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Muslime in der Schweiz Braucht es ein Theologiestudium für Imame?



Wie soll ein Imam junge Muslime in der Schweiz verstehen, wenn er nur ein paar Jahre hier lebt und nicht einmal eine Landessprache beherrscht?

Wie soll ein Imam junge Muslime in der Schweiz verstehen, wenn er nur ein paar Jahre hier lebt und nicht einmal eine Landessprache beherrscht?

(Keystone)

Viele Imame der Schweizer Moscheen leben und arbeiten nur ein paar Jahre in der Schweiz. Vom konkreten Leben der Muslime hier haben sie wenig Ahnung. Mit der Integrationsaufgabe sind sie oft überfordert. Sollten sie deshalb in der Schweiz ausgebildet werden? Ein vollständiges islamisches Theologiestudium anzubieten, wäre dafür nicht erforderlich, sagt Islamwissenschaftler Andreas Tunger-Zanetti.

swissinfo.ch: Das türkische Amt für Religion schickt Imame für fünf Jahre in Moscheen der türkischen Diaspora, auch in jene der Schweiz. Oft haben diese Geistlichen nur rudimentäre Kenntnisse einer Landessprache und keine grosse Ahnung von der Gesellschaft im Gastland. Wie sollen sie ihre Integrationsaufgaben wahrnehmen? 

Andreas Tunger-Zanetti arbeitet an der Universität Luzern als Koordinator des Zentrums Religionsforschung. Er ist Mitglied im "Groupe de recherche sur Islam en Suisse" (Forschungsgruppe zum Islam in der Schweiz) sowie im Beirat des Schweizerischen Zentrums für Islam und Gesellschaft.

(unilu.ch)

Andreas Tunger-Zanetti: Für einen Teil ihrer Gemeinschaft sind sie geeignet und wichtig, nämlich in Bereichen, in denen es um das rein Religiöse und den Kultus geht. Sie übernehmen auch gewisse seelsorgerliche Aufgaben. Aber wir stellen fest, dass sich gerade junge Muslime nicht genügend angesprochen fühlen von den oft älteren Imamen, die ihre Lebenswelt in der Schweiz nicht wirklich kennen. Dort besteht ein Problem, das in den Religionsgemeinschaften erkannt, aber nicht einfach zu lösen ist.

swissinfo.ch: Sollten Imame in der Schweiz ausgebildet werden.

A.T.-Z.: Eine umfassende Imam-Ausbildung in der Schweiz sehe ich auf lange Zeit hinaus nicht. Dafür wäre ein umfangreicher Apparat nötig. Die akademischen Disziplinen stehen in islamischen Ländern und seit kurzem auch in Deutschland zur Verfügung, aber hier überhaupt nicht.

Wenn es um Auslegungsfragen geht, um Kenntnisse der religiösen Quellen, ist eine Ausbildung erforderlich, die man in der Schweiz nicht antrifft.

swissinfo.ch: Hinter der Vorstellung, dass Imame mit dem Wertesystem in der Schweiz vertraut sein sollten, steht auch der Wunsch nach mehr Transparenz in den Moscheen.

A.T.-Z.: Das ist verständlich, aber in der Schweiz ein vollständiges islamisches Theologiestudium anzubieten, wäre dafür nicht erforderlich. Imame, die ihre theologische Ausbildung im Ausland erworben haben, können sich hier soziales Rüstzeug aneignen und sich punktuell auch theologisch weiterbilden. Das Angebot des Freiburger Zentrums für Islam und Gesellschaftexterner Link geht genau in diese Richtung.

swissinfo.ch: Einige Vertreter der muslimischen Verbände in der Schweiz streben für den Islam den Status einer Landeskirche an. Und gewisse Politiker versprechen sich davon auch eine an die Moderne angepasste Auslegung der religiösen Inhalte. Was halten Sie davon?

A.T.-Z.: Die öffentlich-rechtliche Anerkennung von Religionsgemeinschaften ist nicht als Kontroll- und Disziplinierungsinstrument geschaffen worden und dafür auch nicht geeignet. Aber aus grundsätzlichen Überlegungen muss dieser Weg für alle Religionen offen stehen, denn man will damit ja ein engeres Verhältnis zwischen Rechtsstaat und Religionsgemeinschaft herstellen.

Wenn islamische Gemeinschaften ferngehalten werden, ist das diskriminierend und untergräbt die Prinzipien genau dieses Rechtsstaats, in den man diese Gemeinschaften einbinden möchte.

swissinfo.ch: Gegen diese Anerkennung wehren sich rechtskonservative und zum Teil christliche Kreise, welche die abendländische Kultur in Gefahr sehen. Sind solche Befürchtungen berechtigt?

A.T.-Z.: Sie sind Ausdruck von Verunsicherung und Unkenntnis dessen, was Schweizer Islam ist und tut. Muslime sind unsere Landsleute, mit denen wir täglich zusammen arbeiten und ihnen im Alltag überall begegnen, ohne zu wissen, welche Rolle die Religion für sie spielt.

swissinfo.ch: In der Präambel der schweizerischen Bundesverfassung steht: "Im Namen Gottes des Allmächtigen!" Das Christentum ist die Basis dieses Rechtsstaats. Oder stimmt das nicht mehr?

A.T.-Z.: Die Schweizer Gesellschaft ist über weite Strecken christlich geprägt worden, aber die Prägung verliert immer mehr an Kontur und Bedeutung für die Individuen. Zum Beispiel ist der Sonntag zwar offiziell noch der Ruhetag, aber von Ruhe ist vielerorts wenig zu spüren. So gesehen ist die Rede von der christlich-abendländischen Kultur ziemlich hohl.

Viele Leute sind verunsichert, wie sie religiös praktizierenden Menschen begegnen sollen, weil ihnen das Religiöse insgesamt fremd geworden ist. Da sehe ich ein grosses Manko, dem man nur mit Bildung und Begegnung beikommt. Gerade Begegnung kann das Verständnis dafür fördern, dass die anderen in gewissen Bereichen anders, aber ansonsten eigentlich ganz normale, nette Leute sind.

swissinfo.ch: Muss man mit allem Verständnis haben, was religiös motiviert ist? Zum Beispiel mit den pubertierenden Muslimen an einer Nordwestschweizer Schule, die mit religiöser Begründung ihrer Lehrerin den Handschlag verweigern? Oder gibt es auch Grenzen?

A.T.-Z.: Hier ist die Pädagogik gefragt. Die Schule hat ja das Gespräch gesucht – was das Wichtigste ist in so einem Fall – und ist dann zu einer Regelung auf Zusehen gekommen. Wo wollen Sie die Grenze ziehen, zwischen Dingen, die gesetzlich zu regeln sind, und solchen, die man offen lässt? Regelverstösse gibt es andauernd in unserer Gesellschaft. Aber wenn es um Muslime geht, werden sie in einer für mich befremdlichen Intensität skandalisiert und verfolgt.

swissinfo.ch: Haben Sie – angesichts des immer näher kommenden islamistisch motivierten Terrors – kein Verständnis dafür, dass die westliche Gesellschaft versucht, Radikalisierungen möglichst im Keim zu ersticken?

A.T.-Z.: Wenn sich junge Leute beginnen, für Religion zu interessieren, dabei vieles ausprobieren und auch mal übers Ziel hinaus schiessen, hat das nichts mit Radikalität zu tun und pendelt sich im verträglichen Bereich ein.

Es gibt ganz wenige Einzelfälle, wo aus besonderen Gründen das Ganze in Gewaltbereitschaft endet. Diese beiden Kategorien darf man nicht vermischen, weil man sonst vieles erschwert oder kaputt macht, was sich von selbst reguliert, und eher das Gegenteil von dem bewirkt, was man möchte.  

Gegen gewaltbereite Fälle gibt es das Strafrecht. Und für Personen im Graubereich geht es in der Präventionsarbeit darum, dass geeignete Personen mit diesen Wackelkandidaten im Gespräch bleiben. Aber flächendeckende Kontrollmassnahmen sind völlig ineffizient und kontraproduktiv.

Studie über junge Muslime

Junge religiöse Schweizer Muslime orientieren sich nur wenig an Imamen in Moscheen, an Internet-Predigern oder an in der Öffentlichkeit prominent auftretenden muslimischen Organisationen. Sie interpretieren ihre Religion individuell, kritisch und eigenständig. Das zeigt eine Studie der Universität Luzern, für die 33 Muslime und 28 Musliminnen im Alter von 15 bis 30 Jahren zu ihrer religiösen Orientierung befragt wurden.Fast alle Befragten sind praktizierende Muslime. Sie interessieren sich aus unterschiedlichen Motiven für die Religion. Der Islam kann eine emotionale Stütze sein, ein Wegweiser durchs Leben oder ein zu befolgendes Regelwerk.(Quelle: sda)

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