Multimillionäre der Schweiz "Fleiss allein ist keine Garantie für Wohlstand"

Am Genfersee, wie hier in Dully, lassen sich besonders viele Multimillionäre nieder.

Am Genfersee, wie hier in Dully, lassen sich besonders viele Multimillionäre nieder.

(Keystone)

Die Schweiz hat die höchste Millionärsdichte der Welt. Nirgendwo sonst leben im Verhältnis zur Wohnbevölkerung so viele Wohlhabende. 7000 Personen haben laut dem Wealth Report des Immobilienspezialisten Knight Frankexterner Link heute Vermögenswerte von mindestens 30 Millionen Dollar. Kein Grund, stolz darauf zu sein, sagt ein Schweizer Soziologe.

Professor Ueli Mäderexterner Link hat sich fast ein Berufsleben lang mit Armut und Reichtum beschäftigt. Aber nicht, um selber Millionär oder sogar Milliardär zu werden, sondern um den Ursachen sozialer Ungleichheit auf den Grund zu gehen. "Kein Milliardär hat sein Vermögen redlich verdient", sagt er.

Professor Ueli Mäder.

(Keystone)

swissinfo.ch: Die Zahlen zeigen es: In der Schweiz ist enorm viel Reichtum vorhanden. Was macht das Land so attraktiv für Multimillionäre?

Ueli Mäder: Die politische Stabilität sowie die komfortable Steuersituation, insbesondere für Vermögen und Erbschaften, haben viel Geld aus dem Ausland angelockt. Hier gibt es auch gute Beratungen für Geldanlagen. Und in bestimmten Wirtschaftsbereichen werden sehr hohe Löhne bezahlt.

swissinfo.ch: Und wie kommt man zu diesem Reichtum?

U.M.: Viele bekommen ihren Reichtum in die Wiege gelegt, weil sie in eine reiche Familie geboren wurden, oder geschenkt, weil sie in solche Familien geheiratet haben. Hierfür gibt es auch prominente Beispiele: Bundesrat Schneider-Ammann oder die Nachkommen von alt Bundesrat Christoph Blocher.

10% der Erben zügeln in der Schweiz drei Viertel des gesamten Erbschaftsvermögens ab. Wenn man die enorme Zunahme des Reichtums in der Schweiz betrachtet – etwa, wie die 300 Reichsten ihr Vermögen von rund 100 Mrd. auf etwa 600 Mrd. erhöhten – erkennt man, dass ein grosser Teil davon vererbt wurde.

Auch die exzessiven Löhne in gewissen Wirtschaftsbereichen schaffen Multimillionäre. Fleiss oder Innovation spielen sicher auch eine Rolle, werden aber deutlich überbewertet. Viele Reiche sind nicht innovativ, sondern haben das Geld spielen lassen und zum Beispiel von steigenden Grundstückpreisen profitieren können. 

swissinfo.ch: Sind die meisten Multimilliardäre aus dem Ausland in die Schweiz gezogen, oder sind sie in der Schweiz zu ihrem Reichtum gekommen?

U.M.: Von den Multimilliardären kommt rund die Hälfte aus dem Ausland. Attraktiv ist für sie auch die Pauschalbesteuerung. In der Vergangenheit hat die Verschwiegenheit [Bankgeheimnis, N.d.R.] dazu beigetragen, Wohlhabende aus dem Ausland anzuziehen. Heute ist viel Reichtum auch mit den grossen Unternehmen verknüpft.   

swissinfo.ch:  Gibt es auch Reiche, die ihren Wohlstand mit Fleiss, guter Ausbildung und Geschick erarbeitet haben?

U.M.: Viele reiche Leute haben nicht einfach die Hände in den Schoss gelegt, sondern selber etwas dazu beigetragen. Aber der Reichtum aus Finanzgeschäften hat in den letzten Jahrzehnten stark an Bedeutung gewonnen zulasten des leistungsbezogenen Anteils.

swissinfo.ch: Es gibt immer wieder Beispiele für sogenannte Tellerwäscher-Karrieren, also Leute, die es von ganz unten nach ganz oben schaffen. Kann man auf redliche Art und Weise Milliardär werden?  

U.M.: Kein einziger Milliardär hat es redlich verdient. Dieser Wohlstand geht immer sehr stark auf Kosten anderer. Viele dieser Leute haben das Gefühl, sie könnten sich selber auf die Schulter klopfen. Das ist sehr trügerisch.

In Basel begegne ich ab und zu einem Unternehmer, der zu mir sagt: 'Herr Mäder, Sie unterstützen immer Leute, welche die hohle Hand machen.' Er selber hat das Unternehmen geerbt und merkt nicht, dass sein Wohlstand nicht sein Verdienst ist.

swissinfo.ch: Aber 'jeder ist seines Glücks Schmied', und 'ohne Fleiss, kein Preis!', heisst es im Volksmund. Stimmt das nicht?

U.M.: Es gibt auch in der Schweiz zahlreiche Leute, die hundert Prozent erwerbstätig sind und trotzdem auf keinen grünen Zweig kommen. Weil sie in Branchen mit niedrigen Löhnen arbeiten. Fleiss allein ist keine Garantie für Wohlstand.

Land der Reichen und Ungleichheiten

Die Millionärsdichte ist weltweit nirgendwo so hoch wie in der Schweiz (OECD 2015). Ebenfalls hoch ist die Milliardärsdichte. Von den 300 Reichsten in der Schweiz hat mehr als jede(r) Dritte über eine Milliarde Franken Vermögen. Von allen Milliardärinnen und Milliardären der Welt lebt jede(r) Vierzehnte in der Schweiz.

Laut dem Verteilungsberichtexterner Link des Schweizerischen Gewerkschaftsbund (2016) verfügen in der Schweiz 2,1% der reichsten Steuerpflichtigen über gleichviel Reinvermögen wie die restlichen 97,9%. Rund ein Viertel der Steuerpflichtigen hat überhaupt kein steuerbares Nettovermögen.

Der Gini-Koeffizient misst die Verteilung des Vermögens. Wenn eine Person alles besitzt, ist der Koeffizient eins. Besitzen alle Personen gleich viel, ist er null. In der Schweiz liegt der Koeffizient gemäss offiziellen Statistiken über 0,8. Damit befindet sich die Schweiz weltweit punkto Gleichheit auf einem der untersten Ränge.  


swissinfo.ch: Wohlhabende Leute sind willkommen. Manche Lokalpolitiker unternehmen einiges, um Reiche anzulocken, mit der Begründung, dass alle von deren Reichtum profitieren könnten. Sind Reiche mehr Fluch oder Segen für eine Gemeinde?

U.M.: Wir profitieren nicht von ihnen. Natürlich fällt der Steuerbetrag eines Milliardärs in einer kleineren Gemeinde ins Gewicht. Aber erstens erhöht dies die Abhängigkeit der Gemeinde und führt dazu, dass wegen des Steuerwettbewerbs zwischen den Gemeinden und Kantonen die Einnahmen sinken, die Immobilien- und Bodenpreise aber steigen. Und zweitens: Wenn dieser Reichtum anders verteilt würde, bezahlten mehr Leute auf ihrem höheren Verdienst und Vermögen auch höhere Steuern, was genau so viel Steuerertrag generieren würde.

Für ein demokratisches Land, das viel Wert auf den sozialen Zusammenhalt und den Arbeitsfrieden legt, wäre es doch viel besser, wenn der Reichtum besser verteilt wäre.

Ich will keine Reichenhetze machen. Aber man muss den Reichen nicht dankbar sein, wenn sie sich bei uns niederlassen. Leider ist dieser Kniefall bei uns kulturell verankert, obwohl es für manche eher entmutigend ist zu sehen, dass sich die einen enorm anstrengen müssen, um über die Runden zu kommen, während andere in Familien geboren werden, wo alles vorhanden ist.

swissinfo.ch: Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich in der Schweiz eine breite Mittelschicht entwickelt, die durch Tüchtigkeit zu ansehnlichem Wohlstand gekommen ist.

U.M.: In den 1950er- bis 1970er-Jahren konnten breite Bevölkerungskreise ihre materielle Situation stetig verbessern – 1972 gab es im ganzen Land offiziell nur 106 Arbeitslose. Damals war die politisch liberale Gesinnung für einen sozialen Ausgleich stark in der Gesellschaft verankert. Arbeit und Kapital sollten in einem ausgewogenen Verhältnis stehen. Seit einigen Jahren stelle ich einen Paradigmen-Wechsel fest. Heute ist Geld viel wichtiger geworden als Arbeit. Es herrscht ein finanzgetriebenes Verständnis. Viele Leute sehen in sozialen Ungleichheiten kein Problem, sondern eine Dynamisierung der Gesellschaft.

swissinfo.ch: Die Schweiz gehört zu den reichsten Ländern der Welt, weil die Bevölkerung tüchtig und innovativ ist.

U.M.: Das steht zwar in manchen Geschichtsbüchern, aber wenn unser rohstoffarmes Land die Rohstoffe aus dem Ausland nicht zu sehr günstigen Konditionen – fast zum Nulltarif – hätte importieren können, hätte es sich nicht so schnell industrialisieren können.

Die Schweiz hat immer geschickt zwischen protektionistischen und handelsöffnenden Massnahmen laviert. Sie wollte ihre Technologien selber entwickeln.

Die Handelsmechanismen haben sich inzwischen noch stärker zugunsten jener Länder entwickelt, die industriell gefertigte Güter exportieren können, und zuungunsten jener, die Rohstoffe und Primärgüter exportieren. Dieser Mechanismus generiert unseren Reichtum mit. Er ist ungerecht und wird durch politische Macht unterstützt.

Die Politik hat sich zunehmend als Zubringerdienst für die Wirtschaft instrumentalisieren lassen. 

swissinfo.ch: Weshalb gehen die rohstoffreichen Länder nicht geschickter mit ihren Ressourcen um?

U.M.: Die Welthandelspolitik hat Druck auf diese Länder ausgeübt, sich strukturell anzupassen, günstige Investitionsbedingungen zu schaffen, die Staatsquote tief zu halten, handelsöffnende Massnahmen zu ergreifen. Ghana zum Beispiel erzielt heute mit doppelt so hohen Exporten weniger Erlös als in den 1980er-Jahren.

swissinfo.ch: Steht es wirklich so schlecht um die Schweiz von heute?

U.M.: Ich kann zum Schluss noch etwas Positives sagen: Ich kenne einige reiche Leute, die diese Entwicklung selber kritisieren, eine Gefahr darin erkennen und dazu auffordern, wieder bescheidener zu werden.

Kann man auf redliche Weise Milliardär werden?

Die These, dass grosse Vermögen nicht redlich verdient werden können, ist unter Wissenschaftlern umstritten. "Wenn in einer Industriellen-Familie jemand eine gute Idee hatte, die zu einem erfolgreichen Unternehmen geführt hat, dann ist das sicher nicht falsch", sagt Georg von Schnurbein, Professor für Stiftungsmanagement an der Universität Basel. "Es ist nicht auszuschliessen, dass irgendwo mit einer gewissen Rigorosität bei der Entwicklung des Geschäfts vorgegangen wurde. Aber es wäre falsch, den Verdacht aufrecht zu erhalten, dass Reichtum nur mit krimineller Energie zu schaffen sei. Genauso wenig, wie nicht jeder Arme Fehler gemacht hat. Es sind auch die gesellschaftlichen Umstände, die Reichtum erlauben."

Die Schweiz profitiere insgesamt von ihren vielen Millionären, sagt von Schnurbein. Als Beispiele nennt er soziale, kulturelle oder Umwelt-Organisationen, "die darauf angewiesen sind, dass Menschen einen Teil ihres Überflusses an die Gesellschaft zurückgeben".

Ein grosser Teil dieser Millionäre sei im Inland durch Wirtschaftsleistung reich geworden. Dass sich auch viele Wohlhabende aus dem Ausland hier niederlassen, führt er auf ein Gesamtpaket zurück, das ihnen die Schweiz anbiete: attraktives Steuersystem, zentrale Lage, hohe Sicherheit und politische Stabilität, Professionalität des Finanzplatzes.

Auf die Frage, ob die Gemeinden gut daran täten, Reiche anzulocken, antwortet von Schnurbein: "Es ist eine zwiespältige Strategie. Man geht ein extremes Klumpenrisiko ein, wenn das Budget von wenigen Personen abhängt. Vielleicht ziehen diese Personen irgendwann weg. Dann hat die Gemeinde ein Problem, wenn sie auf zu grossem Fuss gelebt hat.

Der private Reichtum habe enorm zugenommen, stellt der Philanthropie-Experte fest. "Einige Personen konnten unheimliche Reichtümer ansammeln. Die Globalisierung hat Effekte, die zu einer Kumulation von Reichtum führt. Ab einem gewissen Niveau muss man gar nicht mehr viel dazu beitragen.

Dass die ungleiche Verteilung des Reichtums in der Schweiz zu Spannungen führen könnte, glaubt er nicht. "Das Durchschnittseinkommen und die generelle Lebenssituation sind in der Schweiz gut."

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