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Neue Herausforderungen

Das Institut ist international bekannt.

(swissinfo.ch)

Das berühmte Institut de hautes études internationales in Genf feiert den 75. Geburtstag. Auf den Lorbeeren ausruhen aber kann es sich keineswegs.

Im Vorwort zur Monographie zu Ehren des 75. Geburtstags des Institut universitaire de hautes études internationales (HEI) betont die Präsidentin des Stiftungsrates und Chefin der Genfer Erziehungsdirektion, Martine Brunschwig-Graf, die zwei Seiten der grossen Schule.

Einerseits die reale Institution mit ihren täglichen Sorgen, andererseits die symbolische Seite der Institution, die mit der Aufgabe und der Ausstrahlung Genfs über seine Grenzen hinaus zusammenhängt - und damit auch das schon mehrmals eingegangenen Risiko einer Zweiteilung zwischen lokaler Realität und internationalem Prestige.

Und sie erinnert daran, dass die verschiedenen Direktoren des Instituts, welche diese beiden Pole unter einen Hut bringen mussten, auch die Tatsache zu berücksichtigen hatten, dass "diese Universitätsinstitution zeitlich nicht mit der Politik, sondern mit dem Denken und dem Wissen Schritt hält."

Konkurrenz und kritische Grösse

Aber wie soll man es anpacken, um die Welt nicht aus den Augen zu verlieren? Claude Monnier, Gründer von "Le Temps stratégique" und deren Direktor, bis die Zeitung letztes Jahr einging, und selber ehemaliger Student des Instituts, sagte vor zwanzig Jahren bereits - und er ist noch heute davon überzeugt - dass das HEI im Bereich der internationalen Beziehungen zu akademisch sei.

"Man kann nicht mehr ernsthaft über den Rest der Welt sprechen, wenn man nicht eine Weile dort draussen gelebt und sich mit den täglichen Problemen von Ländern befasst hat, die sich vollständig vom unsrigen unterscheiden." Seiner Meinung nach müsste das Institut einen direkteren Bezug zu den Realitäten im Feld haben.

Ausser dieser Kritik stellt Monnier aber auch fest: Wenn das HEI etwas von seiner Pracht verloren hat, zumindest in den Augen der Öffentlichkeit, dann nicht, weil seine akademischen Qualitäten abgenommen hätten oder weil die Mittel nicht mehr ausreichten. Es ist vielmehr eine Frage der kritischen Grösse.

Denn andere Institutionen, überall in der Welt, haben seine Aufgaben übernommen. Die grossen Spezialistinnen und Spezialisten arbeiten an Universitäten mit viel mehr Studierenden, Lehrenden und Forschenden. Müsse das HEI also etwas bescheidener werden?

Das Bessere und das weniger Gute

Das 1927 von William Rappard und Paul Mantoux gegründete Institut hatte lange Jahre eine grosse Ausstrahlung. Peter Tschopp, noch für ein paar Monate sein Direktor, erinnert daran, dass es in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen schnell "zu einem der seltenen Zufluchtsorte für aufgeschlossene Köpfe auf der Suche nach der akademischen Freiheit" wurde.

Und später sei es ihm gelungen, sich dem eisigen Einfluss des Ost-West-Konflikts zu entziehen. Doch nach dem Abgang von Jacques Freymond hat es sich in seinen internen Problemen verfangen, "statt sich mit dem Zustand der Welt zu befassen."

Seine 75-jährige Geschichte beweist aber laut Tschopp, dass "das Institut zu Bestleistungen fähig ist, wenn es ihm gelingt, alle Ressourcen für akademische und moralische Ziele zu mobilisieren."

Kofi Annan, der wohl berühmteste noch aktive ehemalige Student, wird an der Gedenkfeier teilnehmen. Das könnte das Institut ein wenig ins Rampenlicht rücken. Aber, so Tschopp, danach braucht das HEI auch einen "aufgeschlossenen" Direktor.

Die Abkapselung überwinden

Für Martine Brunschwig-Graf wird das Schicksal des HEI "stark davon abhängen, ob es seine Abkapselung überwinden kann". Intern, indem es weiter interdisziplinäre Bereiche verfolgt, extern, indem es effiziente Zusammenarbeitsbeziehungen eingeht.

Wie das aussehen kann, ist am erst kürzlich geschaffenen Réseau universitaire international de Genève (RUIG) oder an dem vom HEI, den Universitäten Genf und Lausanne und dem IKRK gemeinsam gegründeten Zentrum für humanitäres Völkerrecht zu sehen.

Jean-Claude Frachebourg, der die Geschichte der letzten zwanzig Jahre des Instituts nachgelesen hat (als er sein Generalsekretär war), zögert nicht, wenn man ihm die Frage nach der Zukunft des HEI stellt: "Es wird weiter von seinem ausgezeichneten Unterricht und seiner Forschung leben."

"So klein wie es ist", fügt er bei, "und angesichts einer Konkurrenz von Universitäten, denen einiges mehr an Mitteln zur Verfügung steht, hat das Institut gar keine andere Wahl, als seine Qualität zu wahren."

Aus dieser Sicht macht sich Frachebourg keine Sorgen. Beweis dafür sind die Anzahl und das klare und wachsende Interesse der Studierenden, die sich für ein drittes Studienjahr bewerben.

Die Schweizer Aktivitäten in der UNO unterstützen

Wie auch immer, Genf mit seinen internationalen Organisationen und die Schweiz mit ihren Ambitionen bleiben die natürliche Heimat des HEI. Erinnern wir uns nur daran, dass es früher für künftige Schweizer Diplomaten Brauch war, sich einige Monate am Institut auszubilden.

Diese Praxis wurde vor rund zehn Jahren aufgegeben. "Angebot und Nachfrage stimmten nicht mehr überein", erklärt Nicolas Michel, der Leiter der Direktion für Völkerrecht im Schweizer Aussenministerium.

Heute haben viele diplomatische Praktikantinnen und Praktikanten die internationalen Disziplinen bereits in ihren persönlichen Lebenslauf integriert. Und wenn das nicht der Fall ist, ziehen sie oft einen Studiengang im Ausland vor, da sie damit auch auf andere Kulturen treffen und neue Sprachen lernen können.

Was nicht heisst, dass Bern und das HEI ihre akademischen Beziehungen abgebrochen hätten. Michel versichert, dass das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten nach wie vor daran interessiert ist, von den Ressourcen des Instituts zu profitieren, namentlich für die Weiterbildung seiner Diplomatinnen und Diplomaten.

Könnte der Beitritt der Schweiz zur UNO diese Beziehungen wieder beleben? Um ihre Rolle in New York voll und ganz wahrzunehmen, verfügt die Schweiz natürlich bereits über diplomatisches Personal, welches Erfahrung hat in multilateralen Verhandlungen.

Aber, so Michel, "in Anbetracht der Tatsache, dass wir unsere Vorschläge nun selber und ohne Umweg über andere vertreten können, werden wir auf akademischer Ebene, also in Forschung, Lehre, Netzwerken und Personen, Unterstützung brauchen."

Im Klartext: insbesondere im humanitären Völkerrecht, aber auch in anderen Bereichen, wo sich die Schweiz in ihrer Aussenpolitik stärker profilieren möchte, ist es höchste Zeit, dass sie über ein hoch spezialisiertes Universitätszentrum verfügt, das fähig ist, die Rolle als Schnittstelle zur Praxis im Feld zu übernehmen.

Bernard Weissbrodt, Genf


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