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Menschenrechte Martin-Ennals-Preis zeigt dunkle Seite Mexikos

Wie ihre Landsleute ist die Mexikanerin Alejandra Ancheita entsetzt über die jüngst entdeckten geheimen Massengräber in ihrem Land. Eine Begegnung mit der jungen Frau, die in Genf mit dem Martin-Ennals-Award für die Verteidigung der Menschenrechte ausgezeichnet wurde.



Die mexikanische Anwältin Alejandra Ancheita ist Gründerin und Direktorin der Organisation ProDESC (Proyecto de Derechos Económicos, Sociales y Culturales).

Die mexikanische Anwältin Alejandra Ancheita ist Gründerin und Direktorin der Organisation ProDESC (Proyecto de Derechos Económicos, Sociales y Culturales).

(martinennalsaward.org)

Selten dürfte die Vergabe einer Menschenrechts-Auszeichnung mit derart harschen aktuellen Ereignissen verbunden gewesen sein. Während eine junge Mexikanerin in Genf den Martin-Ennals-Preis für die Verteidigung der Menschenrechte erhält, geht gleichzeitig eine Schockwelle durch ihr Land.

Am 4. Oktober waren in der Umgebung von Iguala im Bundesstaat Guerrero, im Süden Mexikos, geheime Massengräber mit 28 Toten entdeckt worden. Eine Woche zuvor waren in der gleichen Region nach einem Angriff von Polizisten und Bewaffneten einer lokalen Gruppe von Drogenhändlern 43 Studenten verschwunden.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft des Bundesstaats Guerrero gaben zwei Mitglieder der Gang "Guerreros Unidos" zu, 17 der 43 Studenten, die am 26. September verschwunden waren, ermordet zu haben. "Wir verfolgen alle gespannt die Nachrichten, DNA-Tests sind im Gang, um abzuklären, ob es sich bei den Leichen in den Massengräbern um die Studenten handelt", erklärt Alejandra Ancheita, die noch unter dem Eindruck ihrer Auszeichnung steht.

Ein sehr schmutziger Krieg

"Dank dieser Auszeichnung kann die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf die extreme Gewalt dort gelenkt werden. Das Verschleppen der Studenten ist leider kein Einzelfall", erklärt sie.

"Die Regierung ist uns Antworten schuldig, nicht nur den Familien der Verschwundenen, sondern der ganzen Gesellschaft Mexikos. Die Verantwortlichen müssen ausfindig gemacht und bestraft werden. Die laxe Haltung der mexikanischen Behörden in diesem Fall ist unvorstellbar und zeigt die Schwere der Situation."

Amnesty International ruft in Erinnerung, dass "die Gewalt in Mexiko allgegenwärtig ist. Jedes Jahr werden Tausende von Menschen umgebracht oder von kriminellen Banden [Banden von Drogenhändlern, N.d.R.] entführt. Auch Mitglieder der Armee und der Polizei, die im Einsatz gegen diese Banden stehen, begehen schwere Menschenrechtsverletzungen."

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Nominiert mit Verteidigern aus Bangladesch und China

Die Anwältin Alejandra Ancheita, Gründerin und Direktorin der Organisation ProDESC (Projekt für wirtschaftliche, kulturelle und soziale Rechte), kämpft mit ihrem Team für die Rechte von Migranten, Arbeitern, indigenen Bevölkerungen und Frauen. Ihr Vater, ebenfalls ein Anwalt im Dienste der Ärmsten, starb unter verdächtigen Umständen, als Alejandra noch ein Kind war.

Die Mitglieder von ProDESC setzen sich mit Kampagnen für den Schutz der Rechte der am stärksten marginalisierten Menschen in Mexiko ein. Der Organisation ist es so gelungen, internationale Konzerne dazu zu bringen, die Lebensbedingungen ihrer Arbeiter zu verbessern, vor allem durch angemessenen Wohnraum, Recht auf kostenlose Gesundheitsversorgung, angemessene Löhne und Ausbildung für die Kinder der Arbeiterschaft.

Alejandra, die bereits mehrmals mit dem Tod bedroht wurde, hat auch schon Kolleginnen und Freunde verloren, vor allem Frauen, die das in Mexiko sehr präsente patriarchale System in Frage gestellt hatten. 2013 wurde sie im Rahmen einer Hetzkampagne als "Anwältin des Teufels" bezeichnet. Darauf wurden die Büros ihrer Organisation verwüstet.

"Die Auszeichnung ist umso wertvoller, als ich zusammen mit Verteidigern der Menschenrechte aus Bangladesch und China nominiert war. Das zeigt, dass die Probleme in Mexiko genauso schwerwiegend sind wie in diesen beiden Ländern."

Eine Realität, die in Kontrast steht zum Bild Mexikos in Genf, wo der mexikanische Botschafter Luis Alfonso de Alba 2006 erster Präsident des UNO-Menschenrechtsrats wurde. De Alba hatte damals mit seinen innovativen und progressiven Positionen im Bereich der Menschenrechte Eindruck gemacht.

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"Mexiko bemüht sich sehr um sein Bild im Ausland, indem es auf äusserst vornehme, kultivierte, intelligente Diplomaten setzt, die der Elite angehören", kommentiert Alejandra Ancheita.

Zunahme der Gewalt gegen Frauen

In diesem Land, in dem die Straflosigkeit herrscht (95% der Menschenrechtsverletzungen bleiben ungeahndet), werden Gewalt und Unsicherheit vor allem erwähnt im Zusammenhang mit den Auswirkungen auf Touristen, nicht mit den Konsequenzen für die lokale Bevölkerung.

Medienschaffende und Verteidigerinnen der Menschenrechte sind bevorzugte Ziele der Gewaltakte, die oft als gewöhnliche kriminelle Taten getarnt werden. Bei seiner letzten Universellen Periodischen Überprüfung im Rahmen des UNO-Menschenrechtsrats im Oktober 2013 hatte Mexiko 24 Empfehlungen erhalten, die sich um den Schutz von Journalisten und Verteidigern der Menschenrechte drehten.

"Die Gewalt gegen Frauen, die sich für die Verteidigung der freiheitlichen Rechte einsetzen, nehmen zu, denn das Bild dieser Frauen wird auf kultureller und sozialer Ebene als Bedrohung wahrgenommen", erklärt Alejandra Ancheita.

"2010 wurden nach UNO-Berechnungen in Mexiko pro Tag im Durchschnitt 6,4 Frauen ermordet. 2013 wurden 240 Angriffe gegen Frauen dokumentiert, die für Freiheitsrechte eintraten. Dies sind die Bedingungen, unter denen wir arbeiten. Ich hoffe, dass diese Auszeichnung für uns einen gewissen Schutz bedeuten wird, aber es gibt keine absolute Gewissheit."

Martin-Ennals-Preis

Der auch als Nobelpreis der Menschenrechte bezeichnete Martin-Ennals-Preis wurde 1993 ins Leben gerufen. Er trägt den Namen eines Mannes, der als einer der bedeutendsten Verteidiger der Menschenrechte gilt (von 1968-1980 war Ennals Generalsekretär von Amnesty International; er starb 1991).

Jedes Jahr wird der Preis im Wert von 20'000 Franken an eine Persönlichkeit verliehen, die mit mutigen und innovativen Mitteln einen aussergewöhnlichen Kampf gegen die Verletzungen von Menschenrechten führt.

Der Preis zielt darauf ab, Verteidiger der Menschenrechte zu ermutigen, die sich in Gefahr befinden und auf sofortigen Schutz angewiesen sind, der unter anderem durch die internationale Aufmerksamkeit geschaffen werden soll, welche die Auszeichnung mit sich bringt.

Neben den Aussenministerien der Schweiz, Spaniens, Deutschlands, Irlands und Finnlands ist die Stadt Genf eine besonders wichtige Partnerin des Martin-Ennals-Preises. Sie deckt den grössten Teil der Kosten der jährlichen Verleihungszeremonie (in Form von Sach- und Dienstleistungen). Zudem vergibt sie an alle Nominierten einen Betrag von je 11'650 Franken, mit denen diese ein Projekt ihrer Wahl umsetzen können.

Die Stiftung Martin Ennals ging aus der Zusammenarbeit von 10 bedeutenden internationalen Menschenrechts-Organisationen hervor, die auch die Jury stellen: Amnesty International, Human Rights Watch, Internationale Föderation der Menschenrechts-Vereinigungen (FIDH), Weltorganisation gegen die Folter (OMCT), Front Line Defenders, Internationale Juristen-Kommission (IJC), International Service for Human Rights, Human Rights First, Diakonie Deutschland und HURIDOCS.


(Übertragung aus dem Französischen: Rita Emch), InfoSud

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