Promovieren zwischen Gletschern und Eisbären

Sébastien Barrault lebt seit 2005 auf Spitzbergen. swissinfo.ch

Spitzbergen wird von Gletschern und Schnee dominiert. Und vor Eisbären muss man auf der Hut sein. Hier hat der Walliser Sébastien Barrault sein Paradies gefunden.

Dieser Inhalt wurde am 04. Juni 2007 - 08:39 publiziert

Auf dem Archipel Spitzbergen in Norwegen verläuft das Leben nach Rhythmen, die das Licht und die Polarnacht vorgeben – ein Leben im engen Kontakt mit der wilden Natur.

Tausend Kilometer oberhalb des Nordkaps, dem nördlichsten Punkt Europas, befindet sich die Inselgruppe Spitzbergen. Der Archipel ist sicherlich nicht einer der freundlichsten Orte auf diesem Planeten. Mit Eis, Schnee und Stürmen zeigt die Natur dem Menschen hier, wer Herr im Hause ist.

Und dann gibt es auf Spitzbergen Eisbären, deren Präsenz das tägliche Leben beeinflusst, ganz unabhängig davon, ob man sie antrifft oder nicht.

"Der Weissbär fasziniert und flösst gleichzeitig Angst ein. Aber wenn man sein Territorium respektiert, gibt es eigentlich keine Probleme", sagt Sébastien Barrault (30), der seit 2005 auf der Insel Spitzbergen lebt. Die Mitnahme eines Gewehrs bei Touren ist gleichwohl Pflicht.

Mit dem "Spitzbergen-Virus" infiziert

Sébastien stammt aus Sion. Und der Walliser ist auf dem norwegischen Archipel gelandet, um an der Universität von Spitzbergen (UNIS) seine Kenntnisse über Gletscher zu vertiefen.

"Hier zu leben und zu arbeiten, ist einfach fantastisch. Das Leben hat etwas Magisches: Der enge Kontakt zur Natur, die weiten Räume, die unendlich langen Nächte."

Im Januar 2004 wurde der Schweizer mit dem "Spitzbergen-Virus" infiziert, als er die Insel erstmals für einen Kurs über Schnee und Eis besuchte. Eigentlich sollte er nur sechs Monate bleiben, doch er beschloss, seinen Aufenthalt bis zum Ende des Jahres zu verlängern. "Ich wollte den ganzen Zyklus des Polarjahres erleben", so seine Begründung.

Nach seiner Rückkehr ins Wallis kam schon bald der Wunsch auf, wieder auf den Archipel zu gehen. "Ich suchte damals Arbeit in der Schweiz in meinem Fachbereich. Es gab aber nur Anzeigen für Konstrukteure von Glace-Maschinen", erinnert er sich.

Dann kontaktierte ihn sein Professor von der Uni in Spitzbergen und schlug ihm eine Doktorarbeit vor. "Ich habe nicht lange gezögert und gleich zugeschlagen."

Die ideale Stadt im extremen Norden

In Longyearbyen lebt Sébastien nun mit seiner Partnerin Elin in einem Fertighaus mit allem Komfort. Vor dem Sofa liegt ein Robbenfell. Das ist typisch für den arktischen Einrichtungsstil.

Aus dem Fenster sieht man die Holzhäuser des Spitzbergen-Hauptortes Longyearbyen (2000 Einwohner). "Hier sind wir in einer Tax-Free-Zone und die Arbeitsverträge sind für alle gleich", meint Sébastien.

Doch der Schweizer findet noch mehr lobende Worte für seine momentane Wahlheimat: "Hier gibt es keine Arbeitslosigkeit, die Gegend ist entmilitarisiert, die Kriminalitätsrate ist Null: Niemand schliesst seine Häuser oder Autos ab. Wenn du deine Tasche irgendwo stehen lässt, findest du sie sicherlich am gleichen Ort wieder."

So erstaunt es nicht, dass für die Kontrolle des 62'000 Quadratkilometer grossen Archipels fünf Polizisten ausreichen.

Angst vor dem Bär

Doch natürlich gibt es auch ein paar Unannehmlichkeiten an diesem Ort. Neben dem rauen Klima sind dies vor allem Versorgungsprobleme mit elektrischem Strom. Für den Fall eines lang anhaltenden Stromausfalls existiert sogar ein Evakuierungsplan.

Da in diesem Gebiet zudem der Eisbär zu Hause ist, ist Vorsicht bei Exkursionen angebracht. Vorallem muss man adäquat ausgerüstet sein, ansonsten können sich unangenehme Situationen einstellen. "Einmal war ich nachts ohne Gewehr allein in einer Gegend unterwegs, in der ich zwei Jahre zuvor einen Bären gesehen hatte", erzählt Sébastien.

Er dachte, sich im Schnee einzubuddeln. Doch das war keine schlaue Idee, weil Bären selbst Robben in einer Meter Tiefe aufspüren. "Nach einer ewig langen Viertelstunde haben mich Kollegen geholt."

Menschliche Wärme gegen arktische Kälte

Von Mitte Dezember bis Ende Januar erstreckt sich die lange Polarnacht. Eine schwierige Zeit? "Überhaupt nicht. Es ist die beste Zeit hier: Die Leute treffen sich, man rückt näher zusammen und die Atmosphäre wird ganz angenehm", erzählt Sébastien.

"Die Rückkehr des Lichtes ist dann einzigartig, auch wenn man Mühe hat, sich wieder an einen normalen Tagesrhythmus zu gewöhnen."

Dem jungen Schweizer würde es gefallen, weiterhin in Norwegen tätig zu sein. Doch selbst eine noch extremere Lebensform schliesst er nicht aus. "Ich würde gerne ein Jahr in einer isolierten Hütte leben und Füchse jagen", vertraut er swissinfo an.

An eine Rückkehr in die Schweiz denkt er im Moment nicht. Heimweh kommt sowieso nicht auf an einem Ort, wo es einen Gletscher namens "Tell" gibt, ein "Helvetia-Valley" und einen Berg namens "Wallis".

swissinfo, Luigi Jorio, Spitzbergen
(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)

Fakten

Archipel Spitzbergen: 62'000km2, zirka 2500 Einwohner.

Gehört seit 1920 zu Norwegen.

Ende 2006 lebten in Norwegen 2086 Schweizer, davon 1241 Doppelbürger.

Wie die Schweiz gehört auch Norwegen nicht zur Europäischen Union (EU), ist aber Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraumes EWR (mit Island und Liechtenstein).

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In Kürze

Sébastien Barrault wird 1976 in Sion (Wallis) geboren.

Er studiert Ingenieurwissenschaften an der ETH Lausanne und arbeitet nach dem Diplom ein Jahr an der Abteilung für Knochenerkrankungen am Universitätsspital Genf.

2004 fühlt er sich vom Norden angezogen und belegt einen Kurs in arktischer Geophysik an der Universität Spitzbergen.

Nach einer kurzen Rückkehr in die Schweiz geht er wieder auf den norwegischen Archipel, um eine Doktorarbeit über die Thermik der Gletscher zu schreiben.

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