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"Sein Tod beschleunigt Afghanistan-Rückzug nicht"

Der Tod Bin Ladens hat weltweit positive Reaktionen ausgelöst.

(Keystone)

Laut dem Schweizer Sicherheitsexperten Jacques Baud wird der Tod Bin Ladens nicht zwangsläufig zu einem Rückzug der ausländischen Streitkräfte aus Afghanistan führen. Baud, der zurzeit in New York lebt, ist Autor verschiedener Bücher über Terrorismus.

Bin Laden gilt als Drahtzieher der Terror-Anschläge vom 11. September 2001 in New York und Washington. Er wurde am vergangenen Sonntag von US-Spezialisten in Pakistan getötet.

swissinfo.ch: Wie würden sie die Atmosphäre in New York nach der Bekanntgabe des Todes von Bin Laden beschreiben?

Jacques Baud: Ausserhalb von Ground Zero war auf den Strassen nicht viel zu spüren. Im Fernsehen jedoch wurde das Ereignis als grosser Sieg gegen den Terrorismus gefeiert.

Interessant ist, dass nie bewiesen worden ist, dass Bin Laden effektiv der Urheber der Terroranschläge vom 9. September 2001 war. Es ist eine Vermutung, die zur Wahrheit geworden ist. Doch harte Beweise dafür fehlen. Es gibt auch hier Leute innerhalb der intellektuellen Gemeinschaft, die sich sehr zurückhaltend über seine persönliche Verwicklung in die Anschläge äussern.

Mit der Fokussierung auf eine einzelne Person sind die wirklichen Ursachen des Terrorismus in den Hintergrund getreten.

swissinfo.ch: Der Tod Bin Ladens fällt in eine Zeit, in der das Gewicht von Al-Kaida in der islamischen Welt abzunehmen scheint. Erleben wir nun das Ende von Al-Kaida?

J.B.: Eine internationale Terrororganisation Al-Kaida hat als solche nie existiert. Die USA haben der Organisation den Namen gegeben, um die Attentäter, die in den ersten Anschlag auf das World Trade Center im Jahre 1993 und andere Anschläge involviert waren, strafrechtlich verfolgen zu können.

Al-Kaida ist extrem facettenreich und nicht lediglich eine Organisation. Die Aktionen können ganz unterschiedliche Formen annehmen. Es gibt keinen Vordenker, der die Anschläge konzipiert. Die Anschläge werden von spontan entstandenen und temporär existierenden Gruppierungen verübt.

Seit sich der Afghanistan-Konflikt zu einem Guerilla-Krieg entwickelt hat, haben die Al-Kaida-Aktivitäten zwar abgenommen, jedoch nicht vollständig. Afghanistan und der Norden Pakistans haben zahlreiche so genannte Al-Kaida-Anhänger angezogen. Der Kampf ist immer noch da, aber er hat nicht mehr dieselbe Ausprägung wie vorher.

swissinfo.ch: Die USA warnen vor möglichen Racheakten. Wie lange wird Bin Laden ein Märtyrer bleiben?

J.B.: Sein Einfluss war in der letzten Zeit sehr klein. Der Westen allerdings hat seinen Mythos am Leben erhalten: Wir haben uns dermassen abgestrampelt und so viel Gewicht auf seine Person gelegt, dass er plötzlich etwas Wichtiges dargestellt hat.

Die Al-Kaida im Maghreb beispielweise hatte mit der Philosophie und der Ideologie von Bin Laden nichts zu tun. Sie benutzte Al-Kaida lediglich als Marke und änderte darum entsprechend ihren Namen. Auch andere Gruppierungen im Mittleren Osten sind ähnlich vorgegangen.

All-Kaida bleibt so lange ein wertvoller Name, als der Westen ihn benutzt.

swissinfo.ch: Die Kommando-Aktion gegen Laden stiess weltweit auf eine positive Resonanz. Wieso ging es so lange, bis es gelang, ihn dingfest zu machen?

J.B.: Da Bin Laden an keiner der jüngsten Terroraktivitäten beteiligt war, war es sehr schwierig, ihn zu finden. Eine erfolgreiche Überwachung setzt Spuren voraus. Terroristen, die sich still halten, hinterlassen keine Fussabdrücke.

Zudem war Laden wahrscheinlich von seinen besten Freunden umgeben. Deshalb ist es gelungen, seinen Aufenthaltsort über eine gewisse Zeit geheim zu halten.

Man hat ihn wahrscheinlich an den falschen Orten gesucht. Dasselbe Phänomen gibt es auch bei den italienischen Mafiabossen. Wir suchen sie überall auf dem Land und finden sie schliesslich in den grossen Städten.

swissinfo.ch: Wird der Tod Bin Ladens dazu führen, dass sich die USA vorzeitig aus Afghanistan zurückziehen werden?

J.B.: Ich glaube nicht. Sein Tod ist ein psychologischer Sieg. Er wird keinen Einfluss haben auf das, was in Afghanistan passiert.

Es bestehen ja Pläne für einen Abzug der US-Truppen auf Ende 2014. Sein Tod wird jenen Kräften im US-Kongress Auftrieb geben, die einen schnelleren Abzug befürworten. Ich sehe jedoch keinen Grund dafür, diesen Prozess zu beschleunigen.

Die Region ist extrem instabil, und ein Abzug ist vermutlich bedeutender als der Einmarsch. Ein schneller Abzug würde das Land zu sehr destabilisieren.

Jacques Baud

1955 geboren.

Studium der Wirtschafts-Wissenschaften an der Universität Genf.

Nach dem Studium arbeitete er bei den Vereinten Nationen in New York, wo er sich mit der Problematik der Personenminen beschäftigte.

Anschliessend betreute er Sicherheitscamps in Zaire.

Baud ist Oberst in der Schweizer Armee und war von 1983 bis 1990 für den Schweizer Geheimdienst tätig.

Er ist Autor mehrerer Bücher über Geheimdienste, darunter der Enzyklopädie über die Geheimdienste und der Enzyklopädie über den Terrorismus in Frankreich.

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(Übertragung aus dem Englischen: Andreas Keiser), swissinfo.ch


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