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New Glarus - ein Flecken Schweiz im Herzen Amerikas

(swissinfo.ch)

New Glarus liegt mitten im Herzland Amerikas, in Wisconsin. Das 1845 von Glarner Emigranten gegründete Dorf hält bis heute die Traditionen seiner Vorfahren hoch. Ein Augenschein.

Die hügelige, teils bewaldete Umgebung, in der New Glarus liegt und die weidenden Kühe lassen Gedanken an die Voralpen-Region der Schweiz aufkommen.

Rund 2100 Personen leben hier, darunter direkte Nachfahren der ersten rund 100 Immigranten aus dem Glarnerland. New Glarus liegt etwa drei Stunden Autofahrt von Chicago entfernt im Bezirk Green County.

Unterwegs aus dem Süden auf dem Wisconsin State Highway 69 wechselt die weite Ebene langsam in eine von sanften Hügeln, Wiesen und Bäumen geprägte Landschaft.

Einige Kilometer vor New Glarus tauchen am Strassenrand erste Schilder auf mit Schweizer Sujets wie Chalets oder Alphörnern. Willkommen in "America's Little Switzerland".

Auf den Wiesen weiden schwarz-weisse und braune Kühe. Links und rechts der Strasse sieht man Bauernhöfe mit ihren in den Himmel ragenden Silotürmen. Und immer mehr Namen wie Wälti, Voegeli, Hoesly, Elmer.

Das Stadtbild ist von Chalets geprägt; Strassen, Restaurants und andere Geschäfte tragen Schweizer respektive Glarner Namen. In Schaukästen wird auf das Tell- oder das Heidi-Festival hingewiesen.

Auf den Fenstersimsen vieler Chalets stehen Blumentöpfe mit Geranien, in die Giebel sind Haussprüche in Deutsch geschnitzt. Schweizer Fahnen und Kantonswappen zieren die Strassen und Vorgärten, wehen neben der US-Flagge im Winde.

Aus Armut nach Amerika getrieben

Die Gründung der Siedlung ist eng verbunden mit der wirtschaftlichen Not in der Schweiz Mitte des 19. Jahrhunderts. Wie andere Regionen in der Schweiz litt der Kanton Glarus unter Hungersnot (Kartoffelseuche) und Wirtschaftskrise.

So sehr, dass die Glarner Regierung aktiv nach Auswanderungswilligen suchte. Der Kanton unterstützte die Auswanderung von Armen und Randständigen finanziell, auch um sich von deren Fürsorge zu entlasten.

Zwei Kundschafter, Fridolin Streiff und Niklaus Dürst, machten sich im Auftrag des Glarner Auswanderungsvereins in den USA auf Suche nach Land. Im Süden des heutigen Wisconsin erwarben sie rund 485 Hektaren Land am Little Sugar River.

"Der Boden war fruchtbar, es gab viel Wasser und Nutzholz, was für die Besiedelung wichtig war", erzählt ein Nachfahre der ersten Siedler.

7000 Kilometer weiter westlich

Im Spätsommer 1845 traf die erste Gruppe von 108 Siedlern ein und legte den Grundstein für New Glarus - mehr als 7000 Kilometer von der alten Heimat entfernt.

Hinter ihnen lag eine rund vier Monate lange, beschwerliche Reise, die sie über Holland und den Atlantik nach Baltimore und schliesslich nach Wisconsin geführt hatte.

Fast 200 Menschen hatten die Reise zusammen angetreten. Unterwegs waren etliche den Strapazen erlegen, andere hatten sich von der Gruppe getrennt, um in Fabriken zwischen Baltimore und Wisconsin eine Stelle anzutreten, wie es in lokalen Quellen heisst.

Entwicklung zur erfolgreichen Bauerngemeinde

Die ersten Jahre waren hart, denn längst nicht alle Siedler waren in der alten Heimat Bauern gewesen. "Doch die Siedler waren bescheiden und gut organisiert", steht in einer Broschüre.

Anfangs wurde vor allem Weizen angebaut, später wandten sich die Siedler immer mehr der Milch- und Viehwirtschaft zu, machten Käse.

New Glarus entwickelte sich zu einer erfolgreichen Bauerngemeinde und erhielt 1887 auch einen Bahnanschluss, der allerdings seit 1972 Geschichte ist.

Zwischen 1910 und 1962 war die wichtigste Arbeitgeberin in der Region eine Niederlassung der Pet Milk Company aus Illinois, die zeitweise von bis zu 300 lokalen Bauern Milch bezog und vor allem Büchsenmilch produzierte. Im Zweiten Weltkrieg lieferte die Fabrik Büchsenmilch für die US-Armee in Europa.

Neuer Elan dank Tourismus

Wie in der Schweiz durchlief auch die Landwirtschaft in den USA einen Strukturwandel. Das Konsumverhalten veränderte sich, die Nachfrage nach Büchsenmilch sank. 1962 wurde der Betrieb eingestellt; ein harter Schlag für die Wirtschaft von New Glarus.

Neuen Schub fand die Gemeinde mit der Tourismus-Industrie rund um das Schweizer Erbe, die damals noch in den Kinderschuhen steckte und heute eine der wichtigsten Einnahmequellen von New Glarus ist.

Es gibt nur noch wenige Farmer, viele Einwohner pendeln zur Arbeit in nahegelegene Städte wie Madison, die Hauptstadt von Wisconsin.

Dank seiner vielen Festivals zieht New Glarus regelmässig Besucher an. Der Grossteil der Touristen kommt heute aus den USA.

Die New Glarner sind zwar teilweise schweizerischer als Schweizer, sie sind aber ebenso Amerikaner. Die Freiheitsstatue und die amerikanische Flagge gehören genauso zum Leben wie Tell und Heidi, das Jodeln, Rösti und Bratwurst oder die Schweizer Flagge und Kantonswappen.

swissinfo, Rita Emch, New Glarus

Fakten

Die Zahl der Amerika-Schweizer wird auf rund 1,2 Millionen geschätzt.
Die grösste Dichte von Amerikanern mit Schweizer Wurzeln findet sich in Kalifornien, New York, Ohio, Wisconsin und Pennsylvania.
73'978 Schweizer Staatsangehörige waren Ende 2007 in den USA registriert.
Davon waren 52'415 Doppelbürgerinnen und Doppelbürger.

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Obama oder McCain?

Vor den Präsidentschafts-Wahlen 2004 war Wisconsin mit seinen 10 Elektoren-Stimmen einer der umstrittenen und daher von Demokraten und Republikanern heftig umworbenen Bundesstaaten.

Der Entscheid fiel schliesslich knapp zugunsten des Demokraten John Kerry.

Das damalige Medieninteresse aus der Schweiz an New Glarus sei riesig gewesen. Unzählige hätten wissen wollen, was die Menschen hier über Kerry und Bush dachten, erklärt Hans Lenzlinger, der seit 1970 hier lebt.

Wie andere im Dorf will er sich nicht zu den jetzt anstehenden Wahlen äussern. Unter den Leuten, die sich äussern, halten sich die Stimmen der Anhänger von Barack Obama und John McCain in etwa die Waage.

Sorgen macht beiden Seiten die schlechte Wirtschaftslage, das teure Benzin, die Immobilienkrise und der Krieg im Irak.

Anhänger der Demokraten sorgen sich zudem um das Image der USA in der Welt.

Gemäss jüngsten Umfragen auf der Online-Plattform "Real Clear Politics" kommt der Demokrat Obama in Wisconsin zurzeit auf etwa 47% der Stimmen, der Republikaner McCain auf knapp 42%. Vor einem Monat hatte Obama noch 48% erhalten, McCain 40%.

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