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Pharmabranche will Ärzte nicht mehr "bestechen"

Gratisreisen für Ärzte und Aufenthalte an beliebten Ferienorten soll es künftig nicht mehr geben.

(Keystone)

Die Schweizer Pharmaindustrie will aufhören, Ärzte zu beschenken, um die eigenen Produkte zu promoten: Anfang Jahr ist ein so genannter "Pharmakodex" in Kraft getreten.

Bereits 70 Prozent der Pharmaunternehmen haben die neuen Verhaltensregeln unterzeichnet.

Um die Konkurrenz auszustechen, umgarnten Pharmaunternehmen ihre Kunden mit teilweise bestechungsähnlichen Methoden. Nicht selten wurden Ärzte gratis an spezielle Informationskongresse eingeladen - meist in beliebten Ferienregionen.

Solche Praktiken soll der Verhaltenskodex der Pharmazeutischen Industrie in der Schweiz ("Pharmakodex") in Zukunft verhindern.

Schluss mit Gratisreisen

Der Kodex enthält unter anderem Regeln für Werbe- und Weiterbildungs-Veranstaltungen. Laut Dieter Grauer, stellvertretender Direktor der Schweizerischen Gesellschaft für die Chemische Industrie (SGCI), müssen die Teilnehmer künftig einen angemessenen Beitrag an die Kosten selber tragen.

Wie hoch der Beitrag sein soll, müsse im Einzelfall entschieden werden, erklärt Grauer. Als Prinzip gelte, dass Interessenkonflikte vermieden und therapeutische Entscheide nicht von finanziellen Anreizen beeinflusst werden sollten.

Auch Reise- und Hotelkosten, die mit der Veranstaltung inhaltlich nichts zu tun haben, dürfen gemäss den neuen Regeln vom Pharmahersteller nicht bezahlt werden. Begleitpersonen müssen ihre Kosten selber übernehmen.

Imagepflege

"Der neue Kodex soll die Pharmaindustrie vor Interessenkonflikten bewahren", sagt Grauer gegenüber swissinfo. "Wir haben ein Interesse daran, die Unternehmen vor illegalen Handlungen zu schützen. Denn die Medien haben ein scharfes Auge auf Bestechungs-Praktiken. Und immer mehr Ärzte und Pharmabetriebe wollen nicht mehr damit in Verbindung gebracht werden."

"Natürlich dient der neue Kodex zur Imagepflege der Pharmaindustrie. Auf der anderen Seite ist er aber ganz klar ein Mittel zur Verhinderungen von Missbräuchen", so Grauer weiter.

Fachwerbung längst geregelt

Gemäss dem neuen Kodex unterzieht sich die Pharmabranche Einschränkungen beim Sponsoring von klinischen Versuchen mit Arzneimitteln. Die Resultate von Studien müssen veröffentlicht und der Sponsor namentlich genannt werden.

Laut Grauer existiert der Pharmakodex seit 1969, enthielt bisher aber nur Vorschriften über die Fachwerbung. Dieser Teil sei nun erweitert worden, weil die Ärzteschaft ihrerseits einen neuen Kodex erlassen habe.

Bereits 70 Prozent der in der Schweiz tätigen Pharmaunternehmen hätten das Regelwerk unterzeichnet, sagt der SGCI-Vizedirektor, "so auch Novartis und Roche". Auch ausländische Pharmakonzerne, die Filialen in der Schweiz haben, hätten unterzeichnet. Grauer erwartet, dass in den kommenden Tagen fast 100 Prozent der Schweizer Pharmaunternehmen unterzeichnen werden.

Heilmittelgesetz war ein erster Schritt

Der öffentliche Druck auf die gefährliche Liebschaft der Ärzte mit der Pharmaindustrie hatte vor zwei Jahren zu einem neuen Heilmittelgesetz des Bundes geführt. Es verbietet Personen, die Arzneimittel verschreiben oder abgeben, "geldwerte Vorteile" anzunehmen, ausser sie seien von "bescheidenem Wert".

Bei Zuwiderhandlungen drohen Bussen bis zu 100'000 Franken oder gar Haft. Swissmedic, das Schweizerische Heilmittelinstitut, erhielt vom Bund den Auftrag, das Gesetz zu vollziehen und Zuwiderhandlungen zu ahnden.

Solche Fälle habe es seither schon gegeben, sagt Swissmedic-Pressesprecherin Nicole Wyss gegenüber swissinfo. "Von Firmen- wie von Ärzteseite her", präzisiert sie. "Die Zuwiderhandlungen werden meist mit Warnungen an die Fehlbaren taxiert."

"Pharmakodex" allgemein begrüsst

Laut Nicole Wyss begrüsst Swissmedic den neuen "Pharmakodex". Die gleiche Reaktion kommt von der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW), die eine grössere Transparenz in den Beziehungen zwischen der Pharmaindustrie und der Ärzteschaft gefordert hatte.

"Wir begrüssen den neuen Kodex der Pharmaindustrie sehr", sagt SAMW-Präsident Werner Stauffacher gegenüber swissinfo. Allerdings sei die Pharmaindustrie nicht allein an allem schuld gewesen, betont er.

"Die Ärzte waren vielleicht sogar die Hauptschuldigen. Einige von ihnen erwarteten nicht nur Angebote von der Pharmaindustrie, sondern auch Geschenke wie Prothesen oder Apparate von anderen Unternehmen."

Laut Stauffacher intervenierte die SAMW schon mehrmals bei Ärzten oder Firmen wegen unethischer Praktiken. Die Akademie wollte wissen, wie ihre Interventionen von der Ärzteschaft aufgenommen wurden und machte deshalb eine Umfrage. Ergebnis: Ein Drittel fand sie positiv, ein Drittel zu wenig streng und ein Drittel zu hart.

Auch die Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH) setzt sich für mehr Transparenz in dem Bereich ein. Laut FMH-Pressesprecher Reto Steiner hat sich die Organisation deshalb stark gemacht für das neue Heilmittelgesetz von 2002.

"Wir sind aber ganz klar für eine enge Zusammenarbeit zwischen Medizin und Pharmaindustrie", sagt Steiner gegenüber swsissinfo. "Die medizinische Forschung in der Schweiz wäre ohne die finanzielle Unterstützung der Pharma-Konzerne nicht möglich."

"Aber wir dürfen niemals dulden, dass sich Ärzte kaufen lassen für die Promotion von Heilmitteln", betont Steiner.

swissinfo und Agenturen

Fakten

1.1.2004: Verhaltenskodex der pharmazeutischen Industrie der Schweiz

1.1.2002: Heilmittelgesetz: Bei Zuwiderhandlungen drohen Bussen bis zu 100'000 Fr. oder Haft

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In Kürze

Seit dem 1. Januar 2004 gilt der neue Verhaltenskodex der pharmazeutischen Industrie in der Schweiz ("Pharmakodex"). Er ersetzt den bisherigen Pharma-Fachwerbungs-Kodex (PFK).

Neben der Fachwerbung für Arzneimittel regelt der Pharmakodex neu auch die Beziehungen der Pharmaunternehmen zu Ärzten und Apothekern, und zwar bei Veranstaltungen zur Fort- und Weiterbildung sowie bei der klinischen Arzneimittelforschung.

Verschiedene Ärzteorganisationen sowie das Schweizerische Heilmittelinstitut Swissmedic begrüssen den neuen Kodex der Pharmaindustrie.

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