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Presseschau vom 17.09.2003

Die Schweizer Medien würdigen den zurücktretenden Bundesrat Kaspar Villiger als typischen Schweizer. Bei seiner Politik habe der Luzerner immer das Machbare im Blick gehabt und sei dem Zusammenhalt des Landes verpflichtet gewesen.

Dieser Inhalt wurde am 17. September 2003 - 09:35 publiziert

Neben der Würdigung Villigers befassen sich die Kommentatoren auch schon mit der Nachfolge-Frage. Dabei fallen überall dieselben Namen, in erster Linie Christine Beerli und Franz Steinegger.

"Ein teurer, aber ein guter Bundesrat", so der Titel des Kommentars in der NEUEN LUZERNER ZEITUNG. "Ein Schweizer" heisst es simpel im Berner BUND, während die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG sich schon im Titel mit der Zeit nach der Ära Villiger befasst: "Villiger geht – und mit ihm die Konkordanz?"

Der personifizierte Konsens



Weiter schreibt die NZZ: "Kaspar Villiger bleibt sich treu, auch in seinem Abgang als Bundesrat. Kein inszenierter Knalleffekt, keine wahltaktischen Pirouetten, kein selbstgefälliges Ego-Marketing."

Zwar sei es ihm nicht gelungen, die Staatsfinanzen ins Lot zu bringen. Dennoch schätze ihn das Volk wie niemanden sonst in der Landesregierung. Auch dort habe der Luzerner den Konsens personifiziert.

"Es mutet deshalb wie eine Ironie des Schicksals an, dass nach Villigers Abgang die Zauberformel in der Landesregierung erstmals seit 1959 ernsthaft zur Disposition steht."

Denn bevor das neue Parlament am 10. Dezember die Nachfolge Villigers regeln könne, müsse es indirekt über eine Fortschreibung der Konkordanz-Regierung entscheiden, schreibt die NZZ weiter.

Wenn das Parlament an einer Regierung festhalte, die in etwa das politische Kräfteverhältnis im Lande abbilde, brauche es je nach Ausgang der Parlamentswahlen vielleicht eine Anpassung der Zauberformel.

Nach Ansicht der NEUEN LUZERNER ZEITUNG hat sich Villiger in seinen fast 15 Jahren Regierungstätigkeit zum "grossen Staatsmann gemausert. Als überzeugter Patriot und Föderalist ordnete der Luzerner sein Handeln stets dem Wohl des Landes unter, ohne je nach dem kurzfristigen eigenen Vorteil zu schielen".

Zwar werde er von vielen nicht als unerschrockener Kämpfer für das Bankgeheimnis gefeiert, sondern als Kassenwart kritisiert, der seinen Nachfolgern einen Schuldenberg von 40 Milliarden Franken hinterlassen habe. Diese Kritik falle aber auf die Kritiker selbst zurück, so die NLZ weiter.

"Denn erstens hat der nationale Ausgleich nun mal seinen Preis. Und zweitens gestaltet in der Schweiz nicht der Finanzminister die Finanzpolitik, sondern das Parlament."

Gesucht: Sisyphus



Mit dem Loch in der Staatkasse befasst sich auch die BERNER ZEITUNG. Wie sein Vorgänger, der Sozialdemokrat Otto Stich, habe Villiger die Erfahrung machen müssen, dass nicht der Finanzminister die Finanzpolitik gestalte, sondern das Parlament. Und auch das neue Parlament werde es verstehen, Sparpakete und andere Massnahmen zu unterlaufen.

"Wer auch immer Bundesrat Villiger beerbt, er sollte die Sisyphus-Sage als Libelingslektüre wählen", empfiehlt der Kommentator.

"Der Undank der Demokratie" heisst es in der AARGAUER ZEITUNG, die sich bei der Würdigung Villigers ebenfalls mit den Tücken der Schweizer Finanzpolitik befasst und weiter schreibt:

"Wie wahr. Finanzminister – der undankbarste Job im Bundeshaus! ... Seit vierzig Jahren verhindert die helvetische Demokratie eine neue Finanzordnung. Es wird so bleiben. Leider."

Der typische Schweizer

Für die Westschweizer Zeitung LE TEMPS verkörperte Villiger als Bundesrat das typisch Schweizerische.

"Une certaine idée de la Suisse", lautet denn auch der Titel des Kommentars. Zwar würden sich nicht alle Schweizer in Villiger erkennen, doch dieser sei ein Spiegel der Tiefen der helvetischen Politik.

"Il est un de ces hommes d'état qui n'utilisent ni la séduction, … ni les coups d'éclat politiques. – Er ist einer jener Staatsmänner, die weder auf Verführung noch auf politische Paukenschläge setzen."

"Schweizer Qualität" sieht auch der TAGES-ANZEIGER in Villiger: "Wie kein anderer Bundesrat verkörpert er was als landestypisch gilt. Er ist fleissig, ausdauernd, verlässlich, ernsthaft, bescheiden, ehrlich, eher konservativ. ... Villiger ist der menschgewordene Nationalcharakter."

Für das Boulevard-Blatt BLICK verliert die Schweiz mit Villiger einen Brückenbauer. Zwar sei der Luzerner kein Visionär und eines seiner grossen Ziele, einen ausgeglichenen Bundeshaushalt nämlich, habe er nicht erreicht.

"In der Erinnerung aber überwiegt Positives. ... Typisch Villiger, typisch Schweiz."

swissinfo, Rita Emch

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