Optimistischer Herr über die Prionen

Professor Adriano Aguzzi hat in den letzten Jahre einige Prionen-Probleme gelöst. swissinfo.ch

Zehn Jahre nach der Rinderwahn-Krise ist es Prionenforschern gelungen, die Ursachen dieser Krankheit aufzudecken.

Dieser Inhalt wurde am 16. Dezember 2004 - 16:24 publiziert

Einer der welweit führenden Prionen-Spezialisten, Professor Adriano Aguzzi, gibt sich in Bezug auf die künftige Entwicklung verhalten optimistisch.

Vor zehn Jahren hat die Bovine Spongiforme Encephalopathie (BSE), im Volksmund Rinderwahnsinn, die Gesundheitsbehörden und Tierärzte Europas aufgeschreckt.

Um die Ausbreitung dieser tödlichen Krankheit zu verhindern, die das Gehirn und das Nervensystem zerstört, wurden Millionen Rinder geschlachtet.

Zwar konnte die Epidemie in den letzten Jahren eingedämmt werden. Doch seit eine neue Form der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit aufgetaucht ist, melden sich die Ängste zurück. Creutzfeldt-Jakob nennt sich BSE beim Menschen; die Krankheit wird durch den Verzehr von verseuchtem Rindfleisch ausgelöst.

Professor Adriano Aguzzi, Direktor des Instituts für Neuropathologie der Universität Zürich, ist einer jener Wissenschafter, die zum Verständnis der Prionen, die Krankheiten wie BSE übertragen, wesentlich beigetragen haben.

swissinfo: Seit einigen Jahren wird kaum mehr von Rinderwahnsinn oder von einer möglichen Übertragung dieser Krankheit auf den Menschen gesprochen. Weil die Medien nicht mehr darüber berichten oder weil die Gefahr gebannt ist?



Adriano Aguzzi: Die Gesundheit ist einer jener Bereiche, dem sich die Medien mit einer Intensität widmen, die gelegentlich an Hysterie grenzt. Taucht das nächste Ereignis auf, wird das Thema fallen gelassen.

Das Problem BSE ist aus den Medien praktisch verschwunden – leider nicht aus der Natur. Im Vergleich zu früher ist jedoch ein gewisser Optimismus angebracht, und mit gutem Grund. So wurden in den letzten zehn Jahren Massnahmen wie das Tiermehlverbot eingeführt, die wesentlich zum Rückgang der Krankheit bei den Rindern beigetragen haben und damit auch das Risiko einer Übertragung auf den Menschen verringern.

swissinfo: Vor einigen Jahren zweifelte man noch daran, dass BSE durch Tiermehl ausgelöst wird. Hat sich das geändert?



A.A.: Ja, wir wissen heute mit Sicherheit, dass BSE durch Tiermehl übertragen wird. Doch es gibt nach wie vor ein paar Unverbesserliche, unter ihnen Wissenschafter, die andere Theorien verbreiten und die Ursache in Bakterien oder Nervengiften sehen. Daran sind zweifellos Kreise beteiligt, die ein Interesse daran haben, sich ihrer Verantwortung zu entziehen.
Ich selber wette meine gesamte Reputation als Wissenschafter darauf, dass die Ursache für den Rinderwahnsinn im Tiermehl zu suchen ist.

swissinfo: Wie kam man überhaupt auf die Idee, Rinder mit Rindermehl zu füttern? Aus lauter Profitdenken, das ja eigentlich auch eine Art Wahnsinn ist?

A.A.: Es ist tatsächlich wider die Natur, grasfressende Tiere in Kannibalen zu verwandeln. Die Gründe sind allerdings nicht rein finanzieller Art, sondern haben sogar eine ökologische Komponente.

Vergessen wir nicht, dass in Ländern wie der Schweiz sehr viele Teile des Rinds, die in anderen Ländern für die menschliche Ernährung verwendet werden, auf dem Abfallhaufen landen. Vor zwanzig Jahren fand man es absurd, diese wertvollen Proteine, die einen ausgezeichneten Nährwert haben, zu verbrennen. Eine Wiederverwertung in Form von Tiermehl schien die bessere Lösung zu sein.

swissinfo: Diesen Irrtum bezahlten all jene Menschen, die an der neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit litten, mit dem Leben. Ist der Eindruck richtig, dass sich diese Krankheit weniger rasant verbreitet, als Ende der Neunzigerjahre befürchtet wurde?

A.A.: Ja, bis vor wenigen Jahren machte mir die Vorstellung, dass uns möglicherweise eine gewaltige Epidemie mit Hunderttausenden von Toten bevorstand, schwer zu schaffen. Zum Glück haben sich diese Befürchtungen nicht bewahrheitet, und die Gefahr wird mit jedem Jahr geringer.

Bis heute sind rund 160 Menschen an der neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit gestorben. Für jeden Einzelnen und für seine Angehörigen ist dies eine schreckliche Tragödie, die sich hätte vermeiden lassen. Die Ausmasse sind jedoch weit geringer als bei zahlreichen anderen Krankheiten.

swissinfo: Es gibt aber noch viele Unbekannte in Bezug auf die Inkubationszeit zwischen der Übertragung der Prionen und dem Krankheitsausbruch?



A.A.: Das ist richtig: Vorsicht ist nach wie vor am Platz. Die Inkubationszeit kann 20, 30 oder sogar 40 Jahre betragen. Wir kennen zwar die Zahl der Opfer, doch wie viele Menschen sich angesteckt haben oder gesunde Träger sind, wissen wir nicht.

Zum Glück ist die Krankheit nicht wie Aids sexuell übertragbar. Kopfzerbrechen bereiten uns jedoch die Transfusionen mit dem Blut gesunder Träger. So haben wir im Blut von Spendern, die zum Zeitpunkt der Blutspende noch gesund waren, infektiöse Prionen gefunden.

In unserem Institut werden deshalb Tausende von Proben mit Lymphgewebe zum Beispiel aus den Mandeln oder der Milz analysiert mit dem Ziel, die Prionen aufzuspüren und die Häufigkeit, mit der in der Bevölkerung Infektionen auftreten, zu erfassen.

swissinfo: Besteht für den Fall einer Masseninfektion die Hoffnung, dass der Ausbruch der Krankheit verhindert werden kann? Indem zum Beispiel die Wirkung der Prionen auf das Gehirn unterbunden wird?



A.A.: Es gibt noch zahlreiche offene Fragen, auf die unser Institut Antworten sucht. So wissen wir nicht, wozu Prionen überhaupt dienen, welche Moleküle an ihrer Vermehrung beteiligt sind und welche Mechanismen dafür verantwortlich sind, dass die infektiösen Prionen das Gehirn schädigen können.

Hingegen wissen wir schon recht genau, wie die Prionen vom Verdauungstrakt ins Gehirn gelangen. Zudem ist es uns gelungen, ein kleines Arsenal an pharmazeutischen Substanzen zu entwickeln, die diesen Transport blockieren.

Das Problem ist nur: Wie finden wir heraus, wer sich wann infiziert hat? Wir arbeiten deshalb an der Entwicklung diagnostischer Instrumente, um die Übertragung pathogener Prionen auf den Menschen raschmöglichst zu erfassen.

swissinfo: Sie haben in verschiedenen Ländern studiert und geforscht, auch im Ausland diverse Preise gewonnen und mit Wissenschaftern aus aller Welt zusammengearbeitet. Wie sehen Sie den Forschungsplatz Schweiz im internationalen Vergleich?

A.A.: Die Schweiz nimmt im Bereich der Molekularbiologie, der Immunologie und der neurologischen Disziplinen eine Spitzenposition ein. Das zeigen auch die Nobelpreise, so etwa an Rolf Zinkernagel oder Kurt Wüthrich.

Ich sehe jedoch Wolken am Horizont. Seit einigen Jahren verabschieden Bund und Kantone immer wieder Sparprogramme, die auch Bereiche wie die Wissenschaft, die über keine eigene Lobby verfügt, in Mitleidenschaft ziehen.

Meiner Meinung nach eine äusserst riskante Entwicklung. Die Förderung von geistigem Eigentum, die Patententwicklung sowie die wissenschaftliche und technologische Forschung sind für die Schweiz die einzige Möglichkeit, ihren Wohlstand beizubehalten.

Sparmassnahmen, die heute eine Kürzung der Forschungsgelder nach sich ziehen, werden sich in drei oder vier Jahren als kostspieliger Bumerang erweisen.

swissinfo-Interview, Armando Mombelli
(Aus dem Italienischen: Maya Im Hof)

Fakten

Der Rinderwahnsinn – Bovine Spongiforme Encephalopathie (BSE) – wird durch Futter ausgelöst, das Tiermehl enthält.

Seit 1990 wurden weltweit rund 200'000 BSE-Fälle registriert, über 190'000 allein in Grossbritannien.

Die Schweiz, die mit über 450 Fällen zu den am stärksten betroffenen Ländern gehört, hat in den letzten zehn Jahren eine Reihe von Massnahmen getroffen, um ein Ausbreiten der Epidemie zu verhindern.

End of insertion

In Kürze

Adriano Aguzzi – er kam 1960 in Italien zur Welt – studierte in Deutschland, der Schweiz, den Vereinigten Staaten und Österreich Medizin und Biologie.
Er arbeitet seit 1993 an der Universität Zürich und übernahm 2004 die Leitung des Instituts für Neuropathologie.
Adriano Aguzzi erhielt in den letzten Jahren für seine Prionenforschung mehrere international renommierte Preise, darunter 2003 den Robert-Koch-Preis und 2004 den Marcel-Benoist-Preis.

End of insertion

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Webseite importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@swissinfo.ch

Diesen Artikel teilen