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Greenpeace Russische Arktis ist gefährlicher als die sowjetische

In den letzten 30 Jahren hat Greenpeace überraschende Aktionen zu seinem Markenzeichen gemacht.

In den letzten 30 Jahren hat Greenpeace überraschende Aktionen zu seinem Markenzeichen gemacht.

(Keystone)

Die Inhaftierung von Greenpeace-Aktivisten in der russischen Arktis hat international für Schlagzeilen gesorgt. Doch die Organisation ist mit ihren Kampagnen an jenem Ort schon seit über 20 Jahren aktiv. Damals sei man Greenpeace gegenüber ganz anders eingestellt gewesen, erzählt ein ehemaliger Aktivist.

Greenpeace-Aktivisten waren die ersten Menschen, die Bananen in die nordrussische Stadt Murmansk brachten. Der Sohn der russischen Ökologin Elena Wasiliewa hatte darum gebeten: Die Kinder von dort hatten die exotische Frucht noch nie gekostet.

Das war im Oktober 1992. Die grüne Bewegung in Russland stand damals in den Kinderschuhen und wurde trendy. Die Aktivisten waren von den Behörden in Murmansk eingeladen worden, doch sie hatten einen geheimen Plan – den sie allerdings nicht sehr geheim hielten: Sie wollten Informationen über Atommüll sammeln, der bei der Kola-Halbinsel ins Meer gekippt worden war.

Andreas Freimüller war bei diesem Einsatz als Schiffskoch dabei. "In Amsterdam habe ich eine grosse Ladung Lebensmittel gebunkert, genug für 30 Leute während dreier Monate. Ich berücksichtigte die Wetterbedingungen und die Tatsache, dass wir vielleicht auf einer Eisscholle landen müssten. Und ich kaufte viele Bananenschachteln. Sie wurden gerade reif, als wir in Murmansk ankamen, und wir verteilten sie an alle, die unser Schiff besuchen kamen", sagt er gegenüber swissinfo.ch.

Auf geheimem Territorium

"Wir liessen einen ferngesteuerten Apparat ins Wasser hinunter, um ein mögliches Versenken von Atom-Abfällen im Meer zu untersuchen. Im Westen war dies verboten, nicht aber in Russland", so Freimüller.

Probleme waren unausweichlich: Die Region wurde nicht nur durch raues Wetter geschützt, sondern auch durch staatliche Geheimhaltung. Die einzigen, die über genaue Karten verfügten, waren Militärs. "Daher mussten Aussenseiter zwangsläufig gegen einige Regeln verstossen."

Freimüller erinnert sich, wie die Expedition zu Ende ging: "Die russischen Grenzwächter begannen, in die Luft zu schiessen, dann kamen sie an Bord und sagten uns, wie seien verhaftet."

Zuerst hatte er Angst. "Ich hatte zuvor noch nie etwas mit einer Schiesserei zu tun", erklärt er. "Doch wir blieben auf dem Schiff. Wir wurden lediglich von jungen Grenzwächtern bewacht. Wir gaben ihnen zu Essen und Matratzen zum Schlafen. Viele der 'Wächter' wären gerne dauerhaft bei uns geblieben. Die Untersuchung war höflich, wir durften die ganze Zeit an Bord bleiben. Und bald schon wurden wir freigelassen."

Moskau revidiert Anklage

Nach Kritik am Vorgehen gegen 30 inhaftierte Umweltschützer der Organisation Greenpeace hat Russland die Anklage überraschend von Piraterie auf "Rowdytum" abgemildert.

Damit drohen den 28 Aktivisten sowie 2 Reportern nun maximal 7 Jahre Haft, vorher wären es maximal 15 Jahre wegen "Piraterie" gewesen.

Momentan bleiben die Aktivisten (3 Russen und 27 Ausländer) in Haft. Unter den Festgenommenen ist auch der Schweizer Marco Weber. Das russische Gericht in Murmansk hat eine Freilassung auf Kaution abgelehnt, wie Greenpeace Schweiz schreibt.

Russland hat diese Woche angekündigt, den durch die Niederlande wegen der Erstürmung des Greenpeace-Schiffs in der Arktis angestrengten Prozess vor dem Internationalen Seegerichtshof zu boykottieren. Es lehnt auch ein von Den Haag eingeleitetes Schiedsverfahren ab.

Die Küstenwache hatte die "Arctic Sunrise" am 19. September in der Barentssee aufgebracht, als Greenpeace-Mitglieder versuchten, die Bohrinsel Prirazlomnaya des russischen Gazprom-Konzerns zu entern, um auf Umweltrisiken durch die Gas- und Ölförderung in dem fragilen Gebiet aufmerksam zu machen.

Die Verhaftung der Aktivisten hatte am 1. Oktober in Basel zu einem spektakulären Protest geführt. Vier Greenpeace- Aktivisten seilten sich während des Champions-League-Spiels Basel gegen Schalke 04 vom Stadiondach ab, um ein riesiges Transparent gegen den russischen Energieriesen Gazprom auszurollen. Dieser ist sowohl Sponsor des prestigeträchtigen europäischen Wettbewerbs, wie auch Schalkes.

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Gorbatschow war höflicher

Am 24. Oktober 1992 unterzeichnete der damalige Präsident Boris Jelzin ein Dekret zur Schaffung einer Regierungs-Kommission "zum Problem der Lagerung radioaktiver Abfälle". Die Greenpeace-Aktivisten werten das als ihren Sieg.

Das erste Mal waren Greenpeace-Aktivisten im Herbst 1990 in die sowjetische Arktis gefahren. Nachdem sie den Grenzwächtern entwischen konnten, landeten vier von ihnen am 9. Oktober auf einer der Inseln des Archipels Nowaja Semlja. Dort versuchten sie, in die Nähe der Schachte zu kommen, in denen unterirdische Atomversuche durchgeführt worden waren. Sie sammelten Bodenproben und massen die Radioaktivität.

Alle Mitglieder dieser Expedition wurden verhaftet, doch wurden sie nach einem Telegramm des damaligen Präsidenten Michail Gorbatschow freigelassen: "Das Greenpeace-Schiff soll freundlich behandelt und so rasch und mit so wenig Aufsehen wie möglich aus dem Territorium der UdSSR ausgewiesen werden", schrieb er.

Sie gingen mit einem triumphalen Gefühl, wie Helden… Ein paar Tage später fand der allerletzte Atomversuch der UdSSR auf Nowaja Semlja statt, ein Jahr danach wurde ein Moratorium für Atomversuche eingeführt. Ein weiterer grosser Sieg, wie Greenpeace glaubt.

Zu Beginn der grossen Veränderungen in Russland fand die ökologische Bewegung viel Unterstützung. Die Idee die Natur zu schützen, war sehr progressiv. Es war ein Symbol für die Nähe zum Westen und für eine neue Lebensart. Doch nach und nach setzte Enttäuschung ein. Es gibt keine ökologischen Parteien in den Machtzirkeln, und im Land haben sie kaum ein Gewicht.

Doch bisher haben sogar gewagte Aktionen ohne Probleme ein Ende gefunden. Im August 2012 haben sich Aktivisten in Booten der gleichen Gazprom-Ölplattform (Prirazlomnaya) genähert und mit Bergsteigerausrüstung drei Zelte an die vertikale Wand angehängt, während sie von oben mit eiskaltem Wasser aus Feuerwehrschläuchen abgespritzt wurden. Sie hielten es 15 Stunden lang aus und verabschiedeten sich ohne Zwischenfall.

swissinfo.ch


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