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Presseschau vom 12.03.2004

Nach dem Attentat in Madrid kam es in ganz Spanien zu spontanen Trauermärschen.

(Keystone)

Rund 200 Tote und weit über 1000 Verletzte – das ist die vorläufige Bilanz der Terror-Anschläge in Madrid.

Noch immer herrscht Unklarheit, wer die Anschläge verübt hat: "ETA oder Al Kaida" – fragen auch die Schweizer Tageszeitungen am Tag danach.

"Neue Dimension des Terrors in Europa", titelt die BASLER ZEITUNG auf ihrer Frontseite. Drei Tage vor der Parlamentswahl ist Spanien vom schwersten Terroranschlag seiner Geschichte getroffen worden.

"Spanien steht unter Schock. Fassungslos starrt ein ganzes Land auf Bilder, wie sie das Fernsehen bisher aus dem Irak oder Israel zu übertragen pflegte."

Der Hass werde neuen Hass hervorbringen, schreibt der Kommentator der BASLER ZEITUNG weiter.

"Wer - wie der Sozialistenführer Zapatero - zu differenzieren versteht, wer friedfertiges Unabhängigkeitsstreben, Erweiterung regionaler Autonomie und Terrorismus nicht in eins setzen mag, der wird sich kaum Gehör verschaffen können. Das Nein der regierenden Volkspartei zu jedwedem nationalen Aufbegehren dürfte dagegen auf offene Ohren stossen."

Zweifel an arabischer Täterschaft

Zwar ist bei einer arabischen Zeitung in London ein angeblicher Bekennerbrief der Al Kaida eingegangen. An seiner Echtheit wird aber gezweifelt.

"Fast alles deutet darauf hin, dass hinter der verheerenden Bombenserie die Terroristen der baskischen ETA stehen", schreibt die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG.

Die Organisation besitze grosse Mengen an Sprengstoff, und vor einigen Monaten, an Weihnachten, sei ein Anschlag auf einen grossen Bahnhof in Madrid fehlgeschlagen.

"Ein grosser Anschlag wurde seit langem befürchtet, sozusagen als 'Verzweiflungstat' einer Organisation, die laut den Behörden dank Fahndungserfolgen der Polizei geschwächt sein soll."

ETA will Terror, nicht Unabhängigkeit

Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG geht mit der baskischen Untergrundorganisation hart ins Gericht.

"Dass das Baskenland und die baskische Kultur durch Madrid unterdrückt würden, ist im heutigen Spanien eine Mär, die sich nicht aufrecht erhalten lässt. Das Baskenland geniesst unter allen spanischen Regionen die grösste Autonomie."

Zwar habe sich die Regierung Aznar gegenüber nationalistischem Aufbegehren äussert hart und kompromisslos gezeigt, aber sie wisse dabei grosse Teile der Bevölkerung hinter sich. Mit den jüngsten Bombenanschlägen habe die ETA den Konservativen Aznars Wahlhilfe geleistet.

"Allein daran lässt sich ablesen, dass es den Terroristen nicht um die Unabhängigkeit des Baskenlandes geht, sondern darum, das Land zu spalten. Zwietracht, Terror und Unsicherheit – das ist das Ziel der ETA."

Erfolgloser Kampf gegen den Terrorismus



Der Berner BUND ist vorsichtiger: Unter dem Titel "Nur eine einzige Gewissheit" schreibt der Kommentator, dass man über die Täterschaft nichts wisse.

"Alles Spekulationen. Bis sich jemand zu den Anschlägen bekennt, wissen wir nur eines sicher: Die Welt ist nach zweieinhalb Jahren globalem Krieg gegen den Terrorismus nicht sicherer geworden."

Die Genfer Tageszeitung LE TEMPS spricht von "L'abstraction de la terreur" – "Der gesichtslose Terror".

Es habe einmal eine Zeit gegeben, als die "Salauds", die Schweinehunde, den Mut gehabt hätten, sich geradeaus zu ihren Taten zu bekennen: Zum Mord an einem Richter, zum Anschlag auf eine Kaserne.

Heute sei dies anders: Das Attentat, der terroristische Anschlag, sei zum Selbstzweck geworden, zum schrecklichen Spektakel ohne Autor.

"Es passiert nicht nur den anderen"

Wie soll der demokratische Staat darauf reagieren, fragt LE TEMPS. Mit einer Verschärfung der polizeilichen Überwachung?

"Das tun die meisten demokratischen Staaten im Westen seit drei Jahren – mit wenig Erfolg, dafür mit rechtlichen Entgleisungen, wie etwa dem illegalen Gefängnis in Guantanamo."

Die Genfer Zeitung kommt zum Schluss: "Man muss mit dem Risiko leben – nur so bekommt man es in den Griff. Der Terrorismus ist ein Unfall auf der Strasse der Demokratie. Es passiert nicht immer nur den anderen."

swissinfo, Katrin Holenstein

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