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Ägyptens politische Zukunft "Es gibt keinen idealen Kandidaten"

Der ägyptische Schriftsteller Esat al-Kamhawi erwartet in einem Jahr eine weitere Revolution in seinem Land.

Der ägyptische Schriftsteller Esat al-Kamhawi erwartet in einem Jahr eine weitere Revolution in seinem Land.

Die Wahlen in Ägypten beschäftigen auch den Schriftsteller Esat al-Kamhawi, der Gast an den Solothurner Literaturtagen war. Im Interview mit swissinfo.ch erzählt er von seinen Hoffnungen und Zweifeln für sein Heimatland.

swissinfo.ch: Während Sie hier in Solothurn lesen und diskutieren, wird in Ägypten erstmals in freier Wahl ein ägyptischer Präsident gewählt. Haben Sie Ihre Stimme bereits abgegeben?

Esat al-Kamhawi: Nein. Ich habe letztes Jahr über die Revolution geschrieben. Und jetzt schreibe ich über die Präsidentschaftswahlen. Aber ich selber nehme nicht aktiv daran teil.

swissinfo.ch: Warum nicht?

E. K.: Dafür gibt es zwei Gründe. Der erste ist administrativer Natur. Ich lebe im Ausland, in Qatar. Aber ausgerechnet in dem Zeitraum, in dem ich mich in Qatar für die Wahlen in Ägypten hätte anmelden müssen, war ich in Ägypten. Ausserdem hat die Website, auf der man sich ebenfalls hätte registrieren können, nicht funktioniert. Daher habe ich diesen Anmeldetermin verpasst und kann nun nicht wählen.

Es gibt aber noch einen anderen Grund für meine Abstinenz. Ich glaube nicht, dass diese Wahlen zu einer Beruhigung der Situation führen werden. Bei dieser Wahl wird nicht die Zukunft Ägyptens gestaltet, sondern bloss eine Übergangsphase.

swissinfo.ch: Wann wird denn die Zukunft Ägyptens gestaltet?

E.K.: Die Revolution vom 25. Januar 2011 war erst der Beginn einer lang andauernden Umwälzung. Ich erwarte etwa in einem Jahr eine weitere Revolution.

swissinfo.ch: Welcher Kandidat wäre der beste Übergangspräsident für diese Phase?

E.K.: Es gibt keinen idealen Kandidaten, weil das Militär über allem steht. Ich sehe zwei mögliche Szenarien für die nächste Zeit.

Wenn ein Kandidat des alten Regimes oder der Muslimbrüder gewinnt, wird sich die nächste Revolution gegen den Präsidenten und gegen das Militär wenden. Wenn einer der Revolutionskandidaten gewinnt, was allerdings unwahrscheinlich ist, und sich dieser neue Präsident auf die Seite des Volkes stellt, wird sich die Revolution gegen das Militär richten. Aber in jedem Fall gibt es in einem Jahr wieder eine Revolution.

swissinfo.ch: Wie sehen Sie das Erstarken der Muslimbrüder in Ägypten?

E.K.: Sie sind eine Gefahr für Ägypten. Aber die öffentliche Meinung hat sich in den letzten Monaten stark gegen sie gewandt. Denn sie haben mit dem Militär taktiert und ihre Versprechen mehrmals gebrochen. Es hat sich noch nichts geändert in Ägypten, ausser dass Hosni Mubarak nicht mehr in Scharm ash-Sheikh ist, sondern in einem Militärspital. Aber das alte System herrscht nach wie vor.

swissinfo.ch: Wie wichtig ist die neue Verfassung, die noch geschrieben werden muss?

E.K.: Wir stehen vor einer verfassungsrechtlichen Katastrophe. Die zivilgesellschaftlichen Institutionen haben von Anfang an gefordert, dass zuerst die Verfassung geschrieben und erst anschliessend ein neuer Präsident gewählt wird. Die Militärjunta und die Muslimbrüder haben dies verhindert, weil sie Angst hatten, dass unmittelbar nach der Revolution die neuen Kräfte versammelt und geeint sind und die Forderungen der Revolutionäre direkt in die Verfassung einfliessen würden.

Das bedeutet, dass wir jetzt zwar ein neues Parlament haben, aber es hat keine Rechtsgrundlage. Das ist eine unmögliche Situation. Tunesien ist einen besseren Weg gegangen, weil dort das Militär keine Eigeninteressen verfolgt hat wie in Ägypten.

swissinfo.ch: In den letzten Monaten gab es immer wieder Anklagen gegen liberale Medien- und Kulturschaffende wegen Verunglimpfung des Islam. Droht Ägypten ein islamischer Staat zu werden?

E.K.: Die Salafisten tun heute, was sie immer schon taten. Mubarak hat die Salafisten nur raffinierter benutzt als die Militärjunta dies heute tut. Die Salafisten haben schon früher protestiert gegen Filme oder Bücher, wenn sie das Gefühl hatten, sie widersprächen dem Islam. Dagegen haben wiederum die liberalen Intellektuellen protestiert. Mubarak hat diese beiden Kräfte gegeneinander ausgespielt.

Jetzt unter der Herrschaft des Militärs haben die Islamisten das Recht erhalten, auf der politischen Bühne offen zu agieren. Dies ist verfassungswidrig, weil sie sich nicht an die demokratischen Spielregeln halten.

swissinfo.ch: Inwiefern ist die Religion ein Problem für die Entwicklung Ägyptens?

E.K.: Wenn man Kopfweh hat, sollte man nicht einfach ein Panadol schlucken und zur Tagesordnung übergehen, sondern nach den Ursachen dafür forschen. Die Ursachen für die starke Präsenz der Religion in Ägypten liegen in der weit verbreiteten Armut und in der Diktatur. Wenn sich die wirtschaftliche Situation verbessert, wird auch die Bereitschaft steigen, neue und fortschrittliche Ideen anzunehmen.

Man darf nicht zuviel auf einmal erwarten. Oder anders ausgedrückt: Verlange nicht nach Kuchen, bevor du Brot bekommen hast.

swissinfo.ch: Worin besteht in diesem Umwälzungsprozess die Aufgabe der Intellektuellen?

E.K.: Die Intellektuellen haben die gleichen Rechte und Pflichten wie alle anderen Bürger. Ich misstraue dem Begriff "Intellektueller". Denn man erwartet von ihm, dass er eine führende Rolle spielen oder Vorbild sein sollte. Dabei gab und gibt es immer auch die Intellektuellen, die das Regime stützen, etwa als Chefbeamte oder Kulturminister. So hat der Kulturkritiker Gaber Asfour einst die Reden der Präsidentengattin Suzanne Mubarak geschrieben. Nur wenige Tage vor dem Rücktritt Mubaraks hat er noch den Posten als Kulturminister akzeptiert.

Auf der anderen Seite steht der Schriftsteller Sonallah Ibrahim, der das Regime immer kritisiert hat. Als er trotzdem mit dem staatlichen Literaturpreis ausgezeichnet wurde, lehnte er diesen demonstrativ ab. Er war bei den Demonstrationen gegen Mubarak auf dem Tahrirplatz dabei.

swissinfo.ch: Sie leben heute in Qatar. Was hat Sie bewogen, Ägypten zu verlassen?

E.K.: Ich bin vor rund einem Jahr nach Doha gezogen, also erst nach der Revolution. Am Tag der Kamele war ich mit meinen Kindern auf dem Tahrirplatz in Kairo. Ich arbeitete bei der halbstaatlichen Zeitung Al-Akhbar und war Mitbegründer der Literaturzeitung Akhbar al-Adab. Wegen meiner kritischen Haltung konnte ich nicht Redaktionsleiter werden. Deshalb nahm ich schliesslich das Angebot aus Doha an, dort ein Kulturmagazin zu leiten.

swissinfo.ch: Haben Sie Hoffnung, dass sich die Situation in Ägypten verbessern wird?

E.K.: Ja, sicher. Aber das dauert eine Generation. Die jungen Leute, welche die Revolution angestossen haben, setzen sich für ihre Ideale ein, und das werden sie weiterhin tun. Ja, ich habe Hoffnung. Mein Traum ist es, eines Tages nach Ägypten zurückzukehren, dort ein Café zu führen und nur noch Romane zu schreiben.

Zur Person

Esat al-Kamhawi wurde 1961 in Ägypten geboren.

Seit seiner Studienzeit schreibt er für zahlreiche ägyptische und arabische Zeitungen. Er ist Gründungsmitglied der renommierten ägyptischen Literaturzeitung Akhbar al-Adab.

Seit rund einem Jahr lebt er im arabischen Emirat Qatar, wo er das Al-Doha-Kulturmagazin leitet. Daneben schreibt er weiterhin Kolumnen und Kommentare für die ägyptischen Zeitungen Al-Akhbar und Al-Masri al-Youm und für die arabische Zeitung Al-Quds al-Arabi.

Zu seinen wichtigsten Büchern gehören "Der Wächter", "Stadt des Vergnügens" und "Ein Zimmer über dem Nil".

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