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Ex-UNRWA-Chef Pierre Krähenbühl glaubt an Rehabilitierung durch UNO

Die UNRWA-Schulen unterrichten etwa 280'000 Kinder. Keystone / Ali Ali

Der Schweizer Pierre Krähenbühl glaubt, dass die gegen ihn erhobenen Vorwürfe bald endgültig widerlegt sind. Auch sieht er eine Veränderung in der Haltung Berns. Das sagt Krähenbühl, der Ende 2019 angesichts des Drucks als Generalkommissar des UNO-Hilfswerks für Palästina-Flüchtlinge UNRWA zurückgetreten war, im Interview.

Dieser Inhalt wurde am 26. Februar 2021 - 11:00 publiziert

Pierre Krähenbühl wurde im November 2013 zum Leiter des UNRWA ernannt und war damit einer der ranghöchsten Schweizer bei den Vereinten Nationen. An der Spitze des Hilfswerks stand Krähenbühl angesichts der politischen Belastung im israelisch-palästinensischen Konflikt besonders stark unter Druck.

Pierre Krähenbühl im Jahr 2018. © Keystone / Martial Trezzini

Mit dem Einzug von Donald Trump ins Weisse Haus fingen die Probleme für Krähenbühl jedoch erst richtig an. Der Rückzug der USA aus dem UNO-Hilfswerk bedeutete auch die Einstellung ihrer finanziellen Beiträge für das Jahr 2018.

Dies zog ein Finanzloch von 300 Millionen Dollar nach sich, das Krähenbühl durch die zusätzliche Unterstützung von rund 40 Staaten zu stopfen wusste.

Im Jahr 2019 warfen Mitarbeitende der UNRWA dem Genfer dann Machtmissbrauch, Vetternwirtschaft, Diskriminierung sowie eine unangemessene Beziehung zu einer engen Mitarbeiterin vor.

Von Vorwürfen entlastet

Die UNO leitete eine Untersuchung ein, deren Ergebnisse Krähenbühl weitgehend von den Vorwürfen entlasteten, wie das öffentlich-rechtliche Westschweizer Fernsehen RTS, dem eine Kopie des bisher nicht offengelegten Schlussberichts vorlag, berichteteExterner Link.

UNO-Generalsekretär Antonio Guterres hatte bereits im November 2019 mitgeteilt, es sei weder zu Betrug noch zur Veruntreuung von Geldern gekommen. Krähenbühl, der von der Schweizer Diplomatie zu dem Zeitpunkt kaum oder gar nicht unterstützt wurde, trat im November 2019 von seinem Amt zurück.

Ein Hoffnungszeichen für ihn gab es kürzlich aus Bern. Aussenminister Ignazio Cassis sagte Anfang Februar der Tageszeitung "Le TempsExterner Link": "Die Schweiz hat die UNO gebeten, diese Dokumente aus Gründen der Transparenz zu veröffentlichen. Dies würde eine sachliche Diskussion ermöglichen."

swissinfo.ch: Waren Sie nicht gerade deshalb einer Hetzkampagne ausgesetzt, weil Sie 2018 das von den USA verursachte Finanzloch überwunden hatten?

Pierre Krähenbühl: Das ist sicher einer der Gründe. Ich habe aber keine Beweise, die eine Verbindung aufzeigen zwischen den politischen und finanziellen Angriffen und dem ursprünglichen Bericht über Vorwürfe, die aus der UNRWA selbst gekommen waren.

Als dieser interne Bericht jedoch im Sommer 2019 an die Presse durchgesickert war, wurde er politisch instrumentalisiert. Aus einem finanziellen Angriff im Jahr 2018 wurde im Jahr 2019 ein politischer und persönlicher Angriff. Ich bin überzeugt, dass mir und der UNWRA die Überwindung der finanziellen Krise nicht verziehen wurde.

Nach seinem Besuch in einem UNRWA-Lager in Jordanien sorgte Ignazio Cassis für Aufregung, als er die Frage aufwarf, ob das Hilfswerk Teil des Problems sei – und nicht Teil der Lösung; eine Formulierung, welche die USA und Israel immer wieder nutzen. Hatten Sie das während seinem Besuch besprochen?

Wir wussten, dass er eine andere Sensibilität für den israelisch-palästinensischen Konflikt hatte als seine Vorgänger. Eine andere Einstellung, das ist in europäischen Ländern nichts Ungewöhnliches.

Der Besuch selbst verlief gut. Sowohl die Schweizer Delegation als auch das UNRWA-Team waren der Meinung, dass es ein guter Besuch war. Während unseres Tête-à-Tête stellte der Aussenminister viele Fragen und zeigte sich sehr interessiert.

Wir waren daher sehr überrascht, diese Formulierung in einem Interview nach seiner Rückkehr zu lesen, da sie in unseren Gesprächen nicht aufgetaucht war. Diese Äusserungen, die als ein Kurswechsel der Schweiz wahrgenommen wurden, sorgten auch im Nahen Osten für Überraschung. Dort ist man an die konstante Schweizer Positionen im Konflikt gewöhnt, wie mir verschiedene Minister sagten.

Jedenfalls konnte ich, nachdem der Gesamtbundesrat im Anschluss an diese Äusserungen die Schweizer Position klarstellte, die Kontinuität der Schweizer Politik im Nahen OstenExterner Link und der Unterstützung für das UNRWA unterstreichen.

Hat sich seit der erwähnten RTS-Sendung im vergangenen Dezember über den UNO-Abschlussbericht etwas geändert?

Was sich verändert hat, ist die allgemeine Wahrnehmung der Ereignisse von 2018 und 2019. Die Sendung hat wesentlich dazu beigetragen, Licht in die Krise, ihren Kontext und die Ergebnisse der UNO-Untersuchung zu bringen. Sie löste auch eine beträchtliche Anzahl Reaktionen von Seiten der Medien und der Bevölkerung aus.

Zudem unterstützt Bern nun den Antrag auf Klärung und die Schliessung des Dossiers durch die UNO. Dies ist das Hauptziel in dieser Sache.

Ich begrüsse den Vorstoss aus Bern, der ein realistisches Ziel hat: Ein abschliessendes Schreiben des UNO-Generalsekretariats zum ganzen Verfahren, in dem die Ergebnisse der Untersuchung dargelegt werden und gesagt wird, dass von den vielfältigen und schwerwiegenden Anschuldigungen gegen mich nichts Wesentliches übrig geblieben ist. Es liegt nicht an der Schweiz, dies zuerst zu tun, sondern an der UNO.

Der Generalsekretär António Guterres rief mich im November 2019 an und teilte mir mit, dass die Vorwürfe der Korruption, des Betrugs, der Misswirtschaft und der angeblichen Beziehung alle entkräftet wurden. Das war die Hauptsache. Abgesehen davon sind Fehler unvermeidlich, wenn man ein Hilfswerk leitet, die unter derart viel Druck steht und rund 30'000 Mitarbeitende hat.

War das grüne Licht aus Bern eine Voraussetzung für den UNO-Generalsekretär, um die Affäre abzuschliessen?

Die UNO kann aus eigener Initiative handeln. Mein Rücktritt im November 2019 hatte, laut der UNO-Zentrale in New York, das Verfahren ausgesetzt. Da die Untersuchung zu einem Schluss gekommen ist, kann dieses Kapitel nun abgeschlossen werden.

Ohne über die Verzögerungen spekulieren zu wollen, glaube ich, dass der Wechsel der Administration in den USA den Abschluss dieses Falls begünstigt.

Dieser Regierungswechsel hat spürbare Auswirkungen für den Nahen Osten. Gilt das auch für die UNRWA?

Ich hoffe es. Die Vereinigten Staaten sind seit 65 Jahren der grösste Geldgeber der UNRWA. Ein Grund für dieses langfristige Engagement Washingtons ist die Unterstützung der palästinensischen Flüchtlinge, aber auch Israels. Die USA waren sehr grosszügig, aber zuweilen auch kritisch, was einige Leute in der Schweiz nicht ganz realisiert haben.

Es war dieser Weg, von dem die Trump-Administration abzukommen versuchte, indem sie die US-Botschaft nach Jerusalem verlegte und die Finanzierung des UNRWA einstellte.

Das Hilfswerk befand sich zu diesem Zeitpunkt in einer existenziellen Krise. Wir beschlossen, uns diesem Diktat nicht zu beugen. Und es ist uns gelungen, mehr als 40 Länder zu mobilisieren, die ihre Mittel erhöht haben.

Die neue Biden-Administration hat schon ihre Bereitschaft für eine erneute Zusammenarbeit mit der UNRWA signalisiert. Dies wäre die Wiederaufnahme einer langjährigen Partnerschaft.

Sie waren der erste Generalkommissar, der nicht eine klassische Diplomatenlaufbahn durchlief (wie auch Ihre amerikanische Stellvertreterin). War dies für eine derart exponierte Position nicht ein grundlegender Nachteil?

Als ich mich 2013 beworben habe, hätte die Schweiz das einfach zur Kenntnis nehmen können. Doch sie entschied sich, meine Kandidatur offiziell zu unterstützen, mit einem Brief des damaligen Schweizer Bundespräsidenten Ueli Maurer an Ban Ki-moon, den damaligen UNO-Generalsekretär. Und das gesamte diplomatische Korps der Schweiz ging koordiniert vor und engagierte sich aktiv bei anderen Staaten, um meine Kandidatur zu unterstützen.

So erfuhr ich, was es bedeutet, die Unterstützung seines Landes zu haben. Die Kandidatur meiner Stellvertreterin Sandra Mitchell genoss die gleiche Unterstützung ihres Landes. Wir waren keine Berufsdiplomaten. Wir kamen von humanitären Organisationen. Aber das Engagement unserer beiden Länder war sehr stark.

Die Hauptsorge von Ban Ki-moon bei meiner Einstellung war, ob ich Fähigkeiten zur Mobilisierung von Spendern und für Fundraising-Kampagnen hatte. Schon damals war die Finanzierung die Achillesferse der UNRWA, und wir mussten einen Weg finden, die finanzielle Stabilität des Hilfswerks zu gewährleisten.

Es war in der Tat die Trump-Administration, die den Bruch herbeiführte, mit einer dem Multilateralismus gegenüber feindlich eingestellten Politik, wie mir der französische Präsident Macron 2018 gesagt hatte.

Was ist langfristig betrachtet das wichtigste Programm der UNRWA?

Es gibt wesentliche Aufgaben im Bereich der medizinischen Grundversorgung durch ein Netzwerk von 140 Kliniken, dazu kommt die Verteilung von Lebensmitteln oder von Bargeld zum Leben - oder sogar Überleben für jene, die unter die Armutsgrenze gefallen sind.

Was mich jedoch am meisten beeindruckte, ist was das Hilfswerk im Bereich BildungExterner Link tut. Das ist etwas, das ich während meinen 22 Jahren beim IKRK nicht auf diese Weise erlebt hatte.

Humanitäre Organisationen werden oft dafür kritisiert, dass sie sich zu sehr auf Nothilfemassnahmen konzentrierten, ohne den Betroffenen zu helfen, mittelfristig wieder eine gewisse Autonomie zu erlangen.

Mit dem Schul- und Berufsbildungsangebot der UNRWA entdeckte ich eine aussergewöhnliche Aktion. Den Mut der Schülerinnen und Schüler zu sehen, die unter extrem schwierigen Bedingungen, oft in Kriegssituationen, beharrlich lernen und studieren, hat bei mir einen tiefen Eindruck hinterlassen. Diese Entschlossenheit und Disziplin haben kaum etwas gemeinsam mit meiner Schulerfahrung in der Schweiz.

Es ist wichtig für die Region, dieses Bildungssystem zu schützen. Stellen Sie sich vor, was mit den rund 280'000 Schülerinnen und Schülern in UNRWA-Schulen im Gazastreifen passieren würde, wenn diese Schulen geschlossen würden. Die Alternative wäre, dass sie von der Hamas geführte Schulen besuchen müssten.

(Übertragung aus dem Französischen: Rita Emch)

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