia ermittelt.

Fredi Bosserts Name war in den vergangenen Jahren mehrmals im Zusammenhang mit dem internationalen Zigarettenschmuggel genannt worden, so auch bei der Affäre Cuomo, die die Tessiner Justizaffäre ausgelöst hatte.

Della Torre hatte Mitte der 80-er Jahre bereits zu den Beschuldigten des Drogenrings "Pizza Connection" gehört und war mit einer bedingten Haftstrafe von 18 Monaten davongekommen. Nach Informationen der italienischen Justiz verfügt er über eine Importlizenz für Zigaretten in Montenegro.

Schweizer Zoll befürchtet Boom

Ab diesen Herbst wird das Päckli Zigaretten in der Schweiz 50 Rappen teurer und kostet dann 5.80 Franken. Eine so massive Preiserhöhung erhöhe auch die Attraktivität der Schweiz für den Zigarettenschmuggel, befürchtet die Schweizer Oberzolldirektion in Bern.

swissinfo und Agenturen

In Kürze

Preis-Beispiel Frankreich: Dort kostet die Schachtel (20 Zigaretten) 5,60 Euro.

Laut "Berner Zeitung" führte der letzte Preis-Aufschlag zu 2,6 Mrd. schwarz gehandelten Zigaretten oder rund 130 Mio. Euro illegalem Reingewinn (offizielle Schätzungen).

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Fakten

Nach deutschen Zollangaben sind die Profite im Zigaretten-Schmuggel in die Höhe geschnellt, weil die Preise für Zigaretten ständig angehoben werden.
Die hohen Preise in Europa kurbeln laut Oberzoll-Direktion in Bern den Schmuggel an.

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