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"Akademikerzorn stürzt falschen Doktor Guttenberg"



Deutschland verliert mit dem Rücktritt von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg seinen Superstar.

Deutschland verliert mit dem Rücktritt von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg seinen Superstar.

(Keystone)

Mit dem Rücktritt von Verteidigungsminister zu Guttenberg verliert die deutsche Kanzlerin Merkel ihren Star. Darin sind sich die Schweizer Zeitungen einig. Auch darüber, dass vor allem "Akademikerzorn" zum Ende des populären Ministers geführt hat.

"Copy, paste, delete", titelt die Basler Zeitung (und übernimmt damit undeklariert einen Titel von Spiegel Online), "Googlebergs Bruchlandung", heisst es in der Berner Zeitung, vom "Aufstand der Anständigen" spricht Der Bund aus Bern, die Neue Zürcher Zeitung fragt in grossen Lettern "Ende Gutt, alles gut?", und die Schlagzeile im Boulevardblatt Blick heisst kurz und bündig "Deutschland verliert den Superstar".

Vor zwei Wochen kam die Plagiatsaffäre um den deutschen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ins Rollen. Jetzt wurde der Druck zu gross: Guttenberg ist am Dienstag von allen politischen Ämtern zurückgetreten.

"Das vermeintliche Kavaliersdelikt hatte sich zur politischen Zeitbombe ausgewachsen, die auch für die Bundeskanzlerin, das Kabinett und die Union zur ernsthaften Hypothek wurde", kommentiert die Berner Zeitung. "Das Zugpferd Guttenberg war über sich selber gestolpert. Da blieb nur noch die Bruchlandung."

"Abgekupfert, bis aller Glanz weg war"

Das ist das Fazit der Basler Zeitung, die schreibt, der "Akademikerzorn" habe den falschen Doktor Guttenberg gestürzt. Er habe mit seinem Plagiat die akademische Elite vor den Kopf gestossen. "Jetzt zeigt sich: Auch Popularität schützt vor Rücktritt nicht."

Talent allein genüge nicht, schreibt die Neue Luzerner Zeitung und kommentiert: "Herr zu Guttenberg betonte bürgerliche Werte wie Ehre und Anstand. Er selber aber hat sie im Streben nach einem Doktortitel mit Füssen getreten.(…) Deshalb: Der Baron mag politisches Talent haben. Aber das kompensiert nicht Format."

"Der Freiherr und die Republik"

So lautet der Titel des Kommentars im Zürcher Tages Anzeiger. "Was für ein Abgang! Noch vor wenigen Wochen war Karl-Theodor zu Guttenberg der Superstar der deutschen Politik. Viele glaubten, hofften, er würde dereinst Angela Merkel beerben. Ein Kanzler in spe, noch keine 40 Jahre alt. Jetzt sind die Träume geplatzt wie ein Luftballon."

Der beliebteste Politiker des Landes habe ein bedenkliches Politikverständnis offenbart, schreibt der Tagi weiter. "Nach seiner Logik sind nicht Leistung und Rechtschaffenheit die entscheidenden Tugenden im öffentlichen Leben, sondern Auftritt, Glanz und Popularität."

Nicht eine neidische Opposition oder nörgelnde Journalisten hätten den Strahlemann zu Fall gebracht, "sondern eine Art Aufstand der Anständigen". Hunderte Professoren und Tausende Doktoranden hätten sich öffentlich über den "Copy-Paste-Minister" empört, und auch Guttenbergs Doktorvater habe sich von ihm distanziert.

"Sie alle zusammen haben Grosses vollbracht, sie haben gleichsam die Werteordnung der Republik wiederhergestellt. Schon deswegen war der gestrige Tag ein guter Tag für Deutschland", bilanziert der Tagi.

Lehren daraus ziehen

"Karl-Theodor zu Guttenberg ist von der Bühne abgetreten. Aber Politiker und Medien werden die Affäre um den CSU-Minister noch aufarbeiten müssen", kommentiert die Neue Zürcher Zeitung.

Die NZZ spricht von einer "bedrohten akademischen Kultur". Zuletzt sei es nicht nur um die Glaubwürdigkeit eines Kandidaten, sondern genauso um jene der akademischen Institutionen gegangen, und immer mehr habe sich die Wissenschaft gegen einen populistischen Grundton der Verachtung zur Wehr setzen müssen.

Fazit der NZZ: "Niemand in Deutschland sollte über Guttenbergs Abgang triumphieren. Aber Lehren müssen daraus gezogen werden. Je schneller, desto besser."

Keine Kommentare in der Westschweiz

In den Westschweizer Zeitungen ist der Rücktritt des deutschen Verteidigungsministers zwar ein Thema, kommentiert wird er allerdings nicht. Die Lausanner Zeitung 24heures betont, dass es vor allem "la colère universitaire" war, "der akademische Zorn", der Guttenberg zu Fall gebracht habe, und schickt den "Plagiats-Minister" – so die Freiburger Zeitung La Liberté – "zu seinen Studien zurück".

Für die Genfer Zeitung Le Temps geht Bundeskanzlerin Angela Merkel geschwächt aus der Krise hervor. Sie werde grosse Schwierigkeiten haben, den Verteidigungsminister zu ersetzen.

Le Temps zitiert dazu den Politologen Gero Neugebauer von der Freien Universität Berlin: "Guttenberg wird schwer zu ersetzen sein. Angela Merkel wird dessen Abwesenheit während der Wahlkampagne bedauern.(…) Seit Dienstag ist der Kampf um die Nachfolge von Merkel wieder offen."

Und die Tessiner Zeitung La Regione Ticino zielt in die gleiche Richtung: "Der 39-jährige bayerische Baron hat seiner treusten Anhängerin, Bundeskanzlerin Angela Merkel, die ihn bis zum Schluss verteidigt hat, einen schweren Schlag versetzt."

Universität Bayreuth klärt ab

Die Universität Bayreuth hat an Karl-Theodor zu Guttenberg appelliert, sich auch nach seinem Rücktritt vom Amt des Verteidigungsministers weiter an der Aufklärung der Plagiats-Affäre zu beteiligen.

"Denn der Rücktritt hat nichts daran geändert, dass die Arbeit der Kommission zur Selbstkontrolle in der Wissenschaft an der Universität Bayreuth unabdingbar bleibt", sagte Hochschulpräsident Rüdiger Bormann laut einer Mitteilung vom Dienstag.

Die Leitung der Universität und die Kommission setzten darauf, dass Guttenberg seine Ankündigung, er wolle sich an der Aufklärung der gegen ihn erhobenen Vorwürfe beteiligen, in die Tat umsetzt.

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