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Presseschau vom 22.10.2002

Die NATO-Ost-Erweiterung im Gebiet der ehemaligen Sowjetunion wird in den Schweizer Medien breit besprochen.

Dieser Inhalt wurde am 13. Dezember 2002 - 09:24 publiziert

Bewegt wird die Medienlandschaft auch von der Absetzung des Chefredaktors des Tages-Anzeigers.

"Die Nato an Russlands Tür" titelt der BUND und wundert sich:

"Das Baltikum ist bald in der Nato, und Moskau schreit nicht auf. Das war vor der ersten Erweiterung 1999 noch anders: Ein Propaganda-Sperrfeuer begleitete den Beitritt Polens, Tschechiens und Ungarns, obwohl das nur einstige Zwangsverbündete, nicht Untertanen der Sowjetmacht waren."

Der Grund für die kommentarlose Zustimmung sieht der BUND hierin:

"Vor allem aber ist Russland Vollmitglied in der informellen Koalition geworden, die sich gegen den Terrorismus um die USA schart; Moskau tut das kritikloser als manche Nato-Mitglieder und wird dafür von Kritik an seinen Gräueltaten in Tschetschenien verschont."

Auch die AARGAUER ZEITUNG schreibt über "den russischen Bären", der "nur leise brummt" zum Beitritt von sieben ost-europäischen Staaten zur NATO:

"Noch vor wenigen Jahren wäre das undenkbar gewesen. Damit zeigt sich einmal mehr, wie grundlegend sich die politischen Koordinaten nach dem 11. September verschoben haben: Der neue gemeinsame Feind von West und Ost heisst jetzt globaler Terrorismus."

Der TAGES-ANZEIGER fragt sich, ob es die NATO denn inhaltlich überhaupt noch gibt:

"Die Irak-Krise und der erklärte Wille der USA, im Ernstfall allein gegen Saddam Hussein vorzugehen, hat das Leitmotiv der Allianz - 'Einer für alle, alle für einen' - zur Leerformel verkommen lassen."

Weiter schreibt der TAGI:

"In Prag zeigte sich aber, dass die Nato genau für solche Einsätze auch weiterhin kaum zu gebrauchen ist. Deutschland etwa betonte, dass jede Beteiligung an der geplanten Eingreiftruppe vom Parlament abgesegnet werden müsste."

Auch sei kaum zu erwarten, so der TAGI, dass unter den NATO-Mitgliedern ein einstimmiger Beschluss je rasch zu Stande käme:

"Das wissen auch die USA. Deshalb haben sie in ihre Anfrage nach einem militärischen Beitrag für einen allfälligen Krieg gegen den Irak auch nicht in die Allianz eingebracht, sondern einzeln an rund 50 Staaten gerichtet. Dies dürfte auch für den künftigen Umgang der USA mit der NATO typisch sein: Washington bietet den Partnern Schutz und militärischen Beistand an und hofft, im Gegenzug wenigstens einen Teil von ihnen für so genannte Koalitionen der Willigen zu gewinnen. Mit der alten Nato und ihrem Leitmotiv hat das allerdings nicht mehr viel zu tun."

Auch die Westschweizer LE TEMPS hinterfragt die NATO:

"Politiquement, l'OTAN est en panne. Stratégiquement, elle est confuse. Mais elle existe encore. Personne ne l'a trahie, ni quitée. Peut-être, comme l'a dit un haut foncitonnaire du Pentagone aussitôt réprimandé, n'est-elle qu'un 'mythe utile à préserver'. - Politisch gesehen steckt die NATO in einer Panne. Strategisch gesehen, ist sie konfus. Aber sie existiert noch. Niemand hat sie verraten, niemand hat sie verlassen. Vielleicht ist sie, wie ein hoher Beamter des Pentagons es nannte und umgehend getadelt wurde, nur ein Mythos, der weiter leben soll, weil er nützlich ist."

Die NEUE LUZERNER ZEITUNG stellt sich ebenfalls Fragen zur Zukunft der NATO:

"Alle Lobreden auf die Nato können kaum darüber hinwegtäuschen, dass das Verteidigungsbündnis von der Geschichte überholt worden ist. Im Moment ist weit und breit kein Gefahrenszenario sichtbar, das eine solche Organisation nötig machen würde."

Die LNZ stellt sich die Zukunft für die neuen NATO-Interessenten denn auch anders vor:
"Die Europäer würden besser daran tun, ihre Anstrengungen auf eine gemeinsame europäische Aussen- und Sicherheitspolitik zu konzentrieren, die diesen Namen verdient. Denn dass weiterhin um Frieden und Sicherheit gerungen werden muss und dazu grösste Anstrengungen nötig sind, steht ausser Frage."

Zukunft des Tages-Anzeigers

Fragen zur Zukunft ihres Flaggschiffs Tages-Anzeiger stellte sich auch die Tamedia-Unternehmensleitung und stufte ihren Chefredaktor Philipp Löpfe am Donnerstag kurzerhand in die Redaktion zurück. Neuer Chefredaktor wird der wie Löpfe rund 50-jährige Peter Hartmeier, der bisher Tamedia-Unternehmenssprecher war.

Die Konkurrentin NEUE ZÜRCHER ZEITUNG schreibt: "Es findet kein Generationenwechsel statt, sondern 'nur' ein Führungswechsel in einer stürmischen Branche."

Der TAGES-ANZEIGER selber schreibt: "Der TA-Chefredaktor wurde seines Amtes enthoben, weil sich die Tamedia-Führung und er nicht einig darüber waren, wie die Zukunft der Zeitung angegangen werden soll."
Die Redaktion "bedauert die plötzliche Absetzung ihres Chefredaktors".

Die Zukunftsdiskussion war zu führen, weil die Auflagezahlen zurückgingen. Der TAGI: "Die Zahlen sind nicht gut. Die Auflage betrug bis 1999 noch 280'000, heute liegt sie bei 250'000."

Als Gründe für den Rückgang werden neue Zeitungen genannt, nota bene die Pendlerzeitung 20Minuten, welche die Tamedia in Zukunft mit einem eigenen Pendlerblatt "EXPRESS" konkurrenzieren will.

Die NZZ: "Es war abzusehen, dass der neue Tamedia-Chef Kall seine Akzente setzen und dem Unternehmen einen Ruck geben würde. (...) Er liess die Öffentlichkeit wissen, dass Tamedia 'eine führende Rolle im Markt der Schweizer Regionalzeitungen einnehmen' wolle."

Dem neuen Tages-Anzeiger-Chefredaktor, der wie Löpfe eine eher liberale Leitlinie vertrete, wünscht die NZZ "Mut für seine Aufgabe. Denn Kall, der aufmunternde, charmierende Tamedia-Chef, besitzt scharfe Zähne."

swissinfo, Anita Hugi

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