Navigation

Sprunglinks

Hauptfunktionen

AKW-Stresstest sinnvoll gegen Restrisiko?

Mit Druck auf den Reaktortrip-Knopf soll ein Kernreaktor abgeschaltet und in einen so genannt "sicheren Zustand" überführt werden.

(Thomas Kern)

Nach dem Atom-Desaster in Fukushima ist die friedliche Nutzung der Atomenergie weltweit unter Druck geraten. Mit Stresstests will man in der EU und in der Schweiz prüfen, ob sich Atomkraftwerke wirklich sicher betreiben lassen.

Grosse Schlagzeilen lieferte in dieser Woche Deutschland, das die 17 Atomkraftwerke des Landes in sechs Wochen einem so genannten Stresstest unterzogen hatte. Das Resultat, von der deutschen Regierung als positiv bewertet, wird von Kritikern als niederschmetternd bezeichnet.

So hat der Test ans Licht gebracht, dass vier der deutschen Atomkraftwerke einem Aufprall eines kleineren Flugzeugs nicht standhalten würden. Bei zwei weiteren könnte bei einem Crash mit einem mittelgrossen Flugzeug ein Gau (Grösster anzunehmender Unfall) nicht ausgeschlossen werden.

Was Erdbeben- und Hochwassergefahren angeht, seien die deutschen Kraftwerke jedoch als sicher zu bezeichnen, heisst es.

Unterschiede?

Eine vor acht Jahren veröffentlichte Untersuchung des Eidgenössischen Nuklear-Inspektorats (Ensi) hat ergeben, dass die Schweizer Kernkraftwerke gut gegen Flugzeugabstürze gesichert sind. "Dies gilt auch heute noch, auch für die grossen Passagierflugzeuge", sagt Hannes Hänggi, Ensi-Mediensprecher gegenüber swissinfo.ch.

Die Frage, ob sich die deutschen Sicherheitskriterien von jenen in der Schweiz unterscheiden, kann Hänggi nicht beantworten.

Stefan Füglistaler, Atomspezialist für Greenpeace, geht mit den Schlüssen des Ensi nicht einig. Damit der Begriff "gut gegen Flugzeugabstürze geschützt" auch auf die alten Kernkraftwerke Mühleberg und die beiden Beznau angewandt werden konnte, seien die entsprechenden Annahmen "gesund geredet" worden, sagt er gegenüber swissinfo.ch.

"In der Kommunikation wurde das als 'gut gesichert' ausgelegt. Zudem gibt es im erwähnten Bericht auch eine Passage, in der es heisst, dass mehr Sicherheit aufgrund der Sachlage den Werken nicht zumutbar sei", so Füglistaler.

Weshalb sind Schweizer AKW sicherer?

"Weshalb sollen die Schweizer Kernkraftwerke sicherer sein als die deutschen?" Auch darauf kann Hannes Hänggi vom Ensi keine schlüssige Antwort geben.

Für Stefan Füglistaler von Greenpeace ist es nicht vorstellbar, weshalb die deutschen AKW unsicher sein sollen und die schweizerischen nicht. "Auch das AKW Gösgen ist von einem deutschen Generalunternehmen gebaut worden. Und ich gehe nicht davon aus, dass beim Bau der AKW in der Schweiz andere Massstäbe angewandt wurden als in Deutschland."

Füglistaler regt das Einholen einer Zweitmeinung zur Risikoabschätzung an: "Das Ensi sollte sich mit der deutschen Gesellschaft für Reaktorsicherheit zusammensetzen. Diese kommt in der Flugzeugfrage zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen."

Stichproben

"Der richtige Stresstest hat ja noch gar nicht stattgefunden", sagt Hannes Hänggi: "Beim neusten deutschen Prüfungsbericht sind gar keine aktuellen Daten verwendet worden." Was beim EU-Stresstest dann alles geprüft wird, steht noch nicht fest. Das ENSI erwartet, dass die Unterlagen der EU etwa Anfang Juni vorliegen werden.

Und Füglistaler möchte den Begriff "Stresstest" in diesem Zusammenhang schon gar nicht verwenden: "Stresstest gaukelt vor, man würde Stresssituationen betrachten. Aber man kann weder Material noch Personal unter realen Stress setzen."

Dies bestätigt Hänggi: "Es ist die Aufgabe der Werke, die Sicherheit zu gewährleisten. Wir müssen kontrollieren, dass diese die gesetzlichen Grundlagen und alle Sicherheitsvorschriften einhalten. Eingereichte Tests rechnen wir stichprobenartig nach."

EU-Stresstest

Die EU ist dabei, einen europaweit gültigen Stresstest für Kernkraftwerke auszuarbeiten. Hänggi kündigt eine weitere europäische Konferenz an, in der man sich zu einigen versuche über die Kriterien des Stresstests und über den Zeitplan.

Die Schweiz sei auch mit dabei im Rahmen der WENRA, der European Nuclear Regulators' Association, der sie als Mitglied angehört.

Skeptisch zum europäischen Stresstest äussert sich Greenpeace Atom-Spezialist Füglistaler: "Das ist eine politische Auseinandersetzung zwischen jenen, welche die Nutzung der Atomenergie bis aufs Messer verteidigen, wie Frankreich und England, und den kritischen wie Österreich, die Atomenergie nicht einsetzen oder Deutschland, das ein kritischeres Verhältnis dazu an den Tag legt."

Füglistaler befürchtet entweder eine zahnlose Kompromissformel oder ein Scheitern. "Ländern, die über die milde Form des Stresstests hinausgehen wollen, wird das freigestellt sein."

Ethikkommission?

Welcher Stresstest auch immer zur Anwendung gelangt – ein Restrisiko bleibt bestehen. Einerseits ist es schwierig, das Restrisiko bei der Nutzung der Kernenergie zu definieren. Andererseits ist offen, wie weit die gesellschaftliche Akzeptanz betreffend Restrisiken reicht, was sie akzeptiert und was nicht.

Aus diesem Grund hat die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Ethikkommission eingesetzt, die definiert, welche Restrisiken für die Gesellschaft vertretbar sein sollen.

In der Schweiz gibt es keine entsprechende Kommission. "Hier werden diese Entscheide auf politischer Ebene gefällt", sagt Hänggi. "In Deutschland ist die Mitsprache der Bevölkerung in politischen Prozessen nicht so direkt möglich wie in der Schweiz."

Füglistaler ist nicht grundsätzlich gegen Ethikkommissionen. "Aber es ist wie immer in der Politik: Man kann so ein Instrument auch missbrauchen, indem man es einseitig zusammensetzt."

So ist auch er der Ansicht, dass in einer Demokratie die Politik definieren müsse, welches Restrisiko zumutbar sei und welches nicht. "Ich spreche da nicht von einem Einzelentscheid eines Bundesrates oder des Parlaments. Es braucht in solchen Fragen die gesellschaftliche Verankerung."

In der Schweiz stimme man über Verkehrsregeln ab, über eine Helmtragpflicht. "Bei einer so entscheidenden Frage wie der Kernenergienutzung sind Parlament und Bundesrat gut beraten, einen Entscheid mit einer Volksbefragung der Gesellschaft zur Stellungnahme zu unterbreiten", sagt Füglistaler.

Fukushima-Kosequenzen

Trotz Schwachstellen bei der Lagerung und Kühlung von Brennelementen bei den flusswassergekühlten AKW Mühleberg und Beznau dürfenalle fünf Schweizer Atomkraftwerke vorerst am Netz bleiben. Sie müssen dem Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) nachweisen, dass sie gegen Naturkatastrophen wie Erdbeben und Hochwasser gerüstet sind, teilte das Ensi am 5. Mai mit.

Bei den AKW Gösgen und Leibstadt bemängelte das Ensi, dass der Füllstand und die Temperatur des Brennelementbeckens nicht im Notleitstand angezeigt würden.

Die Betreiber müssen bei der Aufsichtsbehörde bis am 31. August Verbesserungs-Massnahmen einreichen.

Sie müssen drei weitere Sicherheitsnachweise erbringen. Bis zum 30. Juni haben sie aufzuzeigen, dass sie ein Hochwasser, wie es alle 10'000 Jahre droht, bewältigen können.

Für ein alle 10'000 Jahre drohendes Erdbeben müssen die Betreibern den Sicherheitsnachweis bis zum 31. März 2012 erbringen.

Weiter müssen sie bis Ende März 2012 nachweisen, dass die Kombination von Erdbeben und erdbebenbedingtem Versagen der Stauanlagen im Bereich des AKW beherrschbar ist. Dies betrifft vor allem das AKW Mühleberg.

Der umstrittene Kernmantel am Reaktor des AKW Mühleberggehört nichtzur begonnenen Prüfung. Das ENSI erachtet, gleich wie der deutsche TÜV, die installierten Zuganker "nicht als definitive Lösung für den Langzeitbetrieb".

Das Ensi wird die Schweizer AKW-Betreiber auch zur Teilnahme am EU-Stresstest verpflichten.

Infobox Ende

swissinfo.ch


Links

Neuer Inhalt

Horizontal Line


swissinfo DE

Aufruf, der Facebook-Seite von swissinfo.ch beizutreten

Treten Sie unserer Facebook Seite auf Deutsch bei!

subscription form Deutsch

Aufruf, den Newsletter von swissinfo.ch zu abonnieren

Melden Sie sich für unseren Newsletter an und Sie erhalten die Top-Geschichten von swissinfo.ch direkt in Ihre Mailbox.