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"Gaddafis Aufruf zum 'Jihad' ist eine Frage der Ehre"



Gaddafi holt einmal mehr zum Rundumschlag auf die Schweiz aus.

Gaddafi holt einmal mehr zum Rundumschlag auf die Schweiz aus.

(Keystone)

Mit dem Aufruf zum "Heiligen Krieg" gegen die Schweiz versucht der libysche Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi vergebens, bei der muslimischen Welt zu punkten, sagt Reinhard Schulze, Professor für Islamwissenschaft an der Universität Bern.

Muammar al-Gaddafi hat am Donnerstag bei einer Rede in der libyschen Küstenstadt Benghazi anlässlich des Geburtstags des Propheten Mohammed zum "Jihad" gegen die Schweiz aufgerufen.

Die Schweiz zerstöre mit ihrem Minarett-Verbot "die Häuser Allahs", so der libysche Revolutionsführer. Er bezeichnete die Schweiz als "abtrünnig". Jeder Muslim, der mit der Schweiz Geschäfte mache, sei ein "Ungläubiger", der sich gegen den Islam stelle, so Gaddafi.

Was bedeutet diese Rede? Und welchen Einfluss auf die muslimische Welt hat sie?

swissinfo.ch: Weshalb lancierte Muammar al Gaddafi seinen Aufruf zum "Jihad" gerade jetzt, Monate nach der Minarett-Abstimmung in der Schweiz?

Reinhard Schulze: Ich denke, der Hauptgrund dafür ist, dass sich Gaddafi an ein islamisches und nicht an ein europäisches Publikum richtet.

Er möchte in der islamischen Welt die Rolle eines islamischen Führers einnehmen. Deshalb benutzte er den Geburtstag des Propheten Mohammed für seine Rede. Laut Medienberichten versammelten sich rund 90 Delegationen aus 90 Ländern in Benghasi.

Gaddafi nimmt Themen auf, die scheinbar in der islamischen Welt diskutiert werden, und macht daraus eine Frage der Ehre. Deshalb zielte er vor allem auf die Schweiz ab.

swissinfo.ch: Es gibt Islam-Experten, die sagen, dass Gaddafi aus religiöser Sicht gar nicht berechtigt ist, zum "Jihad" aufzurufen.

R.S.: Von einem rechtlichen und traditionellen Gesichtspunkt aus, ist er als politischer Führer nicht dazu berechtigt. Nur islamische Gelehrte können das tun.

swissinfo.ch: Welches Gewicht hat Gaddafis Aufruf in der arabischen Welt?

R.S.: Überhaupt keines. Die meisten muslimischen Führer betrachten ihn als "schwarzes Schaf". Sie haben sich an Gaddafis Rhetorik gewöhnt. Er hat schon oft über den "Heiligen Krieg" geredet, über Ehre und Widerstand. Niemand nimmt den Appell sehr ernst.

swissinfo.ch: Wie sollte die Schweiz darauf reagieren und was bedeutet es für das Land?

R.S.: Gaddafi hat die Schweiz in dieser Beziehung nicht direkt angesprochen oder die Verhandlungen zwischen der Europäischen Union und Libyen als Forum für seine Angriffe benutzt. Deshalb sollte sich die Schweizer Regierung sagen, "das ist Teil seines islamischen Spiels und nicht Teil des diplomatischen Konflikts".

swissinfo.ch: Mit anderen Worten, die Schweiz sollte den Aufruf nicht ernst nehmen?

R.S.: Nicht ernst in dem Sinn, dass es als Angriff gegen die Schweiz gemeint wäre.

swissinfo.ch: Fühlt sich Gaddafi wegen der Verhaftung seines Sohnes in Genf immer noch in seiner Ehre verletzt?

R.S.: Es ist einmal mehr eine Frage des Zorns, der Ehre, der Familienehre. Das ist nicht gelöst.

Aus Gaddafis Sicht hat sich die Schweiz dieser Frage, die für das libysche System so bedeutend ist, nicht wirklich angenommen, sondern lediglich auf diplomatischer und politischer Ebene gehandelt.

swissinfo.ch: Ist diese jüngste Entwicklung ein Indiz dafür, dass sich die Krise zuspitzt?

R.S.: Einerseits heizt es den Konflikt an, weil den internen politischen Institutionen die Hände gebunden sind. Diese befinden sich nicht in einer unabhängigen Position, zum Beispiel auch in Bezug auf Max Göldi.

Sie müssen mit der Rhetorik von Gaddafi zurechtkommen und eine Lösung finden. Einerseits, um den bilateralen Verhandlungen zwischen der Schweiz und Libyen eine Chance zur Beruhigung zu geben. Andererseits müssen sie ihrem Führer dienen, der soeben zum "Heiligen Krieg" aufgerufen hat.

Für sie ist die Lage sehr kompliziert geworden.

swissinfo.ch: Schneidet sich Gaddafi mit diesem Aufruf nicht ins eigene Fleisch? Macht er damit andere Wirtschaftspartner nicht kopfscheu, so dass sie es sich zweimal überlegen werden, mit Libyen Geschäfte zu machen?

R.S.: Natürlich, ich denke, dass Geschäftspartner darüber nachdenken werden. Die internationalen Wirtschaftsbeziehungen Libyens befinden sich derzeit in einer sehr ungewissen Situation.

Die Geschäftspartner fragen sich, ob sie im libyschen System einen verlässlichen Partner haben. Und niemand weiss genau, was geschehen wird.

Jessica Dacey, swissinfo.ch
(Übertragung aus dem Englischen: Peter Siegenthaler und Corinne Buchser)

UNO: "untragbar"

Die erklärten Absichten des libyschen Staatschefs Gaddafi sind untragbar. Das sagte UNO-Generaldirektor Sergei Ordzhonikidze am Freitag in Genf.

"Solche Erklärungen aus dem Munde eines Staatschefs sind nicht hinnehmbar."

Er hoffe, dass "wir einen Angriff gegen die UNO-Gebäude verhindern können", sollte es zu einer solchen Bedrohung kommen, sagte die Nummer eins der Vereinten Nationen in Genf.

Zudem widersprach Ordzhonikidze Gerüchten, wonach Libyen den europäischen Sitz der UNO von Genf in ein anderes Land verlegen wolle. Er habe nie ein offizielles Schreiben aus Tripolis mit diesem Inhalt erhalten, sagte er.

Ban Ki Moon Stellung
zu der Affäre bezogen. Der UNO-Generalsekretär finde es "schade",
dass der Streit zwischen der Schweiz und Libyen derart eskaliert
sei, sagte ein Sprecher.

UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon sagte, er finde es "schade", dass der Streit zwischen der Schweiz und Libyen derart eskaliert sei.

Ban Ki Moon glaube stark daran, dass die Meinungsverschiedenheiten friedlich und im Dialog gelöst werden müssten", sagte ein Sprecher.

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Libysches Öl für die Schweiz

Im Januar floss libysches Öl im Wert von rund 70 Mio. Franken in Schweizer Raffinerien.

Bereits im Herbst 2008 hatte Muammar al-Gaddafi der Schweiz mit einem Boykott gedroht: Die Importe aus Libyen sanken im 2009 dann auch kräftig um rund 80% auf noch 718 Mio. Franken.

Dennoch gelangen immer noch libysche Güter in die Schweiz: Von September 2009 bis Januar 2010 betrugen die Importe jeden Monat mindestens 70 Mio. Franken - im Dezember beliefen sie sich gar 116 Mio. Franken, wie die Zahlen der Eidg. Zollverwaltung (EZV) zeigen.

Das Niveau vor dem Boykottaufruf wird damit aber nicht erreicht: Im Januar 2008 hatte die Schweiz noch libysches Öl für rund 400 Mio. Franken eingeführt.

Libyen hat geschäftliche Interessen in der Schweiz: Tamoil Suisse mit seinen 350 Tankstellen und der Raffinerie in Collombey im Kanton Wallis gehört via eine niederländische Firma dem libyschen Staatsfonds.

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