Mordsgeschichte und die Nöte kleiner Leute

Abendstimmung über Bern, wo die Figuren von Alexander Heimanns "Muttertag" vom Schicksal heimgesucht werden. Keystone Archive

Lust auf Lesen? Warum nicht Schweizer Autoren? Zum Beispiel Alex Capus' "Fast ein bisschen Frühling". Oder Alexander Heimanns in Bern spielender "Muttertag".

Dieser Inhalt wurde am 03. März 2002 - 21:42 publiziert

"Das ist die wahre Geschichte der Bankräuber Kurt Sandweg und Waldemar Velte, die im Winter 1933/34 den Seeweg von Wuppertal nach Indien suchten. Sie kamen nur bis Basel, verliebten sich in eine Schallplatten-Verkäuferin und kauften jeden Tag eine Tango-Platte."

Mit diesen Sätzen beginnt Alex Capus mit Jahrgang 1961 seinen zweiten Roman "Fast ein bisschen Frühling". Eine Geschichte über die Liebe, über die Freundschaft, über Träume, über das Geld, über den Tod, die Gerechtigkeit. Eine spannende Geschichte, die - Capus erzählt schnörkellos, unprätentiös mit viel Liebe für seine Figuren - trotz oder gerade wegen ihrer Sprödheit ans Lebendige, ans Herz geht.

Autor vom "Munziger Pascha"

Gefunden hat der Schriftsteller, der in Frankreich zur Welt kam und seit frühster Kindheit in Olten lebt, seinen Stoff schon vor einigen Jahren. Während seines Studiums verlor sich der Student Capus lesenderweise bei einer Recherche in einem Jahrbuchordner.

Er las querbeet, bis er an einer fetten Schlagzeile hängen blieb. Von da ging's weiter in die Polizeiarchive, wo weitere Ordner durchgeackert wurden. Dank der akribischen Arbeit der Polizei hatte Capus Fakten in Hülle und Fülle.

Fakten in Hülle und Fülle, die schon bei Alex Capus vielbeachtetem und vielgelobtem ersten Roman "Munzinger Pascha" eine wichtige Rolle spielten. Im Buch wird die Geschichte von Werner Munzinger, dem Sohn des ersten Bundespräsidenten erzählt. Dieser verliess 1852 sein Heimatstädtchen Olten Richtung Sudan und stieg Jahre später zum Pascha auf.

Historische Fakten und Fiktion. Gekonnt webt Capus jenen Literaturteppich, der einen Teil seiner Faszination daraus bezieht, dass die Geschichten "wahr" sind. Einen anderen, indem die Leser eintauchen in eine vergangene Welt, die so weit von der unseren doch nicht ist. Ob im Sudan oder im eisigkalten Basel, Capus Bücher erreichen eine Sogwirkung. Seine Bücher legt man nicht mehr aus der Hand.

Heimann: Kinder, Kummer, Kriminalität

Bereits zum zweiten Mal, heuer für "Muttertag", ist der Berner Autor Alexander Heimann mit dem deutschen Kriminalpreis ausgezeichnet worden. Sein neuer Kriminalroman stehe in der Tradition der voller Menschlichkeit erzählten Werke von Georges Simenon, liess das Bochumer Krimi-Archiv zur Wahl verlauten. Ein grosser Vergleich, der jedoch durchaus seine Berechtigung hat. Wenngleich Heimann noch viele, viele Bücher vorlegen muss, um den gewaltigen Ausstoss an Büchern von Simenon zu übertreffen.

Alexander Heimann, 1937 geboren, arbeitete als Buchhändler in London und Paris und wurde 1980 mit dem Roman "Lisi" auf einen Schlag bekannt. Mit "Muttertag" legt er nun einen weiteren Kriminalroman vor, der den banalen Alltag von ganz normalen Bürgern in Bern beschreibt, in dem etwas passieren kann, wenn das Schicksal, das Böse, das Andere hereinbricht.

Geschundene Seelen, Berner Lokalkolorit

Dem gutbürgerlichen Ehepaar Bühler stirbt der geherzte und einzige Sonnenschein: Sohn Kevin. Der Vater verfällt in eisernes Schweigen, die Mutter in depressives Grübeln. Der frühpensionierte Exfahnder Hans Kammermann trifft beim Spaziergang an der Aare eine jüngere Frau, die verzweifelt ihren Sohn Roli sucht.

Und schliesslich sind da noch Sam und Kurt, zwei gescheiterte Kleinkriminelle auf der immerwährenden Suche nach dem grossen Geld. Alexander Heimann legt seine kriminalistische Spur den Aareschlaufen entlang und enthüllt Seite um Seite ein bisschen mehr der geschundenen Seelen. Unter dem dauernden Wechselspiel von Sonne und Wolkenhexen schafft Heimann eine beklemmende Stimmung, wirft die Schatten der Geister, die niemand rief, aufs Papier.

Sprachlich ist "Muttertag" mit vielen Helvetismen durchsetzt, die dem Buch einen gehörigen Schuss Berner Lokalkolorit bescheren. Nicht zum Schlechten, wie die Jury des Krimipreises 2002 betont. Die Helvetismen sind am Schluss des Buches für Dialektunkundige übersetzt.

Brigitta Javurek

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