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Politik, Kultur und Schiessbudenzauber

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"Ménage: Kultur und Politik zu Tisch", so der Titel eines Diskussionsforums, das zum Nachdenken über dieses schwierige Verhältnis anregen soll. Die von der Kulturstiftung Pro Helvetia initiierte und in Neuenburg als Jahrmarkt lancierte Ausstellung heisst "Helvetia Park".

Dieser Inhalt wurde am 08. September 2009 - 16:49 publiziert

Die Könige hatten ihre Hofnarren, die sich alles erlauben konnten – zumindest fast: manchmal wurden sie auch gewaltsam zum Schweigen gebracht.

Alle Staaten sind stolz auf ihre Kultur, Subventionen fliessen mal grosszügiger, mal zurückhaltender.

Die Künstler freuen sich über die segensreiche Gabe. Doch nicht selten lieben sie es, die Hand zu beissen, die sie füttert.

Man erinnert sich an die Affäre um Thomas Hirschhorn, der im "Centre culturel suisse" in Paris mit einer Installation das Schweizer Parlament dermassen irritierte, dass dieses kurzerhand das Budget der Kulturstiftung Pro Helvetia, die Institution, die das Schweizer Kulturschaffen hier und im Ausland fördert, empfindlich kürzte.

Die Pro Helvetia kommentiert nun die Affäre Hirschhorn auf ihre Art. Sie stellt das seltsame, manchmal turbulente Verhältnis von Politik und Kultur auf den Prüfstand – "je t'aime moi non plus" lässt von Ferne grüssen.

Eine alte Debatte

Ein weiterer Bezug zur Aktualität ist eine Debatte im Eidgenössischen Parlament am 9. September. Das Gesetz zur Kulturförderung, ein Dauerbrenner, wird einmal mehr diskutiert.

"Unser Vorstoss soll die Debatte vorantreiben, und zwar an allen Fronten. Die politische Diskussion über das Gesetz wird sich bald erschöpfen, während unsere Ausstellung noch andauern wird", so Pius Knüsel, Direktor der Pro Helvetia.

"Es geht darum, die Grundsatzdebatte auf allen Ebenen am Laufen zu halten. Denn auf Gemeinde- , Kantons- wie auf Bundesebene kommt es zu Diskussionen und Problemen."

Worin besteht also diese "Plattform"? Da ist einmal die Wanderausstellung "Helvetia Park". Parallel dazu werden in verschiedenen Schweizer Städten Debatten organisiert, umrahmt von künstlerischen Beiträgen.

Das Ethnographische Museum in Neuenberg, ein Haus mit Mut zum Unkonventionellen, machte letzten Samstag den Anfang. Es hatte die schwierige Aufgabe, dieses vielschichtige Thema in Szene zu setzen.

"Helvetia Park"

Der Jahrmarkt bietet elf Attraktionen, alle im Massstab 1:1, mit Ausnahme der Putschautos. Der dazu benötigte Erweiterungsbau des Museums wäre in diesen Krisenzeiten wohl kaum goutiert worden.

Kulturelle Karambolagen in allen Formen und Farben sind unvermeidlich. Ich, du wir – kurz, das Publikum – dient als Schiessbudenfigur und gerät, von medialem Getöse begleitet, ins Visier des kulturellen Marketings. Ob traditionelle Fasnacht oder modernes Festival, der Kulturkalender zieht auf einem bunten Karussell an uns vorbei.

Ein Guckkastenkino widmet sich dem Schweizer Filmschaffen und zählt bloss drei Plätze. Die helvetischen Filmschaffenden werden diese Anspielung zu deuten wissen. Eine Freakshow, wie zu Zeiten von "Elephant Man", erinnert an den schmalen Grat zwischen Normalität und Monstrosität.

Und in der Geisterbahn tauchen alle kulturpolitischen Skandale vergangener Jahre auf: die Affäre Hirschhorn, der Auftritt der estnischen Gruppe Vanilla Ninja für die Schweiz am Eurovision Song Contest oder der "Der Rückzug von Marignano" in einer Horrorinszenierung, frei nach Hodler.

Metapher

"Unser Ausgangspunkt war die Idee, wie man das Gärtchendenken in kulturellen Fragen abbauen könnte", erklärt Marc-Olivier Gonseth, Direktor des Museums.

"Wir suchten eine Metapher für eine offene, allgegenwärtige Kultur. Was keineswegs heisst, Kultur sei überall gleich, vielmehr soll sie etwas aussagen und das Leben bereichern. Es gibt keine Nivellierung, aber eine Wechselwirkung."

Die Ausstellung ist ein reines Vergnügen. Kühne Brüche, geniale Verwirrspiele. Wird aber das schwierige Verhältnis zwischen Politik und Kultur mit diesem konzeptuellen Anspruch nicht zu einem schwer zu durchschauenden Spiel? Davon zeugen all die Schrifttafeln, die wortreich das Verhältnis der Installation zum Problem erhellen sollen.

"Sobald sie sich in einer Ausstellung auf die gezeigten Objekte einlassen, schwindet das Unverständnis", antwortet Marc-Olivier Gonseth. "Es ist klar, dass wir Macher einen gewissen Vorsprung haben, wir haben ja fast eineinhalb Jahre daran gearbeitet. Doch die Art und Weise, wie wir gespeichertes Wissen weitergeben möchten, ist leicht zugänglich."

Kultur unterwegs

An wen richtet sich die Ausstellung wirklich? "Wir wollen zwei Arten von Publikum ansprechen", erklärt Pius Knüsel. "Das eine sind alle Entscheidungsträger und Verwalter in Sachen Kulturpolitik, das andere sind Bürgerinnen und Bürger, die wissen möchten, warum die eigene Stadt oder der Kanton diese oder jene Art von Kulturpolitik betreibt. Dazu gesellen sich die Schulen. Wir ermöglichen Kindern und Jugendlichen einen Zugang zu einem Thema, worüber in den Schulstuben kaum je gesprochen wird."

"Helvetia Park" wurde in Modulen konzipiert, so kann sie in der ganzen Schweiz als Wanderausstellung gezeigt werden. Nach Neuenburg reist sie nach St. Gallen, Bellinzona, Aarau.

Mit andern Städten wie Delsberg, Sitten, Nyon, Bern steht man in Verhandlungen. An jedem Ort wird der Jahrmarkt von verschiedenen Veranstaltungen umrahmt.

Am 5. September fand in Neuenburg im Schloss eine Debatte statt mit dem Titel "Sonderfall Kultur in Zeiten der Wirtschaftskrisen".

Weiter konnte man im Beisein Seiner Majestät, König Helvetus IV, Gartenzwerge über die Alpen werfen. Sie wussten nicht, dass die Schweiz einen König hat? Oberst Gaddafi übrigens auch nicht, er hat ihn bislang jedenfalls noch nicht in Tripolis empfangen.

Bernard Léchot, Neuenburg, swissinfo.ch
(Übertragen aus dem Französischen: Christine Fuhrer)

"Ménage" - Wanderausstellung

Gesetz: Parallel zur Debatte über das erste Gesetz zur Kulturförderung eröffnet Pro Helvetia eine Diskussionsplattform zu der oft etwas schwierigen Beziehung zwischen Politik und Kultur.

Ausstellungsdauer: Von 2009 bis 2011 wird mit dem Programm "Ménage – Kultur und Politik zu Tisch" mit den Kantonen, Städten und interessierten Museen zur kulturpolitischen Frage Bilanz gezogen.

Jahrmarkt: Im Zentrum des Programms steht die Wanderausstellung "Helvetia Park", konzipiert vom Ethnographischen Museum Neuenburg.

Debatten: Im Lauf der nächsten zwei Jahre werden rund um "Helvetia Park" Debatten durchgeführt und künstlerische Beiträge in verschiedenen Schweizer Städten gezeigt.

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Die Etappen

Neuenburg
Ethnographisches Museum, vom 5. September 2009 bis zum 16. Mai 2010.

St. Gallen
Völkerkundemuseum, vom 18. Juni 2010 bis zum 5. September 2010.

Bellinzona
Castelgrande, Villa dei Cedri, vom 1. Oktober 2010 bis zum 9. Januar 2011.

Aarau
Forum Schlossplatz, vom 18. Februar 2011 bis zum 1. Mai 2011.

Fortsetzung folgt...
Weitere Orte sind im Gespräch

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Kultur & Politik

2'500'000'000: In der Schweiz werden von der öffentlichen Hand rund 2.5 Mrd. Fr. für die Kulturförderung ausgegeben.

Kantone und Gemeinden: Die wichtigsten öffentlichen Gelder für die Kulturförderung kommen von den Kantonen und Städten. Der Beitrag der Städte und Gemeinden beläuft sich auf rund 1 Mrd. Fr. (42,7%); die Kantone sprechen ungefähr den gleichen Betrag (43,2%).

Bund: Nur rund 14% der öffentlichen Gelder für die Kultur kommen vom Bund.

BAK & Pro Helvetia: Innerhalb der Schweiz teilen sich zwei Institutionen in die Aufgabe der Kulturförderung: das Bundesamt für Kultur (BAK) und die schweizerische Kulturstiftung Pro Helvetia.

Über die Landesgrenzen hinaus: Neben den Aktivitäten von Pro Helvetia engagiert sich auch das Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) für die Verbreitung des schweizerischen Kulturschaffens.

'Präsenz Schweiz' ist zuständig für den Auftritt der Schweiz im Ausland, dazu gehört natürlich auch die Kultur.

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