Nachrichtenlose Vermögen: Zorn amerikanischer Juden

Der Zorn richtet sich vor allem gegen jüdische Organisationen und gegen Anwälte. Keystone Archive

Drei Jahre nach Abschluss des Global-Abkommens zwischen den Schweizer Banken und den jüdischen Organisationen erheben sich zahlreiche kritische Stimmen in der jüdischen Gemeinde der USA. Sie richten sich gegen den Prozess, der zum Abkommen geführt hat, aber auch gegen die Art der Verteilung der von der UBS und der Crédit Suisse bezahlten 1,25 Mrd. Dollar.

Dieser Inhalt wurde am 06. August 2001 - 14:55 publiziert

Die Kritik kommt sowohl von Seiten der Überlebenden des Holocaust und deren Erben, wie von den Mitgliedern der amerikanischen jüdischen Elite jeder politischen Couleur. Der politisch rechts stehende Chronist Charles Krauthammer findet es grotesk, das vom Holocaust ausgelöste Schuldgefühl auszunutzen, um eine Entschädigung zu erhalten. "Was zuerst einfach unanständig war, ist nun skandalös geworden."

Von links äussert sich der Direktor der Anti-Diffamation League, Abraham Foxman. Seiner Ansicht nach ist die Reduktion des Holocaust auf eine Geldfrage eine "Entwürdigung". Und der Preis sei "zu hoch, um eine Gerechtigkeit zu erhalten, die es nie geben wird". Und von links aussen erklärt Norman Finkelstein, der umstrittene Autor von "The Holocaust Industry", gegenüber swissinfo, dass es nach der "Erpressung der Schweizer Banken nun um die Erpressung der Überlebenden geht".

Stark kritisierte Anwälte

Im Wesentlichen richten sich die Kritiken gegen die Anwälte und die Organisationen, welche die Opfer beim amerikanischen Richter Edwards Korn vertreten, welcher die Entschädigungs-Zahlungen der beiden Schweizer Banken verteilen soll.

"Noch haben die Überlebenden keine Gerechtigkeit erfahren", erklärt Rositta Kenigsberg, Vizepräsidentin des Holocaust Dokumentations- und Informationszentrum an der internationalen Universität von Florida. Und fügt bei: "Der Prozess war von vitaler Bedeutung, um die Geschichte umzuschreiben und aufzuzeigen, dass es keine Neutralität gibt."

Die Akademikerin bedauert, dass sich die Verteilung der Gelder nicht nach humanitären Gesichtspunkten richtet. "Die Anwälte werden besser bezahlt als die Opfer, und erst noch viel schneller", meint sie.

Unverständnis bei den Überlebenden

In Florida leben 20'000 Überlebende des Holocaust, die meisten sind über 70 oder 80 Jahre alt. Es ist nach New York die grösste Gruppe von Überlebenden in den USA. "Die Überlebenden verstehen das Vorgehen nicht, ebenso wenig die Tatsache, dass man sie nicht anhört", erklärt Kenigsberg.

Das Holocaust Dokumentations- und Informationszentrum schätzt, dass die Überlebenden in Florida 20 Mio. Dollar für ärztliche Hilfe bräuchten. "Dieses Problem wird ignoriert, und die 1'000 oder 2'000 Dollar, welche die Opfer erhalten werden, können ihre Lebensqualität nicht verbessern", so Kenigsberg weiter. Schlussfolgerung: "Die Überlebenden sind frustriert und zahlreiche Anwälte machen sich wie Banditen mit dem Geld aus dem Staub", klagt sie.

Für den Linksextremisten Norman Finkelstein profitieren vom Global-Abkommen vor allen die jüdischen Organisationen. "Die Anwälte sind nur die Spitze des Eisbergs", erklärt der Sohn eines Überlebenden und Professor für Politikwissenschaft am Hunter College New York. Und fügt bei: "Die Anwalts-Honorare machen nur 1,25% der Gelder aus der Schweiz aus, 98% gehen an die Organisationen wie den Jüdischen Weltkongress."

"Die Evaluation des Vorgehens mit den Schweizer Entschädigungen ist sehr heikel", meint Gabriel Schoenfeld, Chefredaktor von "Commentary", der Zeitschrift des amerikanischen jüdischen Ausschusses. Er will sich im Übrigen nicht telefonisch äussern, da dies zu riskant sei. Er verweist swissinfo auf sein Editorial mit dem Titel "Ein wachsender Skandal".

Antisemitismus: Wird er wieder zum Leben erweckt?

Dieses Editorial hat viele Reaktionen aus der Leserschaft erhalten - missbilligende wie lobende. Schoenfeld prangert die Methoden der jüdischen Organisationen an, namentlich des Jüdischen Weltkongresses. "Mit der Klage gegen die Schweizer Banken haben grosse jüdische Organisationen die mächtigsten Waffen ihres Arsenals eingesetzt, einschliesslich Kollektivklagen, Boykottdrohungen und Sperrfeuer. Und die Initiative dazu kam vom Jüdischen Weltkongress", schreibt er.

Der Chefredaktor von "Commentary" befürchtet, dass solche Methoden den Antisemitismus wieder aufleben lassen. "Die Aggressivität der jüdischen Organisationen muss bei den Europäern einen starken Eindruck hinterlassen", fährt Schoenfeld weiter. Noch schlimmer: "Die Angelegenheit könnte gar der Sicherheit Israels schaden, waren doch Deutschland, Holland und die Schweiz während vieler Jahre loyale Freunde des hebräischen Staates", schliesst er.

"Die Schweizer finden, dass das Global-Abkommen nicht in Ordnung ist, und dieser Meinung bin ich auch", erklärt Raul Hilberg, der Autor des Holocaust-Nachschlagwerks "The Destruction of the European Jews". Er sieht in der Angelegenheit eine "ungerechtfertigte Offensive, welche vom Jüdischen Weltkongress lanciert und von den Anwälten unterstützt wird, zwei Akteuren also, welche sich als extrem unwissend erwiesen und sich über die Wahrheit lustig gemacht haben."

Der aus Österreich emigrierte pensionierte Historiker der Universität Vermont findet, "die Schweizer Banken haben zu viel bezahlt". Es konnten sehr wenig Beweise erbracht werden, dass das Geld in die Schweiz transferiert worden war. Es ging vor allem um "vage Behauptungen und Annahmen", präzisiert Professor Hilberg. Und fügt bei: "In den Köpfen der Öffentlichkeit wurden zwei Fragen vermischt: Einerseits das Leiden der Überlebenden in Florida oder in der Ukraine und andererseits die Frage, ob die Schweizer Banken Geld schuldeten."

Auch Richter Korman, welcher die Umsetzung des Global-Abkommens überwachen muss, ist vor Kritik nicht gefeit. Die Skeptiker betrachten Korman allgemein als überfordert.

"Wenn ich dieses Amt inne hätte, würde ich die Politik beiseite lassen und für die Opfer arbeiten", meint Rositta Kenigsberg. Und: "Richter Korman hatte nicht die Kraft, den jüdischen Organisationen und den Klagenden zu sagen, dass ihr Dossier auf schwachen Füssen stehen könnte". Deshalb "schlug er einen Kompromiss vor, und dieser wurde zu einem veritablen Basar", schliesst Hilberg.

Marie-Christine Bonzom, Washington

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