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Nahost-Berichte unter der Lupe

Die Schweizer Medien und ihre Nahost-Berichterstattung sind unter Kritik geraten.

(swissinfo.ch)

Jüdische Kreise in der Schweiz wollen den Medien in Sachen Nahost-Konflikt vermehrt auf die Finger schauen - und lösen damit auch Kopfschütteln aus.

Die Berichterstattung der Schweizer Medien zum Nahost-Konflikt ist in den vergangenen Monaten in jüdischen Kreisen vermehrt auf Kritik gestossen. Der Vorwurf: Unausgewogenheit zu Ungunsten Israels.

Bereits Anfang Mai hatte Alfred Donath, der Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG), die Medien heftig kritisiert. Die von diesen verbreitete anti-israelische Stimmung begünstige anti-semitische Tendenzen.

Nun ist der SIG, die Dachorganisation, die verschiedenste Strömungen der Schweizer Juden und Jüdinnen vereint, aktiv geworden. Am Sonntag wurde ein Forum ins Leben gerufen, welches Medienberichte zum Nahost-Konflikt ab Sommer verfolgen und bei Bedarf auch einschreiten soll.

Vermischung von anti-israelischer und anti-semitischer Position

Dem Schweizerisch-Jüdischen Media-Forum gehe es darum, dass die Politik Israels in den Medien korrekt wiedergegeben werde, erklärt Thomas Lyssy, SIG-Vizepräsident.

"Einschreiten wollen wir dann, wenn wir den Eindruck haben, ein Artikel sei nicht nur kritisch gegenüber Israel (wogegen es nichts einzuwenden gibt), sondern habe einen anti-semitischen Hintergrund", erklärt Lyssy das geplante Vorgehen des Forums.

Laut Lyssy sind die Juden und Jüdinnen in der Schweiz stark von einer negativen Berichterstattung über Israel betroffen. Der SIG werde oft verantwortlich gemacht für die Ereignisse in Israel. Zudem beobachte er vermehrt eine schleichende Vermischung von anti- israelischer Berichterstattung mit anti-semitischem Hintergrund.

"Das Forum wird die Medien auf Berichterstattungen aufmerksam machen, die in seinen Augen problematisch sind", sagt Lyssy. Es müsse sich aber um eine Verzerrung der Tatsachen oder um falsche Informationen handeln, damit das Forum interveniere.

Presserat: Kein Problem

Für Peter Studer, den Präsidenten des Schweizer Presserates, ist das neue Forum schlicht eine der vielen Lobby-Gruppen, die sich in der Öffentlichkeit bewegen. Der Presserat steht dem Publikum und den Medienschaffenden als Beschwerde-Instanz für medienethische Fragen zur Verfügung.

"Zudem", sagt Peter Studer weiter, "müssen wir uns bewusst sein, dass bis zu 80% der Nachrichten, die in die Medien gelangen und dort verbreitet werden, auf irgendeine Weise von Lobby-Arbeit, von Öffentlichkeits-Arbeit stark beeinflusst sind. Dies hat die Publizistik-Wissenschaft in gründlichen Analysen festgestellt."

Die Schaffung des neuen Forums ist für Peter Studer denn auch kein Problem. " Es ist dann an den Journalisten und Redaktoren, an den Schleusenwärtern der Medien, einen gewissen Abstand zu halten und das Ganze vernünftig zu behandeln."

Ähnlich tönt es bei der Westschweizer Zeitung "Le Temps": "Ich finde es eigentlich normal, dass sich Leute organisieren, wenn sie das Gefühl haben, dass die Macht der Medien zu ihren Ungunsten wirkt, da es ja auch keine organisierte 'Gegenmacht' gibt", erklärt Vize-Chefredaktor Jean-Jacques Roth. Man werde aber sehen müssen, wie sich die Debatte weiter entwickle.

Von Kritik und Kritik

Aus Sicht der Mediengewerkschaft comedia drängt sich die Schaffung eines solchen Forums nicht auf. Den Pauschalvorwurf, dass in den Schweizer Medien eine Tendenz zu antisemitischer Berichterstattung herrsche, weist die Gewerkschaft zurück.

Kritik an der Regierung Israels oder der Politik des Landes dürfe man nicht als anti-semitisch bezeichnen, das sei unkorrekt. "Zudem setzen wir auf die Eigenverantwortung der Medienschaffenden", erklärt Klaus Rosza, Präsident des comedia-Sektors Presse.

Für den Westschweizer Autor und Journalist Pierre Hazan, der zusammen mit anderen ein jüdisch-arabisches Friedens-Manifest lancierte, stellt sich die Frage, wie das neue Forum an seine Aufgabe herangeht und was es als israel-feindlich einstufen wird.

Kann es kontraproduktiv werden?

Klar ist, dass diese neue Gruppe nicht die erste dieser Art ist. Der SIG liess sich unter anderem inspirieren von Israel Media Watch in Israel und von ähnlichen Organisationen in den USA wie Camera und Media Watch International. Sie alle bemühen sich darum, dass die Darstellung der Position Israels in den Medien nicht zu kurz kommt.

In der Schweiz soll das Forum auch für die Koordination der Bemühungen anderer Organisationen zuständig sein, die sich schon mit diesen Fragen befassen. Dazu gehören etwa die Anti-Defamations-Liga und die Westschweizer Coordination Intercommunautaire Contre L'Antisémitisme et la Diffamation (CICAD) sowie die Organisation David, die bereits mehrmals beim Presserat Beschwerde einreichte.

Offen bleibt, ob sich die neue Stelle schliesslich nicht gegen ihre Initianten selbst wenden wird. Vor allem, weil sie die Vermischung zwischen der Politik Israels und jener der jüdischen Schweiz noch verstärken könnte. "Dieses Risiko könnte bestehen", räumt SIG-Vizepräsident Lyssy ein.

Skepsis bei der NZZ

Mit etwas Skepsis reagiert Reinhard Meier, Vize-Chef der Auslandredaktion der "Neuen Zürcher Zeitung". "Es wird sehr davon abhängen, wie diese Gruppe funktioniert. Wenn sie ihre Kritik auf pauschale Vorwürfe abstützt, könnte sich dies kontraproduktiv auswirken. Wenn sie aber konkrete Fälle aufgreift und differenzierte Analysen liefert, kann das eine gute Sache sein. Viel wird davon abhängen, wer die Stelle besetzt."

Auch Meier sieht die Gefahr, dass anti-israelische Berichte und anti-semitische Äusserungen verwischt werden können. Kritisch über Israel respektive seine Regierung zu berichten, dürfe aber nicht nur in Israel möglich sein, sondern auch anderswo, sagt Meier unter Hinweis auf israelische, regierungskritische Äusserungen in den Medien.

Das Forum wird seinen Sitz in Zürich haben. Präsidiert wird es vom christlichen Theologie-Professor Ekkehard Segemann, der in Basel lehrt. Das Budget beläuft sich vorerst auf 100'000 Franken, wovon mehr als die Hälfte vom SIG kommen sollen. Man sei unabhängig vom Staat Israel, unterstreicht Lyssy.

Rita Emch mit Pierre Gobet (Zürich) und Fréderic Burnand (Genf)


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