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Drama Überlebenskampf geht in Libanon weiter



Im Bekaa-Tal sind für die Flüchtlinge rund 230 Zeltlager wie dieses in Bar Elias entstanden.

Im Bekaa-Tal sind für die Flüchtlinge rund 230 Zeltlager wie dieses in Bar Elias entstanden.

(swissinfo.ch)

Traumatisiert vom Horror des Krieges strömen immer mehr Flüchtlinge aus Syrien nach Libanon – trotz den schwierigen Lebensbedingungen im kleinen Mittelmeerland, das vier Mio. Einwohner zählt und nur gerade ein Viertel so gross ist wie die Schweiz.

"Ich musste mit unseren zwei Mädchen fliehen und meinen Mann zurücklassen. In etwas weniger als einem Monat werde ich mein nächstes Kind gebären... Ich weiss nicht, wie ich das allein schaffen werde", erklärt Narwal* mit einem tiefen Seufzer.

Die hochschwangere junge Frau aus Homs starrt ins Leere, lehnt sich auf einem Plastikstuhl im kleinen provisorischen Zelt zurück, das sie mit einer anderen Flüchtlingsfamilie teilt. 

"Ich war zu Hause mit den Kindern, als der schwere Beschuss begann. Ich wusste nicht, was tun und rief meinen Mann an, der bei der Arbeit war. Er sagte mir, ich solle die Stadt sofort verlassen, er würde später folgen", erklärt die 22 Jahre alte Mutter.

Vor zehn Tagen brachte ein Taxifahrer sie und die beiden Mädchen zu der Zeltsiedlung am Rande von Bar Elias im Bekaa-Tal in Ostlibanon. Nachdem sie dem Fahrer 12'000 syrische Pfund (160 Franken) bezahlt hatte, damit er sie legal über die Grenze brachte, blieb ihr nicht mehr viel mehr als die Kleider am Leib. Ein Mann versprach, ihren Ehemann für 2000 Dollar illegal über die Grenze zu bringen. Seither hat sie nichts mehr von ihm gehört.

Die behelfsmässigen Siedlungen sind im Bekaa-Tal kein neues Phänomen. Schon vor Ausbruch des Syrien-Konflikts fand man sie in der ganzen Region. Errichtet wurden sie von syrischen Migranten, die meist als Landarbeiter nach Libanon kamen. Seit 2011 kehrten Tausende dieser Migranten jedoch nicht mehr zurück und liessen ihre Familien nachkommen.

Wie Pilze 

Heute sehen sich die 600 bis 800 Flüchtlingsfamilien, die Woche für Woche neu in der Region ankommen, konfrontiert mit begrenzten und teuren Wohnunterkünften. Und auch jene, die schon länger hier sind, können sich die Miete einer Wohnung nicht mehr leisten. In der Folge schossen die provisorischen Siedlungen wie Pilze aus dem Boden.

Heute gibt es etwa 230 solche Siedlungen, in denen rund 20 Prozent der Flüchtlinge Obdach fanden, die offiziell im Bekaa-Tal leben.

Vertreter von Hilfswerken erklären, die Zeltstädte wüchsen derart rasch,  dass man kaum den Überblick behalten könne. Sie sorgen sich über die gedrängten Siedlungen, die auf Ackerland erstellt werden. Es gebe nur wenig Latrinen und Duschen, die Entwässerung sei schlecht.

Das UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR, das knapp bei Kasse ist, und seine Partnerorganisationen stellen Holz und Plastikplanen für die Unterkünfte zur Verfügung, die Ärmsten werden mit Bargeld für die Miete unterstützt. Zu den grundlegenden Aktivitäten gehören unter anderem auch Programme im Bereich Wasser- und Sanitärversorgung sowie ein mobiler Klinikdienst.

Doch das Leben in Libanon bleibt für die Flüchtlinge aus Syrien teuer. Ein privater Landbesitzer verlangt pro Monat für jedes Zelt, in dem bis zu drei Familien zusammengedrängt leben, 160 Dollar. Die steigende Zahl der Flüchtlinge führt auch dazu, dass es immer schwieriger, für viele gar unmöglich wird, Arbeit zu finden.

"Die Leute hier arbeiten etwa 10 Tage pro Monat", sagt Sokol*, der mit weiteren 60 Familien auch in der Siedlung von Bar Elias lebt. "Nachbarn bitten uns darum, zu putzen oder etwas zu flicken und geben uns dafür dann ein bisschen etwas. Es ist hart, hier zu überleben. Zurzeit würde ich Freunden oder Familienmitgliedern nicht raten, hierher zu kommen."

Teures Pflaster 

In der Stadt Tripoli im Norden Libanons sind die Lebenskosten etwa halb so hoch wie in der Hauptstadt Beirut. Doch die mehr als 140'000 Flüchtlinge, die versuchen, hier über die Runden zu kommen, schlagen sich zum Teil mit ähnlichen Problemen herum wie jene im Bekaa-Tal.

"Wir sind uns diese hohen Lebenskosten nicht gewohnt. Es ist besonders schwierig, weil es keine Arbeit gibt", erklärt Hanaa*, die vor sieben Monaten mit ihrem Mann und sechs Kindern vor der Gewalt aus Aleppo geflohen ist. "Die einzige Hilfe, die wir erhalten, kommt von der UNO, von niemandem sonst."

Das "Zuhause" ist eine spartanische Wohnung in einer vom UNHCR renovierten "kollektiven Unterkunft", ausgerüstet mit dem Nötigsten wie Kühlschrank, Herd und Spülbecken, die sie mit anderen Familien im dritten und vierten Stock eines heruntergekommenen Gebäudes im Stadtzentrum teilen.

"Da unsere Männer nicht arbeiten konnten, hatten wir fast all unsere Ersparnisse in Syrien aufgebraucht. Als wir dann hierher kamen, hatten wir nichts mehr", erklärt Hanaa.

(swissinfo.ch)

Gastfreundschaft

Die Zahl der Zeltstädte und Kollektivunterkünfte steigt zwar, doch die grosse Mehrheit der Flüchtlinge ist bei Freunden, Verwandten oder bei libanesischen Gastfamilien untergebracht.

Der 31 Jahre alte Mohammad und seine junge Familie aus dem ländlichen Umland von Damaskus, die vor einem Monat vor den Bombardements nach Al-Rafid im südöstlichen Bekaa-Tal geflohen waren, hatten das grosse Glück, eines Nachts auf Salim Charefiddin zu stossen.

"Ich bin herumgefahren, als ich sie mit ihren Koffern am Strassenrand warten sah", erklärt Salim, ein Libanon-Kanadier, der als Taxifahrer arbeitet. "Sie sagten mir, dass sie einen Ort zum Leben suchten. Ich erklärte ihnen, dass es wegen der grossen Zahl von Flüchtlingen nicht einfach sei, aber dass ich bereit sei, sie in meinem Haus unterzubringen, bis sie etwas anderes finden würden."

Der 72-Jährige und seine Familie leben nun in einem Schlafzimmer, Mohammad und seine Familie nutzen das andere. Badezimmer und Küche teilt man sich. Salim räumt ein, dass dies für beide Familien etwas schwierig geworden sei. Salim hilft seinem neuen Mitbewohner auch bei der Suche nach Arbeit als Mechaniker.

"Ich habe einige Leute getroffen, die Hilfe versprochen haben. Ich warte noch immer darauf, etwas zu hören", sagt Mohammad. "Es ist nicht einfach. Auch die Libanesen stehen wegen der grossen Zahl von syrischen Flüchtlingen hier vor Problemen. Es ist für sie zu einer Last geworden."

Risse entstehen

Trotz der vieler Menschen, die aus Syrien kommen – sie machen zurzeit mindestens ein Zehntel der eingesessenen Bevölkerung aus – loben Verantwortliche von Hilfswerken die "bemerkenswerte" Gastfreundschaft der Libanesen gegenüber den Syrern. Doch der anhaltende massive Zustrom wird verständlicherweise für die Gastgemeinden zu einer Last, vor allem in den ärmsten Teilen des Landes, und es werden erste Risse sichtbar.

So hört man Klagen über steigende Mieten, Überbelegung, Kleinkriminalität, unfairen Wettbewerb, dass Flüchtlinge niedrigere Löhne akzeptierten oder illegal das Stromnetz anzapften. Im Verlauf des letzten Monats kam es im Norden zu einer Reihe kleinerer Proteste wegen Arbeitsplätzen, die im Zusammenhang standen mit den Flüchtlingen aus Syrien.

Lokale Gemeinden, die eine grosse Anzahl von Flüchtlingen aufnehmen, sitzen in der Klemme: Sie wollen nicht als Ort gesehen werden, der eine grosse Zahl aufnimmt, andererseits wollen sie den Flüchtlingen trotzdem grosszügig helfen.

Das Thema ist heikel: Während des Bürgerkrieges von 1975 bis 1990 in Libanon war die Präsenz der palästinensischen Flüchtlinge im Land ein umstrittener Faktor. In den letzten Monaten kam es denn auch schon zu Spannungen und Zusammenstössen zwischen Unterstützern und Gegnern des syrischen Präsidenten Bashar Al-Assad.

Die meisten syrischen Flüchtlinge sind sunnitische Muslime. Es gibt Befürchtungen, dass die heiklen konfessionellen Bruchlinien zwischen Christen, sunnitischen und schiitischen Muslimen in Libanon durch die Kämpfe in Syrien und mögliches Überschwappen auf libanesisches Territorium strapaziert werden könnten.

Das Land sei nicht ausreichend gerüstet, um diese Krise zu bewältigen, erklärt Ninette Kelly, Leiterin der Libanon-Operation des UNHCR. "Wir stehen vor einer riesigen Krise beispiellosen Ausmasses für Libanon. Das Land ruft nach mehr Unterstützung durch die internationale Gemeinschaft, nicht nur, um die Bedürfnisse der Flüchtlinge decken zu können, sondern auch um die Stabilität des Landes zu garantieren."

*Namen geändert

Syrien-Konflikt

Nach Angaben der Vereinten Nationen (UNO) wurden etwa 4,25 Mio. der 23 Mio. Menschen in Syrien durch den Konflikt zu intern Vertriebenen. Etwa 7 Mio. Menschen sind dringend auf humanitäre Hilfe angewiesen, die Hälfte davon Kinder. Die Syrer, die durch die anhaltende Gewalt zum Verlassen ihrer Häuser gezwungen sind, werden oft mehr als einmal vertrieben. Sie befinden sich vor allem in der Gegend um Aleppo sowie im ländlichen Umland von Damaskus.

Hilfsorganisationen müssen viele Hürden überwinden, um die Familien in Not erreichen zu können. Unter anderem wird die Erteilung von Visa bis zu zwei Monate lang verzögert und sämtliche Hilfskonvois müssen mindestens drei Tage im Voraus angekündigt werden. Dazu kommen andere bürokratische Hindernisse und Dutzende von Strassenblockaden. Zudem wurde die Zahl der zugelassenen Nicht-Regierungsorganisationen von 110 auf 29 reduziert.

Seit Anfang Jahr ist die Zahl der Menschen, die Syrien verliessen, dramatisch gestiegen. Über 1,5 Mio. Flüchtlinge sind bisher nach Jordanien (473'587), Libanon (457'457), in die Türkei (347'157), nach Irak (147'464) und Ägypten (66'922) geflohen (Stand 15. Mai 2013).

Kristalina Georgieva, EU-Kommissarin für Humanitäre Hilfe, erklärte: "Wenn alle in die Kämpfe involvierten Seiten und die internationale Gemeinschaft nicht sehr bald eine politische Lösung finden, wird die humanitäre Gemeinschaft das beispielslose Ausmass der Not schlicht nicht mehr bewältigen können. Wir stehen schon jetzt an der Grenze der Belastbarkeit."

Laut UNO wurden bei den zunehmend härter werdenden Kämpfen zwischen Regierungssoldaten und bewaffneten Rebellen im Bürgerkrieg in Syrien seit Ausbruch des Konflikts vor zwei Jahren mindestens 80'000 Menschen getötet.

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swissinfo.ch


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