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Französische Politik Manuel Valls, ein "Schweizer" Minister in Paris?

Manuel Valls hat sich während der Wahlkampagne dem neuen Präsidenten sehr genähert.

Manuel Valls hat sich während der Wahlkampagne dem neuen Präsidenten sehr genähert.

(Keystone)

Der Einzug von François Hollande im Elysée-Palast eröffnet Manuel Valls, dessen Mutter Tessinerin ist, Perspektiven auf einen Ministerposten. Dass er Schweizer Wurzeln hat, stellt der Abgeordnete und Bürgermeister von Evry nicht in den Vordergrund.

Eine Woche vor der Machtübergabe im Elysée sind die Wetten offen. Wer wird unter François Hollande Premierminister werden? Welches werden die wichtigsten Mitglieder der neuen Linksregierung sein?

Die Quoten von Manuel Valls steigen stündlich. Im Alter von 49 Jahren könnte der Abgeordnete der Nationalversammlung und Bürgermeister von Evry, einer beliebten Stadt in der Region Paris, Innenminister werden - ein Schlüsselposten, auch Clemenceau, Mitterand, Chirac und Sarkozy waren Innenminister, bevor sie an der Spitze des Staates landeten.

Gewisse Beobachter schliessen auch nicht aus, dass Valls Premierminister werden könnte. Während der Wahlkampagne ist Valls Hollande immer näher gekommen, er wurde sein "Sherpa", sein Sprecher und einer seiner Strategen. Der dynamische, direkte, manchmal harte, aber pragmatische Sozialist Valls gehört zum rechten Flügel der Partei und befürwortet eine Wirtschaftspolitik, die gegen Defizite vorgeht, sowie einen kompromisslosen Kampf gegen Kriminalität.

Sohn eines Katalanen und einer Tessinerin

Manuel Valls beruft sich auf seinen Status als Sohn von Einwanderern und ist stolz, seit seinem 20. Lebensjahr einer der wenigen eingebürgerten französischen Politiker zu sein. Sein Vater Xavier Valls, ein katalanischer Kunstmaler, war 1949 nach Paris gekommen. Und seine Mutter, Luisangela Galfetti, stammt aus dem Tessin, aus Ludiano in der Nähe von Biasca.

"In meiner Kindheit war ich oft dort", hatte Valls 2008 gegenüber swissinfo.ch erklärt. "Wir gingen jeweils zu meiner Grossmutter. Ich liebte die Spaziergänge, die Nachtessen in den 'Grotti', die kleinen Kapellen entlang den Pfaden in den Bergen, inmitten der Ziegen … fast etwas wie eine 'Heidi-Postkarte' mit italienischem Einschlag."

Um Arbeit zu finden, musste die Familie das Bleniotal verlassen und ins Ausland ziehen, erklärt Manuels Onkel, der Architekt Aurelio Galfetti. "Mein Vater war nach Sierra Leone emigriert, wo er im Goldhandel tätig wurde. Er starb in Afrika."

Während einigen Jahren hatte Manuel oberhalb von Ludiano ein Haus gemietet. "Im Sommer kam Manuel jeweils mit dem Auto und seinen vier Kindern, und wir haben uns bei meinen Eltern getroffen", erinnert sich Aurelio Galfetti, der Architekt, der vor allem für seine Renovation des Schlosses Castelgrande in Bellinzona bekannt ist, das zum UNESCO-Welterbe gehört. "Aber heute sieht man ihn nicht mehr. Er ist sicher zu beschäftigt!"

Direkter und einfacher Stil

Dieser Tage ist es in Frankreich nicht einfach, sich auf seine Schweizer Wurzeln zu beziehen: Der Präsidentschaftswahlkampf hat die Schweiz auf einen Zufluchtsort für französische Millionäre reduziert. In seiner offiziellen Biographie hält sich Valls nur an eine kurze Version: "Ich bin der Sohn eines spanischen Malers und einer Mutter aus der italienischen Schweiz. Sie haben Frankreich wegen seiner Schönheit, Grösse und Sanftheit ausgewählt."

Valls ist nie Schweizer Bürger geworden. Aber Herkunft und Wurzeln können ihre eigene Sprache haben. Von der Schweiz habe Valls vielleicht seinen einfachen und direkten Stil geerbt. "Manuel hat eine Schweizer Seite behalten", sagt sein Onkel.

"Zum Beispiel seine Vorliebe für Sprachen, er spricht perfekt Italienisch und Katalanisch. Aber auch den Pragmatismus." Und wie steht es um seinen Sinn für Konsens? "Er ist sehr stolz, eine Gemeinde zu verwalten, zu der sieben oder acht Gotteshäuser unterschiedlicher Konfessionen gehören. Ein schönes Beispiel für religiöse Toleranz."

In Evry gibt es eine grosse Moschee, eine Synagoge, die grösste Pagode Europas, sowie eine berühmte Kathedrale in Zylinderform, dem Werk des Tessiner Architekten Mario Botta.

Als die Kathedrale gebaut zwischen 1988-1996 gebaut wurde, war Manuel Valls erst ein unbekannter Sekretär der Sozialistischen Partei, mit reformistischer Tendenz. Mario Botta wird ihn später, während einer kurzen Visite in Evry einmal treffen. "Ich erinnere mich an einen sehr dynamischen und engagierten Mann", erklärt der Schweizer Architekt. " Meiner Meinung nach entsprach er nicht dem traditionellen Stil französischer Politiker."

"Sarkozy der Linken"

Als Valls im Jahr 2007 mit der Publikation eines Buches mit dem Titel "Pour en finir avec le vieux socialisme... et être enfin de gauche" (Um mit dem alten Sozialismus Schluss zu machen … und endlich links zu sein) einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde, bezeichneten ihn die Medien als "Sarkozy der Linken". Die gleiche Bereitschaft zum Bruch mit der Vergangenheit, derselbe ungeheure Aktivismus.

Der Mittvierziger schlug vor, der Partei einen neuen Namen zu geben und den Ausdruck "Sozialistisch" über Bord zu werfen. Ketzerei! Später befürwortete er – wie Präsident Sarkozy – Abgaben von Unternehmen an den Staat zu senken und diese durch eine Erhöhung der Mehrwertsteuer zu kompensieren.

Bei den Primärwahlen der Sozialistischen Partei im Herbst 2011 positionierte sich Valls klar im rechten Flügel der Partei, was unter anderem vom liberalen Wochenmagazin The Economist begrüsst wurde. Sein Wissen im Bereich "Innere Sicherheit" und seine Kritik an der vermeintlich zu "laxen Haltung" der Linken machen aus ihm einen möglichen Kandidaten für das Amt des Innenministers.

Premierminister? Bisher muss Valls als Aussenseiter gelten, vor allem angesichts der in der Partei besser verankerten Persönlichkeiten wie Jean-Marc Ayrault oder Martine Aubry. "Er ist ein politisches Tier erster Klasse", findet sein Onkel Aurelio Galfetti. "Vielleicht ist er noch etwas jung, um an die Spitze des Staates vorzustossen." Doch wer weiss schon, wie es in zwei, drei Jahren aussehen könnte?

Valls und Aubry als Favoriten

Nach dem Sieg von François Hollande bei der Präsidentschaftswahl gaben Wählerinnen und Wähler in drei am Sonntag veröffentlichten Umfragen im Durchschnitt Martine Aubry, der Vorsitzenden der Sozialistischen Partei, den Vorzug als Premierministerin.

Gut positioniert wurde aber auch Jean-Marc Ayrault, Fraktionschef der Sozialisten im Abgeordnetenhaus.

Auf die Frage, welche Persönlichkeit François Hollande zum Premierminister ernennen sollte, nannten 26% der Befragten Aubry, die PS-Chefin und Bürgermeisterin von Lille, gleichviele sprachen sich für Manuel Valls aus, den Abgeordneten und Bürgermeister von Evry (Essonne).

Für die Umfrage von Ipsos/Logica Business Consulting wurden zwischen dem 3. und 5. Mai 3123 Personen befragt.

Im Lager der Linkswähler hingegen wäre Martine Aubry gemäss Umfragen klar die Favoritin, mit 41% der Stimmen gegen 17% für Manuel Valls.

Quelle: AFP

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(Übertragung aus dem Französischen: Rita Emch), swissinfo.ch


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