Pflege-Notstand in der Schweiz

Hebammen-Sprechstunde mal anders: Situation während des Streiks im Kantonsspital Aarau am 13. März 2001. Keystone

Das Berner Gesundheits-Personal streikt am Mittwoch (09.05.). Es fordert eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Ähnlich gespannt wie in Bern ist die Stimmung auch in anderen Kantonen.

Dieser Inhalt wurde am 09. Mai 2001 - 08:02 publiziert

Emergency Room, Schwarzwaldklinik und Schwester Stefanie - wer sich seine Vorstellung der Pflegeberufe auf der Basis dieser TV-Serien zusammenschustert, ist reichlich schlecht beraten. Denn: Der Berufsalltag etwa einer Krankenschwester besteht in der Realität keineswegs aus einer Aneinanderreihung von zu Herzen gehenden Begegnungen, bittersüssen Liebesgeschichten und atemberaubender Action.

Altbekannte Forderungen

Vielmehr ertönen aus den Reihen des Gesundheits-Personals seit Jahren beinahe unverändert kritische Stimmen, welche anprangern, im Gesundheitswesen finde ein Qualitäts-, Stellen-, Ausbildungs- und Lohnabbau statt. Wenig neu ist auch die Klage, im Bereich der Spitalpflege habe in den letzten Jahren eine unheilvolle "Massenabfertigung" den direkten Kontakt von Mensch zu Mensch ersetzt.

Die beklagte Entwicklung im Gesundheitsbereich hat nicht nur für die Patienten negative Konsequenzen, auch das Pflegepersonal leidet. Wie Annemarie Kesselring, Extra-Ordinaria für Pflegewissenschaft an der Universität Basel gegenüber swissinfo versicherte, führe dies auf Seiten der Pflegenden zunehmend zu "Burn out", Resignation und Berufsausstieg.

Berner machen mobil

Besonders laut zu vernehmen sind derzeit die Protestrufe des Gesundheits-Personals im Kanton Bern. Am 14. November 2000 legten die Berner Pflegenden eine so genannte "Stresspause" ein, um auf ihre Forderungen aufmerksam zu machen: Voller Teuerungsausgleich, 1,5 Prozent mehr Lohn und mehr Personal, um eine qualitativ zufriedenstellende Pflege zu gewährleisten.

Der Berner Regierungsrat reagierte prompt: Schon zehn Tage nach der "Stresspause" kündigte er eine Verbesserung der Arbeits-Situation im Pflegebereich an. Vor etwas mehr als einer Woche präsentierte die Regierung das versprochene Massnahmenpaket. Es umfasst nicht weniger als zwölf Punkte und sieht unter anderem vor, die Löhne in den Regional- und Bezirksspitälern anzuheben und allen Pflegenden während 18 Monaten rückwirkend eine Zulage von 150 bis 200 Franken auszurichten. Für die Unterstützungs-Massnahmen sollen im laufenden Jahr 35 Mio. Franken und ab 2002 80 Mio. Franken eingesetzt werden.

Man will mehr

Die präsentierten Vorschläge gehen den Personalverbänden jedoch zu wenig weit. Sie halten deshalb am bereits vorher angekündigten Streik- und Aktionstag vom 9. Mai fest. Laut einem Communiqué des Schweizer Berufsverbandes der Krankenschwestern und Krankenpfleger (SBK) habe der Regierungsrat zwar "endlich eine Schmerzspritze aufgezogen, um dem Patienten Gesundheitswesen Erleichterung zu verschaffen." Eine "Heilung" könne so jedoch nicht erreicht werden.

Um die Attraktivität des Berufes wieder anzuheben, müssen laut Communiqué die Saläre an das Gehaltsniveau des Kantonspersonals bei den öffentlich subventionierten Institutionen angepasst werden. Ferner würden Praxisjahre noch immer nicht angerechnet, und schliesslich verletzten die Löhne den Verfassungs-Artikel "gleicher Lohn für gleiche Arbeit".

Kontraproduktiver Effekt?

Gefährdet das Gesundheits-Personal durch den Streik nicht die regierungsrätlichen Vorschläge, zumal diese - zumindest teilweise - noch vom Grossen Rat abgesegnet werden müssen? Nein, meint Bettina Dauwalder, Sekretärin der Berner Sektion des Schweizerischen Verbandes des Personals öffentlicher Dienste (vpod) auf Anfrage von swissinfo und gibt sich kämpferisch: Man erwarte, dass der Grosse Rat das Paket des Regierungsrates bewillige und nachbessere. Ansonsten gebe die Basis keine Ruhe.

Gesamtschweizerisches Phänomen

Unzufriedenheit mit der Situation im Gesundheits-Bereich herrscht nicht nur im Kanton Bern. Auch in anderen Kantonen ertönt in der jüngeren Vergangenheit zunehmend Protest gegen die Zustände in Spitälern und Heimen.

Neben Solothurn, Luzern und Aargau machte vor allem der Kanton Zürich von sich reden: Dort setzte das Pflegepersonal im Januar vor dem Verwaltungsgericht eine Erhöhung um zwei Lohnstufen durch. Damit ist der Kanton Zürich verpflichtet, dem Pflegepersonal rund 200 Mio. Franken nachzuzahlen.

Notwendige Massnahmen

Tatsächlich ist der Pflegenotstand kein kantonales sondern vielmehr ein nationales Phänomen. Uni-Dozentin Annemarie Kesselring geht gar davon aus, dass die derzeitigen Proteste in der Schweiz Ausdruck einer übernationalen Strukturkrise sind.

Um dem Problem nachhaltig zu begegnen empfiehlt Kesselring drei Massnahmen: Erstens seien - als notwendige Geste der Wertschätzung - die Löhne zu erhöhen. Zweitens müssten die Arbeitsbedingungen so verändert werden, dass weniger Stress herrsche und die Pflegenden ihr "Kerngeschäft", den zwischenmenschlichen Kontakt, wieder vermehrt pflegen könnten. Drittens empfiehlt Kesselring, die Ausbildungs-Lehrgänge für den Pflegebereich zu verbessern. Nur eine Ausbildung, die der grossen Verantwortung von Gesundheits-Berufen Rechnung trage, erlaube es, auch in Zukunft junge Menschen für einen Pflegeberuf zu gewinnen.

Felix Münger

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